Interview44. Weltmeisterschaft der Berufe in Abu Dhabi Die Besten im Beruf

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Was die Olympischen Spiele für Spitzensportler ist die WM der Berufe für die besten Nachwuchs-Fachkräfte aus Handwerk, Industrie und Dienstleistung. Gastgeber der 44. WorldSkills ist Abu Dhabi. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer von WorldSkills Germany, Hubert Romer, über den Wettstreit.

Das Team WorldSkills Germany geht bei den 44. Weltmeisterschaften der Berufe in Abu Dhabi mit 42 Athleten an den Start. Foto: WorldSkills Germany/Frank Erpinar/Meme 12 Bilder
Das Team WorldSkills Germany geht bei den 44. Weltmeisterschaften der Berufe in Abu Dhabi mit 42 Athleten an den Start. Foto: WorldSkills Germany/Frank Erpinar/Meme

Abu Dhabi/Stuttgart - Wer ist der beste Bäcker, Mechatroniker, Florist, IT-Techniker, Maurer und die beste Kosmetikerin der Welt? Bei der 44. Weltmeisterschaft der Berufe in Abu Dhabi kämpfen Nachwuchs-Fachkräfte aus Industrie, Handwerk und Dienstleistung um Titel und Medaillen. Mehr als 1200 Teilnehmer aus 77 Ländern in 51 Disziplinen. Das Team Germany tritt bei den WorldSkills 2017 mit 39 Männern und drei Frauen in 37 Einzel- und Teamwettbewerben an. Wir sprachen mit Hubert Romer, Geschäftsführer von WorldSkills Germany über das internationale Kräftemessen in der arabischen Wüste.

Herr Romer, wie läuft die Berufe-WM ab? Müssen Bäcker einen Brotkorb füllen und Konditoren eine Hochzeitstorte backen?
Die Teilnehmer haben vier Tage Zeit für die Wettkämpfe – vom 15. bis 18. Oktober. Mechatroniker etwa bekommen eine komplexe Aufgabe: Sie müssen eine komplette Anlage bauen – wie ein Fließband mit Sensortechnik, Programmierung und Verkabelung. Es werden Fehler eingebaut, die von ihnen behoben werden müssen.
Wer nimmt teil?
Die besten jungen Fachkräfte. Sie haben in der Regel ausgelernt und sind im ersten oder zweiten Jahr nach Ende der Lehre. Auszubildende und Meister sind eher die Ausnahme. Und man darf nur einmal teilnehmen.
Kämpft jeder für sich allein?
Es finden vier Teamwettbewerbe statt. Bei den anderen 33 Wettkampfdisziplinen treten wie im Hochleistungssport Einzelkämpfer und Einzelkämpferinnen an. Der Unterschied ist, dass ein Sprinter nach einem 100-Meter-Lauf und ein Fußballer nach 90 Minuten fertig ist. Unsere Leute müssen insgesamt 22 Stunden lang kämpfen. Das ist kräftezehrend. Eine internationale Jury bewertet die Genauigkeit, Qualität und Problemlösung der Wettkämpfe.
Wo findet das Kräftemessen statt?
Im ADNEC – dem Abu Dhabi National Exhibition Centre. Die zwölf miteinander verbundenen Hallen haben eine Gesamtfläche von 55 000 Quadratmetern und sind der größte Veranstaltungsort im Nahen Osten.
Was geht im Kopf eines jungen Erwachsenen vor, wenn er vor tausenden Zuschauern steht?
Viele Teilnehmer sagen, dass sie das Ganze zuerst unterschätzt haben. Spätestens bei der Eröffnungsveranstaltung spüren sie dann plötzlich, was es bedeutet, wenn ihnen 15.000, 20.000 Menschen zujubeln. Dann kommen Nervosität und Anspannung auf. Viele unserer Kandidaten haben schon an internationalen Wettbewerben teilgenommen und sind schon alte Hasen.
Die duale Ausbildung in Deutschland setzt weltweit Maßstäbe. Holen andere Länder auf?
Sehr sogar. Länder wie Südkorea , Brasilien oder Russland haben sich auch im Ausbildungsbereich unglaublich entwickelt, beziehungsweise tun das gerade wie im Beispiel Russland. Bei den Wettbewerben spüren wir die Konkurrenz und müssen uns sehr anstrengen.
Bisher fand die WM drei Mal in Deutschland statt. Welche Chancen hat das deutsche Team?
Wir waren bei den Medaillen und beim Nationen-Ranking immer vorne mit dabei. Die letzten zehn Jahre sind wir ein wenig nach hinten gerutscht, aber wir holen wieder auf.
Wie haben sich die Athleten fit gemacht?
Wer mitmachen will, muss über eine gute Abschlussnote verfügen. Erst dann wird er zu den praktischen Leistungswettbewerben bei Innungs-, Landes- und Bundesmeisterschaften zugelassen. Wer dort gut abschneidet, hat die Chance für die Nationalmannschaft nominiert zu werden. Mit ihren Bundestrainern bereiten sich die Teilnehmer intensiv über Monate vor.
Welche Preise winken den Siegern?
Es gibt Gold-, Silber- und Bronze-Medaillen. Wer eine bestimmte Punktzahl erreicht, bekommt eine Exzellenz-Medaille – als Anerkennung für gute Leistung.
Was bringen die Titel im Beruf?
Wenn man sich die Biografien von den deutschen Teilnehmern anschaut, zeigt sich: Das sind alles Fachkräfte, die Karriere machen, Unternehmen gründen oder studieren. Die Berufe-WM ist ein Talent- und Karrierewettbewerb. Die Teilnahme ist der wichtigste Preis für alle Teilnehmer – unabhängig davon, ob sie eine Medaille gewinnen.
Was wird aus den Gewinnern?
Ein Beispiel: Ein junger Koch, der vor vier Jahren gewonnen hatte, bekam danach seinen eigenen Agenten. Er ist von Hotel zu Hotel gereicht worden, hat Show-Kochen angeboten und richtig Karriere gemacht. Wenn jemand in seiner Bewerbung schreibt, dass er bei der Berufe-WM dabei war, gibt das bei der Jobsuche immer die entscheidenden Punkte.
Was haben Unternehmen von der Berufe-WM?
Für Unternehmen gibt es nichts Besseres als junge Menschen zu beschäftigen, die über so viel internationale Erfahrung verfügen.
Nicht jeder ist top in seinem Beruf. Was bringt die WM der Masse der Beschäftigten?
Die WM umfasst nicht nur den Spitzensport. Wir fördern auch den Breitensport mit Wettbewerben auf regionaler Ebene und verschiedenen Levels – bis hin zur Inklusion. Wir wollen junge Menschen über den Bildungssport begeistern. „Lernen im Wettbewerb“ – das ist unser Grundprinzip, das zu jedem passt. Auch zu denen, die beruflich am Rande stehen.