600 Jobs nach Berlin verlagert Daimler-Controller fürchten um ihre Jobs

Von  

Exklusiv Daimler wird in den nächsten Jahren etwa 600 Verwaltungsjobs aus dem Großraum Stuttgart nach Berlin zu der Tochter Daimler Group Services Berlin (DGSB) verlagern – weil der Konzern dort weniger Lohn zahlen muss. Aber es geht noch billiger.

Daimler-Buchhalter haben Ende Juli das Interesse am  Streit zwischen Daimler und dem SWR genutzt und beim  Gerichtstermin auf ihre Sorgen aufmerksam gemacht. Foto: IG Metall
Daimler-Buchhalter haben Ende Juli das Interesse am Streit zwischen Daimler und dem SWR genutzt und beim Gerichtstermin auf ihre Sorgen aufmerksam gemacht.Foto: IG Metall

Stuttgart - Der Daimler-Konzern nimmt verstärkt seine Verwaltung ins Visier, um die Kosten zu senken. Die Zentralisierung und Verlagerung von Tätigkeiten im Bilanz-, Personal- und Rechnungswesen läuft bereits, nun nimmt Daimler das Controlling in Angriff. Die Betriebsräte sind alarmiert. Die IG Metall geht davon aus, dass von etwa 1300 in Vollzeitstellen umgerechneten Jobs bei Daimler in Deutschland fast 400 bis zum Jahr 2020 verlagert werden sollen. Am Standort Sindelfingen, wo etwa 500 Controller arbeiten, dürften nach Angaben von Betriebsratsmitglied Thomas Spohr 130 Stellen wegfallen. Die Betriebsratsfraktion Neue Perspektive in der Untertürkheimer Zentrale ist noch pessimistischer. Ihr Chef Werner Funk sieht sogar 250 Jobs im Bereich Personenwagen und 50 Jobs bei Lastwagen in Gefahr.

Daimler nennt keine Zahlen und lässt offen, wie viele Menschen im Controlling – also in den Abteilungen, in denen es um die Konzernsteuerung mit Hilfe von betriebswirtschaftlichen Größen geht – an welchen Standorten arbeiten. Allgemein heißt es aber zur Strategie der Konzentration von Verwaltungsaufgaben klar: „Dieser Prozess wird kontinuierlich fortgesetzt.“

Ursprünglich sollten die Jobs ins Ausland abwandern

Mit der Bündelung von Tätigkeiten, die zuvor dezentral an den einzelnen Standorten erledigt wurden, hat Daimler 2008 begonnen. Damals wurde in Berlin-Mitte im traditionsreichen Schicklerhaus die Tochter Daimler Group Services Berlin (DGSB) gegründet. Dies war ein Kompromiss, denn ursprünglich wollte der Konzern die Arbeiten in Billiglohnländer in Osteuropa und Asien verlagern. Der Betriebsrat akzeptierte im Gegenzug, dass die Beschäftigten nach dem Tarif des ostdeutschen Kraftfahrzeughandwerks bezahlt werden, was gut 40 Prozent weniger ist, als der Metalltarifvertrag im Westen bietet – bei 39 Stunden Arbeitszeit pro Woche gegenüber der 35-Stunden-Woche, die hier etabliert ist.

Daimler hingegen betont, dass das Unternehmen auf diese Weise tarifgebundene Arbeitsplätze in Deutschland halte und betrachtet die DGSB-Gründung als Erfolg. Kritik an der Arbeit der neuen Tochter ist so gut wie nicht zu hören. Auch die Betriebsräte räumen ein, dass auf dem Berliner Arbeitsmarkt qualifizierte Kräfte zu bekommen sind, die zu den DGSB-Konditionen arbeiten wollen – anders als die Belegschaft an den bisherigen Standorten, die vor Ort nach neuen Aufgaben Ausschau gehalten hat.

Mit 15 Mitarbeitern begonnen, jetzt sind es schon 580

Begonnen hat die DGSB mit 15 Mitarbeitern. Seitdem wurden immer mehr Verwaltungstätigkeiten in diesem sogenannten Shared Service Center (SSC) konzentriert. „Wir begleiten diese Center äußerst kritisch“, sagt Michael Brecht, der Vorsitzende des Daimler-Gesamtbetriebsrats, für den der Verlagerungstrend eine zweite Welle ist. 2006, nach dem Antritt des neuen Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche, versuchte der Konzern durch das sogenannte New Management Model (NMM) schon einmal Kosten in der Verwaltung zu sparen. Brecht: „Da wurden einfach Funktionen rausgenommen und es hieß: Seht zu, wie ihr klarkommt.“ Der gebürtige Karlsruher wendet sich nicht grundsätzlich gegen den neuen Trend, Tätigkeiten zu bündeln. Er verlangt jedoch, dass alle großen Standorte solch ein Center haben sollten, damit kaufmännische Kompetenzen vor Ort erhalten bleiben. Thomas Spohr hat in Sindelfingen freilich den Eindruck gewonnen, dass das Management nicht bereit ist, darüber zu sprechen.

Gegenwärtig arbeiten bei der DGSB in Berlin bereits knapp 580 Männer und Frauen, und mit den Josetti-Höfen in Berlin-Mitte ist im Juli 2012 ein zweiter Standort hinzugekommen. Die Controlling-Pläne laufen an, obwohl die Verlagerung von Teilen des Rechnungswesens, intern mit dem Kürzel SSC Accounting bezeichnet, noch nicht abgeschlossen ist. Für diesen Bereich wurde 2010 ein Interessenausgleich abgeschlossen, der nun aber im Juni ausgelaufen ist. Noch immer wissen Beschäftigte im Großraum Stuttgart nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Vor wenigen Tagen, als am Landgericht Stuttgart über die Klage von Daimler gegen den SWR wegen der Dokumentation „Hungerlohn am Fließband“ verhandelt wurde, demonstrierten sie mit Plakaten wie „500 verlagerte Arbeitsplätze nach Berlin sind genug! – Schluss damit!“.

50 Buchhalter in Sindelfingen hängen in der Warteschleife

Von knapp 160 Beschäftigten haben 30, zwei Drittel davon in Untertürkheim, noch keinen neuen Job, der ihrer Vergütung und Qualifikation entspricht. Derweil geht der Betriebsrat davon aus, dass künftig auch die verbliebenen dezentralen Jobs in der Anlagen-, Mandanten- und Debitorenbuchhaltung an acht Standorten nach Berlin abwandern sollen. IG-Metall-Betriebsrätin Sigrid Krohn schätzt, dass gut 180 Vollzeitstellen betroffen sind; davon dürften 80 auf Untertürkheim entfallen. In Sindelfingen, so sagt Thomas Spohr, seien 50 Buchhalter noch nicht untergebracht. Daimler versichert, dass Mitarbeiter in jedem Fall mit sozialverträglichen Maßnahmen abgesichert werden. Zudem, so heißt es, laufe der Prozess über sechs bis sieben Jahre. Bis Ende 2016 gibt es eine Beschäftigungsgarantie, die für alle Mitarbeiter der Daimler AG gilt; Ausnahme: in Sindelfingen läuft diese Zusage sogar bis 2020.

Berlin ist kostengünstiger als Stuttgart, aber es gibt für das Unternehmen auch noch attraktivere Standorte: Nach Angaben der IG Metall wurden von der DGSB bereits 15 Jobs zu einem neuen SSC in Cebu auf den Philippinen verlagert.

  Artikel teilen
9 Kommentare Kommentar schreiben

1300 (!) Controller: Controlling ist wichtig, keine Frage. Aber wenn man 1300 Controller in Deutschland beschäftigen muss, sind die entweder alle unterbeschäftigt oder aber die Datengrundlage so schlecht, dass man viele Leute braucht, die den Zahlendickicht durchforsten... egal wie man das nimmt: Stabstellen wie das Controlling, die so groß sind, machen irgendwas falsch.

wozu überhaupt noch Controlling?: Ist ja nicht so, dass das Controlling essenzieller Teil der Wertschöpfungskette ist, oder wie die externe Buchhaltung aufgrund fiskaler und gesetzlicher Anforderungen erforderlich ist. Aufgabe des Controlling ist es eigentlich, dem Management Steuerungs-Kennzahlen und Entscheidugsgrundlagen zu liefern. Das geht aber nur, wenn der Controler mit den operativen Bereichen des Betriebs gut verzahnt is, sich mit diesen regelmäßig austauscht und die Betriebsabläufe gut kennt. Dann, und nur dann, ist halbwegs sinnvolles Controlling möglich. Das ist aber alles nicht gegeben, wenn man es in ein räumlich und gedanklich weit entferntes Service Center auslagert, an Mitarbeiter, die mit dem eigentlichen operativen Geschäft nichts am Hut haben, nicht damit in Kontakt sind und es nicht kennen. Da kann man das Controlling auch genau so gut gleich ganz abschaffen, da hat man nochmal deutlich mehr gespart. Ein ausgelagertes Controlling ist eigentlich rausgeschmissenes Geld. Ganz schlechte Management-Entscheidung. Entweder mache ich Controlling, dann aber richtig, und lasse es mich auch was kosten, kriege im Gegenzug auch einen Gegenwert. Oder ich spare mir das Geld und mache es gar nicht. Also entweder ordentlich Geld für viel Gegenwert ausgeben, oder kein Geld für keinen Gegenwert. Aber die jetzt gewähte Option "weniger Geld für so gut wie keinen Gegenwert" ist mit Abstand die schlechteste. Das sage ich jetzt als BWLer und Contoller.

@Bettina Kienzle: Streiken? Bei Daimler? Wissen Sie eigentlich, wie wenig die dort arbeiten für Unsummen von Geld? Ich rede nicht von der oberen Etage, sondern von den Arbeitern und dem unteren und mittleren Management! Daimler ist schlimmer als jede öffentliche Verwaltung: bürokratisch, selbstherrlich und praktisch nicht entwicklungsfähig weil beratungsresistent. Ich habe dort mal eine Führungsaufgabe abgelehnt, nicht, weil sie schlecht bezahlt worden wäre (beileibe nicht), sondern schlicht weil ich eigentlich nichts hätte tun müssen, um mein Gehalt zu bekommen, außer zu schauen, dass drei Mitarbeiter sich in ihren Büros nicht langweilen... es kann nur gut sein für ein Unternehmen, wenn da mal Bewegung reinkommt.

Zetsche......wenn man dürfte, wie man wollte!: Ganz ehrlich, wenn man dem sein Gehalt betrachtet und das, was er mit seinen Mitarbeitern für ein linkes Spiel betreibt, dann frage ich mich wirklich, warum kein Generalstreik im Haus Daimler und allen anderen Firmen, die mit Schnarchzapfen die sich "Unternehmensberater" nennen (Naujocks Strategie im Mode gekommen?) aufkeimen kann? Einen BR wie der Hück von Porsche müsste auch in euren Reihen aufstehen. Da hängt der Haussegen auch schief! Wo kommen wir denn hin, wenn unsere Mitarbeiter auf die Straßen fliegen und vom Ausland der billige Import die Wachablösung spielt? Zetsche Politik like Ecclestone? Kommt, hört mir doch mit der Brut aus der oberen Abteilung auf! Was wären die, ohne den Motor Arbeiter? Nichts, gar nichts! Billiglöhner, Leasingfirmen, Arbeitslose (vom Amt bezuschusst und dann kurz vor Fristablauf in den Hintern getreten!) oder die Lehrlinge................ausnehmen, anschwärzen und anlügen! Daimler und die AAA! Wahrlich, was für ne miese Auszeichnung! Ich sage nur:" Ab auf die Straßen Leutchen und den Großen den Mittelfinger in die Beletage entgegen gestreckt!" "Nicht mit uns!" "Zetsche, dann mach Deinen Dreck doch alleine, aber in Deutschland nicht mit uns!" Leutchen, das muss krachen!

Bei Daimler gilt schon lange ....: ....das billigste oder nichts. Als MA eines IT-Zulieferers kann ich nur bestätigen, dass im diesen Laden nur noch das Drücken des Preises zählt, fachliche Belange sind uninteressant. Aber was will man erwarten, wenn mittlerweile nur noch die BWLer das Sagen in den Unternehmen haben.

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.