250. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 Der lange Atem der Gegner

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Diesen Montag findet die 250. Montagsdemonstration vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof statt. Auch wenn die Protestbewegung in Ritualen zu erstarren droht, bleibt ihre Vergangenheit doch groß.

Man kennt die Parolen – und man kennt auch   die Gemeinde, die seit Jahren hartnäckig   gegen S 21 anmarschiert. Foto: Achim Zweygarth 38 Bilder
Man kennt die Parolen – und man kennt auch die Gemeinde, die seit Jahren hartnäckig gegen S 21 anmarschiert.Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Es ist ein bemerkenswertes Jubiläum, das in diesen Tagen in Stuttgart gefeiert wird. In der kommenden Woche findet die 250. Montagsdemonstration statt, ein „einzigartiges Ereignis der Nachkriegsgeschichte Deutschlands“, wie die Veranstalter mit sichtlichem Stolz schreiben. Übertreiben sie? Nein. Niemand, der die Anfänge dieser wöchentlichen Treffen im November 2009 verfolgt hat, konnte mit diesem Protestmarathon rechnen. Damals versammelten sich fünf Menschen vor dem Nordflügel des Hauptbahnhofs, um gegen Stuttgart 21 zu mobilisieren. Dass sie den Grundstein für eine Massenbewegung legten, die Stadt und Land radikal verändern sollte, überstieg in jenen tristen Herbsttagen selbst die kühnsten Träume dieser ersten und einsamen Montagsdemonstranten. Aber so ist es gekommen: Nach Stuttgart 21 werden Großprojekte in der ganzen Republik anders, nämlich bürgernaher auf den Weg gebracht als zuvor.

Das wird nun gefeiert werden. Auf der vor dem Hauptbahnhof geplanten Jubiläumskundgebung treten am Montag die Männer der ersten Stunde auf, unter anderem der Theaterregisseur Volker Lösch, der Schauspieler Walter Sittler, der Lokalpolitiker Hannes Rockenbauch und der ehemalige Bahnhofsvorsteher Egon Hopfenzitz. Der Protestadel gibt sich ein Stelldichein, wenn zum 250. Mal das Milliardenvorhaben zum Teufel gejagt, die verschleppte Aufarbeitung des „schwarzen Donnerstags“ gegeißelt und die Einstellung des Wasserwerferprozesses mitten in der Beweisaufnahme verurteilt wird. Die Jubiläumsagenda ist erwartbar, der Stolz auf die Ausdauer des Protests aber auch. Und er ist berechtigt. Nirgendwo sonst, auch nicht bei den Montagsdemos gegen die Hartz-IV-Gesetze, hat man es je bis zur 250. Auflage gebracht: Die Streiter gegen Stuttgart 21 haben einen langen Atem bewiesen, auch wenn sie in ihrer Langatmigkeit schon bessere Jahre erlebt haben als 2014.

Durchhalten mit erhobenem Haupt

Es ist regnerisch kalt gewesen, als die Demons­tranten am vergangenen Montag zum 249. Mal routinemäßig durch die Innenstadt zogen. „K 21: Und den Menschen ein Wohlgefallen“ stand auf dem Transparent am Kopf des Zugs, das weihnachtlich gestimmt für die Alternative zu S 21 warb. Dass das Projekt, der tiefergelegte Hauptbahnhof, nichts als Murks sei, erfuhr man auf einem anderen Banner: „Die Bahn muss pünktlich, sicher und bezahlbar bleiben. S 21 verhindert das“ wurde da behauptet, während eine Dame ein Schild mit „Kopf bleibt oben“ in die Höhe hielt – was man, jenseits des Plädoyers für den alten Kopfbahnhof, durchaus auch metaphorisch verstehen konnte: als Durchhalteappell einer stilvoll ergrauten Obenbleiberin, die erhobenen Hauptes weiter in die Schlacht ziehen will – trotz allem.

Denn es ist ja wahr: In der Hochphase des Protests, im Sommer und Herbst 2010, brachte die S-21-Bewegung jeden Montag bis zu zehntausend Menschen auf die Straße, bei Großdemonstrationen bis zu hunderttausend. Jetzt sind es kaum noch mehr als tausend, die an diesem Dezembertag unter erschwerten meteorologischen Bedingungen durch die Stadt marschieren: friedlich und zivil, unter Verzicht von Sprechchören aller Art, befeuert nicht von den legendären Lügenpack-Rufen, sondern von einer Trommelcombo und einer Blaskapelle, die „Those were the days“ anstimmt, ausgerechnet. In Gedanken singt man das Lied nämlich mit, diese sehnsuchtsvolle Hymne in Moll auf jene glorreichen Tage, „als wir kämpften, ohne zu verlieren/ jung waren und unseres Weges sicher“ – und summend erkennt man in den Zeilen auch einen Kommentar zu dem über die Jahre doch etwas müde gewordenen Widerstandshaufen. Nostalgie, Melancholie, Resignation: auch sie prägen mittlerweile den Stuttgarter Protest.

Hat sich der Protest überlebt?

Eingestehen werden sich die Aktivisten diese Stimmungslage nicht, schon gar nicht auf der Jubiläumsdemo, wo man sich die Feierlaune vermutlich nicht verderben lassen will. Aber selbst eingefleischte S-21-Gegner können die Augen nicht vor dem verschließen, was unübersehbar geworden ist: Die einst machtvolle Bürgerbewegung ist zu einem harten Kern zusammengeschmolzen, ihre unbändige Kreativität in vorhersehbaren Ritualen erstarrt. Und was dabei am schlimmsten ist: der Protest befindet sich in einer Phase, in der Stuttgart 21 nicht mehr zu verhindern ist, zumindest nicht politisch. Denn sollte das Projekt je noch scheitern, dann nicht am Widerstand auf der Straße, sondern an den technischen und logistischen Herausforderungen, vor denen es bei der Umsetzung steht.

Wozu also noch Montagsdemos? Wozu noch die Umzüge, die lediglich den Verkehr behindern? Hat sich das ganze, stauverlängernde Protestgedöns nicht überlebt?

Es wäre ein Leichtes, sich über den Protest als solchen lustig zu machen, über die gallischen Dörfer, die sich Woche für Woche auf Wanderschaft begeben und immer dem gleichen Parolenkompass folgen. Ja, diese Verunglimpfung wäre einfach, aber dann doch zu einfach, simpel und billig, um der vormals hochagilen S-21-Bewegung in ihrer Gesamtheit halbwegs gerecht zu werden. Unbestreitbar nämlich ist, dass sich die S-21-Gegner zu ihren Glanzzeiten enorme Verdienste als basisdemokratische Controller von Stuttgart 21 erworben haben. Ausgestattet mit fundiertem Sachwissen, wiesen die kritischen Fachleute vor, während und nach der fernsehöffentlichen Schlichtung 2010 immer wieder auf Widersprüche des angeblich „bestgeplanten Projekts Deutschlands“ hin und deckten Schwachstellen auf, die vom Bauträger Bahn häufig dementiert, später aber oft eingeräumt wurden – ein Spiel um die Wahrheit, das noch nicht abgepfiffen ist und von gut informierten Projektgegnern auch weiter genutzt wird, die Projektbefürworter Mal um Mal vor sich herzutreiben.

Die Tragik der Schwarzseher

Mit welcher Weitsicht sie das tun, zeigen nicht zuletzt die Streitpunkte, die in den vergangenen Wochen und Monaten wieder verstärkt in der Öffentlichkeit erörtert worden sind. Sei’s die Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs oder das Gefahrenpotenzial der Gleisneigung, sei’s die Fehlplanung auf den Fildern oder Risiken beim Brand- und Mineralwasserschutz: schon vor Jahren haben die Protestler mit penetranter Vernunft auf all jene Probleme hingewiesen, die jetzt wie Gespenster abermals durch die Stadt gehen und sich den Bahnexperten in den Nacken krallen.

Aber es hilft alles nichts: Die Tunnel für Stuttgart 21 bohren sich unaufhaltsam in den Talkessel, trotz aller Bedenken, die Montag für Montag unverdrossen durch die Stadt getragen werden. Insofern könnte es den Demonstranten so ergehen wie der seherischen Kassandra, deren Unheilsrufe nicht erhört wurden, obwohl sie recht hatte. Darin liegt ihre antike Tragik. Und darin könnte auch die moderne Tragik der Stuttgarter Protestbewegung liegen. Ihre Zukunft ist in höchstem Maße ungewiss, doch ihre Vergangenheit bleibt groß, jenseits aller Nostalgie, Melancholie und Resignation: Zum Wohl von Stadt und Land haben Bürger jahrelang um Transparenz und Aufklärung gerungen. Das ist schon ein kleines Denkmal wert – und eine Protestgala am Montag vor dem Hauptbahnhof.

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95 KommentareKommentar schreiben

Angelika Fink: Gern bin ich Ihnen behilflich. Schauen Sie sich folgenden Link an: https://www.youtube.com/watch?v=niPu0orf6Vs

Herr Paul Peter, da sie immer so gut informiert sind, hätte ich auch mal eine Frage an Sie: Wann fängt die Bahn mit dem Bau des Nesenbachdükers an? Nach meinen Kenntnisstand wollte die Bahn doch eigentlich Mitte 2013 damit beginnen, aus welchem Grund verzögerte sich der Baustart?

Zwei Links: Herr Notter, wenn Sie diesbezüglich Fragen haben, wenden Sie sich doch bitte an die Bahn. Freundlicherweise sende ich Ihnen zwei Links: http://www.bahnprojekt-stuttgart-ulm.de/no_cache/aktuell/newsdetail/news/eisenbahn-bundesamt-genehmigt-planaenderung/newsParameter/detail/News/datum/1415800678/ ________ http://www.bahnprojekt-stuttgart-ulm.de/no_cache/mediathek/detail/media/pfa-11-talquerung-mit-hauptbahnhof-planfeststellungsbeschluss-planaenderungen/

also nee Herr PP: Ich meinte einen seriösen link zu einer Dokumentation über Tunnelbautätigkeit in m bei Vollast - kein Werbefilmchen der IG Bürger, bei dem der Tunnelvortieb weder genauer bestimmt noch dokumentiert wird, sondern nur paar LKWs herumfahren.

also nee Herr PP: ich hatte bei der Bitte um einen link eine seriöse Abhandlung gemeint mit Angaben von Bohrleistung in m bei Vollast - aber doch nicht ein Werbefilmchen der IG Bürger, auf dem herumfahrende Lastwagen Baufortschritt suggerieren.

Paul Peter : Bremsenaxiom: „Kinderwagen: Abgesehen von jedem Naturgesetz: Jeder Kinderwagen hat eine Bremse.“( Paul Peter ) Noch nie und nirgendwo haben „fortschrittliche „ Bremsen ihren Dienst versagt.Diese Bremsen des Fortschritts sind notwendigenfalls selbsttätig in beräderten Gefährten, aber auch pedal betriebenen Lebewesen etwa im Brand-und Fluchtfall sowie bei nicht demokratisch mehrfach legitimiertem ,überhöhtem Fahrgastaufkommen im Bremszentrum S 21 tief , aber auch im Bereich aller im Sinne von kommunizierenden Röhren mit diesem verbundenen, ggf. auch als schräg zu bezeichnenden Strecken mit gravidationsgefährdeten Zu-und Abläufen für Züge, Menschen und Abwasser wirksam. Lex frenanda scribenda PETERI ( Links anstelle Beweisführung beim Erstbeschreibenden )

wenn das so ist und bremsen versagen können: dürfen wir keinen schrägen bahnof bauen, keine straßen im gefälle, keine autos, keine züge, keine flugzeuge, keine kinderwagen, keine tretroller. am besten bleiben wir im bett und bewegen uns nicht aus dem haus. viel zu gefährlich.

Alles nicht so wichtig: Ach, Herr Peter. Sie können sich gern Ihre Märchen täglich vorsagen, aber bitte erwarten Sie nicht, dass Ihnen irgendjemand glaubt. Die Tunnelbohrmaschine in Fasanenhof steht seit Wochen STILL. Und wenn Sie etwas vom Bau verstehen würden, wüssten Sie, dass es sehr wohl darauf ankommt, wie viele Kilometer Tunnel schon gebohrt wurden. Denn es sollen ja irgendwann 60 Kilometer gebohrt sein, richtig? Und dass es nicht besonders komplex ist, mit einer viel gefeierten Tunnelbohrmaschine einen Tunnel zu bohren. Oder doch? Die offiziellen Angaben der Bahn zum Tunnelbau stehen seit langem bei exakt 1672 Meter. Woran liegt das, Herr Peter? ______ "Es spielt keine Rolle, ob der Düker schon begonnen wurde oder nicht oder ob die Antragstrasse zum jetzigen Zeitpunkt schon genehmigt wurde." - Nein, natürlich nicht. Man möchte ja auch keine Grube für den S21-Bahnhof graben, und möchte auch keinen S21-Filderabschnitt bauen. Deshalb hat man auch keinen Plan, wie der Filderabschnitt aussehen soll. S21 soll gar nicht 2023 fertig werden, und bezahlt werden soll das Projekt offensichtlich auch nicht (ist genauso unwichtig).

Ganz kurz:: Tunnelvortrieb TBM Suse vom 1.12. bis 8.12.14 20 Meter. Insgesamter Tunnelvortrieb beim Teilprojekt S21 vom 1.12. bis 8.12.14 63 Meter.

ist ja Wahnsinn: gesamter Tunnelvortrieb in 1 Woche 63 m - macht in 1 Jahr 3.285 m. Die 59 km dauern also ca. 59 : 3,285= 17,96 Jahre - ohne Gleise oder Oberleitungen: toll!

frau fink: erst denken, dann schreiben. der tunnel den suse bohrt ist 9 km lang. zwei röhren macht 18 km. im bereich des anhydrit wird nicht mit suse gebohrt. das sind dann 2 x 4 km weniger, so dass suse 10 km bohren muss. 10 km : 3,285 das sind etwa drei jahre. passt genau. da ist dann noch zeit um die technik einzubauen. und andere tunnel werden zeitlich parallel dazu gebohrt, bzw. gegraben.

Es hapert an Information: Frau Theissen, Frau Fink ist wie immer nicht richtig informiert. Sie weiß nicht, dass beispielsweise Suse in der ersten Woche sehr langsam gefahren wird. Sie weiß auch nicht, dass beim Feuerbacher Tunnel erst in den letzten Tagen der technische Anschlag war, mit anderen Worten, ihr fehlen die Informationen. Erst nach einem Jahr, in dem bei allen Tunneln mit Volldampf gearbeitet wurde (also Ende 2015) kann man Rückschlüsse auf die Zahl der gebohrten Kilometer innerhalb eines Jahres ziehen._______ Bei der NBS sind die Arbeiten schon länger im Gange und da wurden bisher immerhin fast 10 Kilometer gebohrt. __________ Aber wir klären ja gerne auf.

zur Klarstellung:: die Suse allein schafft nur 20 m pro Woche, d.h. 1,04 km p.a.. Das heißt sie braucht lt. Ihren Angaben 10 km : 1,04 = über 9 Jahre für den Fildertunnel mit der Bohrmaschine, die 8 km im Anhydrit sind da noch nicht gegraben. Die Parallelgraberei mit 43 m pro Woche ( großzügigerweise 50 m weil Feuerbach ja erst anfängt ) für die restlichen km rechnen Sie sich bitte selber aus - sofern Sie dazu imstande sind. Herr PP hat im späteren post ja agumentiert, dass die Bohrmaschinen nach der ersten Woche richtig losdüsen: bitte um Nachweis mit link.

frau fink : suse schafft je nach gestein zwischen 15 und 30 meter. nicht in der woche, sondern am tag. wenn man gar keine ahnung hat sollte man sich nciht so weit aus dem fenster lehnen.

Update: Es sind immer noch nur 1672 Meter. Woran liegt's?

M.Anselm: Wider Geschichtsklitterung: Die Leipziger Montagsdemonstrationen Sept./Okt 1989 waren eine Vorraussetzung der Vereinigung,die ein Jahr später stattfand.Nicht ihr primäres Ziel. Die Losung hieß: " Wir sind das Volk !". Das mit "EIN" Volk war erstmalig und noch zögerlich im Dez.1989 in Dresden. Und führte zum glücklichen Ergebnis.In Stuttgart war es andersrum : Da war "4,526 MRD €" die Vorraussetzung für den Ausgang einer VA, die -ob von vorne herein oder unglückseeligerweise, sei einmal dahingestellt - ein anvisiertes Ziel erreichen und pseudolegitimieren sollte.Diese Vorraussetzung war - den Insidern bekanntermaßen und den Kritikern vermutetermaßen - wie wir heute wissen , falsch.Die Folgen von Leipzig waren evolutionär-positiv, die von Stuttgart sind das Gegenteil.

Monika Füller: Liebe Frau Füller, Sie können sich gern Ihre Märchen täglich vorsagen, aber bitte erwarten Sie nicht, dass Ihnen irgendjemand glaubt. Die einzigen, die die Bürger belogen haben, sind die Grünen. Das muss ich nicht näher ausführen. _________ Und wenn Sie etwas vom Bau verstehen würden, wüssten Sie, dass es nicht darauf ankommt, wieviele Kilometer Tunnel schon gebohrt wurden: eine derartige Großbaustelle ist viel komplexer als Sie es sich offensichtlich vorstellen können. Allein die Planungen für ein solches Großprojekt verschlingen etwa 20 % der Baukosten – und dabei ist noch nicht einmal ein Zentimeter Tunnel gebohrt. _____________ Sie haben offensichtlich auch keine Ahnung, aus welchen „Teilen“ das Projekt besteht (die Tunnels sind nur EIN Teil davon) und Sie wissen auch nicht, was es heißt, eine Baustelle einzurichten oder einen Tunnelanschlag vorzubereiten. _________ Es spielt keine Rolle, ob der Düker schon begonnen wurde (was der Fall ist) oder nicht oder ob die Antragstrasse zum jetzigen Zeitpunkt schon genehmigt wurde. Das sind nur die letzten Strohhalme, die Sie sich als vermeintlichen Trost zurechtgelegt haben

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