90 Jahre Kapp-Lüttwitz-Putsch Regierung floh nach Stuttgart
Matthias Sander, 13.03.2010 17:39 Uhr
Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch debattiert die aus Berlin vertriebene Deutsche Nationalversammlung im Stuttgarter Kunstgebäude über das weitere Vorgehen. Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch debattiert die aus Berlin vertriebene Deutsche Nationalversammlung im Stuttgarter Kunstgebäude über das weitere Vorgehen. Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart



In der Stuttgarter Kabinettssitzung bekommt nun Maercker das Wort. Er erwähnt die Verhandlungen, die der rechtmäßige Vizekanzler Schiffer - wohl auf eigene Faust - mit den Putschisten in Berlin führt. Eine der Forderungen von Kapp und Lüttwitz sei, so Maercker, "Amnestie für die Delikte nach dem 9. November" - also etwa für all die Übergriffe vor allem der Freikorpssoldaten auf Zivilisten seit der Ausrufung der Republik 1918. Alle Teilnehmer der Sitzung sprechen sich erneut gegen Verhandlungen mit den Putschisten aus. Koch notiert lakonisch: "Reichsminister Noske gab darauf die durch General Maercker an die Regierung Kapp telefonisch zu übermittelnden Kapitulationsbedingungen bekannt." Und Maercker greift tatsächlich zum Hörer.

Kapp denkt schon ans Aufgeben, wird aber von dem Offizier Waldemar Papst - der 1919 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermorden ließ - vorerst zum Weitermachen bewogen. Die Kapitulation der Putschisten scheint aber nur noch eine Frage der Zeit. "Kapp doch noch im Amt. Auch wohl noch Lüttwitz", schreibt Koch am Morgen des 17. März. Trotzdem sei der Zusammenbruch noch am selben Tag zu erwarten.

Tatsächlich tritt Kapp um 10 Uhr zurück, seiner Darstellung nach, weil ihm die Sicherheitspolizei nicht mehr Folge leiste. Er flüchtet nach Schweden. Walther von Lüttwitz übernimmt kurzzeitig die Reichskanzlei, tritt aber auch noch am selben Tag als Oberbefehlshaber zurück. Er flüchtet mit einem Dienstauto der Reichswehr und falschen Papieren. Bis auf den "Reichsinnenminister" der Kapp-Regierung, Traugott von Jagow, werden alle Verschwörer ohne Strafe davonkommen.

In Stuttgart treffen mehr und mehr Abgeordnete der Nationalversammlung ein - trotz des Generalstreiks, der auch die Reichsbahn erfasst. Am Nachmittag des 18.März, einem Donnerstag, nehmen schließlich rund 200 Abgeordnete an der Sitzung der Nationalversammlung im Kunstgebäude teil. Von mehreren Seiten wird seit dem Rücktritt Kapps und Lüttwitz' das Ende des Generalstreiks gefordert: von Vizekanzler Schiffer in Berlin, von der SPD-Fraktion der Nationalversammlung und der Reichsregierung in Stuttgart.

Droht eine weitere Revolution?



Verschiedene Gewerkschaften aber möchten den Generalstreik fortsetzen, um die unzuverlässige Reichswehr wirklich zu demokratisieren und politische Forderungen durchzusetzen. Die Exekutive glaubt, zur Eindämmung der von der KPD ausgehenden revolutionären Gefahr, die auch den Generalstreik weiterführen will, es sich jetzt nicht mit der Reichswehr verscherzen zu können. Wenig später stehen sich im Ruhrgebiet die 50000 Mann starke "Rote Ruhrarmee" und die Reichswehr gegenüber, es gibt 1250 Tote auf beiden Seiten.

Vorher aber steht noch die Rückkehr der Reichsorgane nach Berlin an. Ebert sagt unmittelbar nach den Rücktritten der Putschisten, so Koch in seinen Erinnerungen: "Nicht zu früh wieder nach Berlin gehen, sie müssen erst Sehnsucht nach uns haben." Bis zum 20. März gibt es noch verschiedene Sitzungen der Parlamentsfraktionen und des Kabinetts in Stuttgart. Schon am 19. März fahren Reichskanzler Bauer und drei Minister zu Verhandlungen nach Berlin. Ebert und die restlichen Minister verlassen Stuttgart am Abend des 20.März, einem Samstag. Vizekanzler Schiffer, der Verbindungsmann in Berlin, notiert erleichtert: "Das Kabinett ist endlich zurückgekehrt; nicht gern. Es wäre lieber in dem schönen und ruhigen Stuttgart geblieben; der heiße Boden in Berlin lockte es nicht."

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