11. September 2001 Auch die Überlebenden sind Opfer
Protokolliert von Andreas Geldner, 03.09.2011 12:43 Uhr
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Aufgenommen aus einem Polizeihubschrauber: eine Staubwolke bedeckt die eingestürzten Zwillingstürme des World Trade Centers in Manhattan. Foto: dpa
Aufgenommen aus einem Polizeihubschrauber: eine Staubwolke bedeckt die eingestürzten Zwillingstürme des World Trade Centers in Manhattan. Foto: dpa
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New York - Valerie B. (55) arbeitete in einer Bank im World Trade Center. Über das Erlebte hat sie zehn Jahre nicht geredet. Ein Foto von sich lehnte sie ab.

"Meine Arbeit im World Trade Center begann immer um 8.30 Uhr. Aber am Vorabend des 11. September war ich länger im Büro. Ich hatte meinen Mitarbeitern gesagt, dass sie später kommen könnten. Das hat uns gerettet. Als ich um 8.48 Uhr aus der U-Bahn stieg, war das erste Flugzeug erst vor zwei Minuten eingeschlagen. Alle standen nur da und schauten hinauf. Der Nordturm brannte.

Ich wollte sofort hin, um den Kollegen zu sagen, dass sie raussollten. Jemand hastete vorbei und rief: ,Oh, Gott, ein Flugzeug.' Da ist ein Pilot aber desorientiert gewesen, dachte ich. All diese Gegenstände fielen herunter. Ich habe nicht verstanden, was ich sah. Dann erinnere ich mich an diese Silhouette, die aussah, als habe jemand seine Arme und Beine ausgebreitet. Weißes Hemd, schwarzer Anzug. Es war ein Mensch. Er kam kopfüber herunter. Ich sah Körperteile herumliegen.

Mir wurde schwarz vor Augen. Jemand hat meinen Arm gepackt und gesagt: ,Fall ja nicht um, du wirst zu Tode getrampelt.' Dann schlug das zweite Flugzeug ein. Alle rannten plötzlich. Ich wollte nicht in die U-Bahn, weil ich fürchtete, dort begraben zu werden. Im Chaos sah ich einen großen Mann, der ein Kind hochhielt und schrie: ,Wer hat dieses Baby zurückgelassen?' Die Straßen wurden voller. Ein leerer Bus entfernte sich eilig. Ich stellte mich auf die Straße und stoppte ihn. Der Fahrer schrie mich an. ,Geh aus dem Weg!' Ich schrie zurück: ,Wir alle wollen raus!' Dann sind die Leute zum Bus geströmt. Sie zückten ihre Fahrkarten, ein paar haben nach Wechselgeld gefragt. Wir waren auf Alltag programmiert. Ich glaubte an weitere Angriffe, wollte möglichst weit weg.

Ich erreichte den letzten Vorortzug, der noch fuhr. Zu Hause lag ich drei Tage auf dem Sofa und weinte. Ich musste an die denken, die gesprungen waren. Sie müssen so gelitten haben. Nach einer Weile wollte ich nicht mehr darüber reden. Die Leute sind doch nur froh, dass ihnen selbst nichts passiert ist. Ich war für sie äußerlich unverletzt. Was war also mein Problem? Am 11. September habe ich gemerkt, wie wenig mich der Staat schützen kann.

Auch danach haben wir versagt. Wir haben den Witwen der Helfer Millionen gegeben. Helden - das war alles, was zählte. Die Überlebenden ließen sie im Stich. Was war mit meinen Kollegen, die ihren Job aufgaben, weil sie Angst vor Manhattan hatten? Sie haben sich nicht einmal um die Gesundheit der Arbeiter in den Trümmern gekümmert. Die zehn Jahre haben nichts geheilt. Das World Trade Center ist ein Friedhof, doch die Leute gaffen, als seien sie im Kunstmuseum. Ich habe mich entschieden, in New York zu bleiben. Aber seit damals habe ich immer Schuhe mit flachen Sohlen dabei, damit ich bei Gefahr schneller wegrennen kann."

Barbara Kavanagh (48) ist Valeries Schwägerin. Sie ist Rektorin einer katholischen Schule in der Bronx.

"Ich werde nie vergessen, wie bei meiner Fahrt zur Arbeit die Zwillingstürme in der Sonne schimmerten. Ich war Viertel vor acht an der Schule. Um neun kam meine Sekretärin und sagte, dass ein Flugzeug abgestürzt sei. Ich brach den Unterricht ab und versammelte die Kinder im Hauptgebäude. Ich sagte den Schülern, dass ein großer Unfall passiert sei: ,Macht euch keine Sorgen, wenn Mama und Papa nicht gleich kommen und euch abholen.' Mit dieser Ansage bin ich durch die Klassenzimmer gegangen. Ich wollte sie vor dem Horror schützen. Als ich in einer Tür stand, hörte ich Jets über uns hinwegdonnern. Ich duckte mich und dachte, die werfen eine Bombe.

Ich rief meine Eltern an, sie weinten. Ich dachte, dass ich sie und die Kinder nie wiedersehen würde. Ich wollte wenigstens meinen 16-jährigen Sohn Michael bei mir haben und holte ihn aus der Schule in der Nähe ab. Meine Eltern in Queens nahmen die beiden Kleinsten zu sich. Wenn etwas passieren würde, sollten sie bei ihnen sein.

Schlimm war, dass der Vater zweier Schüler nicht wiederkam. Er war Polizist im World Trade Center. Er war schon draußen, dann ging er zurück, um andere zu retten. Als zwei Tage später klar war, dass er nicht überlebt hatte, musste ich seinen Jungen aus dem Klassenzimmer holen. Ein ruhiger, schüchterner Siebenjähriger. Er wollte erst nicht mit. Wir gingen zur Bücherei, wo seine Mutter auf ihn wartete, um es ihm zu sagen. Er zeigte keine Gefühle, als er wieder zurück in die Schule kam. Seine vierjährige Schwester klammerte sich danach sehr an mich. In den Tagen darauf musste ich mich auch um die muslimischen Familien kümmern. Ich wollte nicht, dass anständige Leute angefeindet würden.

Wenn ich heute Gewalt in der Welt sehe, glaube ich, dass das jederzeit auch hier passieren kann. Seit bin Laden tot ist, fühle ich mich noch weniger sicher. Er hätte bestraft gehört. Aber in sein Haus zu gehen und ihn zu erschießen, ist für uns eine Schande. Zur neuen Gedenkstätte werde ich nie gehen. Die Toten sind in meinem Herzen - ich habe an der Schule eine Flagge mit ihren Namen. Auch wenn ich Amerika liebe, frage ich mich manchmal, ob ich nicht wegsollte. Die Terroristen haben etwas im Gewebe dieses Landes zerrissen. Ich werde mich nie mehr sicher fühlen."

Kommentare (2)
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SEP
03
ich, 15:40 Uhr

respekt an die opfer

aber langsam langweilt mich das ständige und immer wiederkehrende neuaufbereiten des 11.septembers, schreiben sie doch mal was über die zivilen opfer im irak in afghanistan oder in lybien die durch 1000e US Bomben zerfetzt werden aufgrund von argumenten die meiner meinung nach sowohl das einschreiten im irak als auch das in afghanistan als auch das in lybien nicht rechtfertigen und wahrscheinlich eher geostrategischen machtinteressen dienen. ich möchte hier den 11.september in seiner schrecklichkeit nicht relativieren oder herabstufen alles was ich fordere ist auch die andere seite der medaille zu sehen denn immerhin wurde aufgrund dieses "anschlags" ein krieg angezettelt der bis heute weitergeht und mehrere 100.000 zivilisten das leben gekostet hat.

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SEP
03
Simon aus Pennsylvania, 14:27 Uhr

Vor 10 Jahren...

Jeder der damals in New York gelebt hat, und das schliesst mich ein, weiss ganz genau wo er oder sie war, als die Flugzeuge in das World Trade Center flogen. Ich sass in einem Opernkurs an einer Uni in Queens. Jeder hat Verwandte, Freunde oder Bekannte verloren, und kennt die Geschichten der anderen. Ich selbst habe einen Cousin verloren, der bei der New Yorker Feuerwehr war. Monate danach hat man eine Fingerkuppe und sein Abzeichen gefunden. Der Rest seines Körpers existierte nur noch in Asche, die jeder heraum einatmete. In den darauffolgenden Jahren war und ist New York traumatisiert. Nicht nur weil man liebe Menschen verloren hatten, und die Medien in den ersten Tagen diese schrecklichen Bilder in einer Wiederholungsschleife hatten, sondern weil die Bushregierung New York dazu missbrauchte, um die Beliebtheit des Präsidenten aufrechtzuerhalten. Wann immer seine Beliebtheitszahlen zu sinken drohten, war plötzlich ein neuer Angriff von Terroristen auf New York geplant. Es war und ist immer noch schwer für einen New Yorker, egal ob er nun in Manhattan, in der Bronx, in Queens, in Brooklyn oder auf Staten Island wohnt, mit den Angriffen dieses 11. Septembers 2001 fertig zu werden. Wobei eine Mehrzahl der New Yorker nicht glaubt, dass Osama Bin Laden dahintersteckte, sondren die eigenen Regierung, um einen Grund zu haben, mit dem Irak einen Krieg anzufangen, und natürlich Waffen zu verkaufen. Schliesslich war unser damaliger Vizepräsident ja immer noch ein Berater für Halliburton. Es gab damals einfach zu viele Zufälle! Viele New Yorker verliessen deshalb die Stadt und liessen sich vor allem hier in Pennsylvania nieder. ... Was mich jedoch wundernt, laut der Stuttgarter Zeitung von damals waren unter den Menschen, die damals gestorben sind, auch ca. 100 Deutsche. Warum hat man eigentlich nicht für diesen Artikel Angehörige dieser deutschen Opfer befragt?

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