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Stuttgart - Gefütterte Jacke, bequeme Stiefel. Hans-Jörg Pfalzer hat alles richtig gemacht. "Ich hab' mir schon gedacht, dass ich lange in der Kälte ausharren muss", sagt er grinsend und deutet auf die rund achtzig Besucher, die noch vor ihm in der Schlange vor der neuen Bibliothek am Mailänder Platz stehen. Gleich neben dem Eingang ist in weiser Voraussicht ein Suppenwagen postiert, der die Neugierigen, die mächtig frieren, mit etwas Heißem versorgt.
14.000 Besucher, so die offizielle Bilanz, haben in der "Stuttgartnacht" zum Sonntag die Gelegenheit genutzt, sich in siebzig Kultureinrichtungen eine Mischung aus Tanz, Theater, Musik und Kunst um die Nase wehen zu lassen - oder eben erstmals die neue Bibliothek zu erkunden.
"Ich bin überrascht, wie gut sie mir gefällt", sagt die Besucherin Sibylle Schade, die an diesem Abend die Neugier in das Innere des Bücherwürfels getrieben hat. "Sie wirkt sehr offen und wird bestimmt gut angenommen werden. Sie ist großzügig, aber nicht großkotzig", fügt sie hinzu. Dem können sich die meisten Besucher nur anschließen. Worte der Bewunderung sind zwischen den Bücherregalen zu vernehmen. Nur ganz vereinzelt ist auch etwas von "Bücherknast" oder von "moderner Polizeiwache" zu hören.
Lesungen wie am Fließband
"Heute wird die Bibliothek nun eingelesen", verkündet eine Mitarbeiterin das Programm des Abends. Im Café Lesbar im achten sowie in der Kinderecke im zweiten Obergeschoss lesen 22 Autoren - jeweils zehn Minuten lang - aus ihren Büchern vor. Die Lesungen werden über Lautsprecher auch in die anderen drei oberen Etagen übertragen.
Doch nicht nur die Bibliothek feiert an diesem Abend Premiere. Auch im Schauspiel Nord öffnet sich zum ersten Mal der Vorhang für das Stuttgarter Ballett. "Wir wollten dem Publikum etwas Einzigartiges zeigen. Das Ballett tritt natürlich nur bei der Stuttgartnacht hier auf", sagt Simone Voggenreiter vom Marketing des Schauspiels. Weil nur 140 Zuschauer ins Theater passen, drängen sich rund hundert weitere auf Polstersitzen im Foyer, um die Aufführung wenigstens auf einer Leinwand zu verfolgen. Andere, die selbst hier keinen Platz ergattern konnten, ziehen enttäuscht von dannen oder reihen sich in die Schlange vor der Tür ein.
"Wir haben leider nur begrenzt Platz. Insgesamt tritt heute Abend zwei Mal das Ballett und zwei Mal das Schauspiel auf", erklärt Simone Voggenreiter. Die Mitglieder des Schauspiel-Ensembles zeigen ihre Show "Viva la Mittwoch!-Spezial". Das Ballett führt sechs kurze Stücke zu Musik von Bach bis Elvis Presley auf.
Der Ministerpräsident liest
Lange Wartezeiten müssen aber auch die Besucher der Villa Reitzenstein in Kauf nehmen. Nur 850 Interessierte haben an diesem Abend die Gelegenheit, die Arbeitsräume des neuen Ministerpräsidenten zu besichtigen. Drei Gruppen dürfen sogar im Dienstzimmer von Winfried Kretschmann Platz nehmen, um sich aus einem seiner Lieblingsbücher von ihm vorlesen zu lassen. "Mehr Lesungen kriegen wir organisatorisch leider nicht hin, deshalb können nur wenige daran teilnehmen. Man muss einfach Glück haben und zur rechten Zeit in der richtigen Gruppe sein", entschuldigt der Regierungssprecher Arne Braun.
"Ich habe mich für das Buch Was ist Politik?' meiner Lieblingsphilosophin Hannah Arendt entschieden", sagt Kretschmann vor seinen zwanzig gespannten Zuhörern. Darin gehe es im Besonderen um die Wunder der Politik. "Wir müssen daran glauben, dass immer wieder etwas Neues entsteht. Wenn immer das geschähe, was man annimmt, bräuchte man keine Politik zu machen." Natürlich passierten nicht täglich Wunder, räumte er ein. "Trotzdem gibt es sie. Oder wer hätte vor einem Jahr noch gedacht, dass in einem Land wie Baden-Württemberg ein grüner Ministerpräsident ins Amt kommt? Ich am allerwenigsten", sagt Winfried Kretschmann und lächelt dabei.
Auch Autogramme gibt Winfried Kretschmann
"Wir haben fast eineinhalb Stunden draußen angestanden, aber es hat sich wirklich gelohnt", sagt der Besucher Karl-Heinz Denmark. Er ist mit seinem Sohn Pascal gekommen, der sich vom Ministerpräsidenten nach der Lesung ein Autogramm geben lässt. "Ich freue mich sehr, dass wir das Glück hatten, in die Gruppe zu kommen, die an der Lesung teilnimmt. Ich muss sagen, dass es mir sehr gefallen hat." Das tröste sie für das lange Warten.
Schlange stehen muss man am Heslacher Friedhof nicht. Doch wer hier Grabesruhe erwartet, wird eines anderen belehrt. In der Aussegnungshalle bieten sechs Musiker der "New Orleans Celebrators" fetzigen Jazz. "Es ist eine ungewöhnliche, aber absolut schöne Verbindung von Friedhofskultur und mitreißender Musik", lobt die Besucherin Stefanie Riedner. Dann zieht sie ihre Jacke fester um sich. "Ganz schön kalt", meint sie - aber Musik wärmt die Seele.
