50 Jahre Seegfrörne Als ein jeder auf dem Wasser ging

W. Messner, 22.01.2013 07:10 Uhr

Konstanz - Eine Seegfrörne 2013? Die Wahrscheinlichkeit, dass es am Bodensee nach 50 Jahre eine Wiederholung des großen Eises von 1963 geben wird, geht gegen Null. Denn dazu fehlt es nahezu an allem. Weder war es im Herbst sonderlich kalt, noch droht eine Kältewelle, die bis März oder April anhält. Der November und Dezember 2012 waren zu warm und die Weihnachtstage brachten im Südwesten sogar die höchsten Temperaturen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1879.

Wer aber den Bodensee ganz und gar zugefroren erleben möchte, der muss sich einen Winter aussuchen, wie sie in Sibirien üblich sind. Auf jeden Fall ein Jahr, in dem die globale Klimaerwärmung mal Pause macht. Schon der Sommer muss kälter sein als sonst, kühle Ostwinde sollten einen noch kälteren Herbst einleiten und im Dezember müsste sich ein arktischer Winter einstellen. Spätestens dann sollte es windstill sein. Solcher Frost zeichnete das Wetter um die Jahreswende 1962/1963 aus. Es war wohl der kälteste Winter im ganzen 20. Jahrhundert, kälter noch als der Kriegswinter 1942 und seit 1879 der drittkälteste Winter überhaupt, nur 1879/80 und 1890/91 war es noch kälter.

540 Quadratkilometer von Eis bedeckt

So ein bitterkalter Winter bringt hohe Heizkosten und Frostbeulen mit sich. Dem Bodensee aber bescherte er vor 50 Jahren ein Ereignis, das zuvor bestenfalls nur ein oder zweimal in hundert Jahren vorgekommen war – die Seegfrörne. So wird auf alemannisch jenes seltene Naturerereignis genannt, das dann eintritt, wenn der Bodensee ganz und gar zugefriert – auf seiner gesamten Breite von 14 und seiner Länge von 60 Kilometern. Damit sind dann insgesamt 540 Quadratkilometer von Eis bedeckt. Nur sieben der bisher 33 Seegfrörne dürfen als komplett gelten.

Am 6. Februar 1963 war es soweit. Der See war zwar schon ganz zu, doch schoben sich da noch die Fährschiffe von Konstanz nach Meersburg durch die zehn Zentimeter dicke Eisschicht. Schon einen Tag später wurde auch dieser Fährverkehr eingestellt. Einen Monat wird die komplette Seegfrörne andauern. Während dieser Zeit wird der ganze See Schauplatz eines einzigen großen Volksfests.

Vor Radolfzell werden Rundflüge angeboten

Das große Eis lockt Neugierige aus Nah und Fern und heizt dem Fremdenverkehr kräftig ein. Überall rund um den See werden Würstchen-, und Maronibuden, Tee- und Glühweinstände aufgebaut. Man vergnügt sich, fährt Schlittschuh und spielt Eishockey. Jetzt kann jeder über das Wasser gehen. Abertausende nutzen die Gelegenheit und schlittern übers blanke Parkett; zu Fuß, mit Schlitten, Schlittschuhen oder auf Skiern; sogar zu Pferd. Selbst Flugzeuge landen auf dem Eis. Zeitweise werden vor Radolfzell Rundflüge angeboten. Aus der Luft werden tausende hungernder Schwäne, Seevögel und Möwen versorgt, die keine Nahrung finden.

Nicht wenige Zeitgenossen wagen auch die gefährliche Überquerung. Am 12. Februar zieht nach 133 Jahren eine Prozession mit 2500 Menschen vom schweizerischen Münsterlingen nach Hagnau. Begleitet von Glockengeläut, Böllerschüssen, Musik und Gesang bringen sie nach 133 Jahren die Johannes-Büste wieder zurück in die Klosterkirche von Münsterlingen. Die Prozession kann nur bei einer Seegfrörne stattfinden.

Zwei Schüler treiben auf einer Eisscholle

Steigende Temperaturen sorgen Mitte Februar zeitweise für Tauwetter. Trotz eindringlicher Warnungen wagen am 17. Februar drei Männer mit einem eigens dafür hergerichteten Auto die Überfahrt von Nonnenhorn nach Rorschach. Sieben Tage später endet ein Abenteuer weniger glimpflich. Zwei 13- und 15-jährige Schüler aus Friedrichshafen werden am Abend auf einer Eisscholle auf den Obersee getrieben. Wegen der hereinbrechenden Nacht können sie nicht gerettet werden. Am nächsten Morgen findet man sie erfroren vor dem Schweizer Ufer. Insgesamt sterben bei der Seegförne mindestens vier Menschen.

Die kurze Eiszeit am See dauerte bis 8. März. Dann warnen Schweizer Bezirksämter wieder vor dem Betreten des Obersees. Im weiteren Sinne währt sie bis der 25. März, dann wurde der Fährverkehr zwischen Konstanz und Meersburg sowie zwischen Friedrichshafen und Romanshorn wieder aufgenommen.

An das „Jahrhundertereignis“ Seegfrörne erinnert bis 24. März eine Ausstellung im Zeppelinmuseum Friedrichhafen. Im Begleitprogramm ist am 24. Januar ein Film zur Seegfrörne von Walter Baerens aus Hagnau zu sehen. Am 31. Januar tauschen Zeitzeugen ihre Erinnerungen aus. Am 28. Februar hält Gerd H. Schröder, der Leiter des Instituts für Seeforschung in Langenargen, einen Vortrag zur Seegfrörne in Zeiten des Klimawandels.