Abbau des Kernkraftwerks Neckarwestheim I 3350 Tonnen Atommeiler-Schutt rollen an

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Der Kreis Ludwigsburg muss auch strahlungsarme Überreste des Kernkraftwerks Neckarwestheim ablagern. Der Landrat betont, es handle sich um harmlose Stoffe. Dennoch sollen strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Wie passt das zusammen?

Ein Großteil des Schutts vom still gelegten Block I des Kernkraftwerks Neckarwestheim  muss im Kreis Ludwigsburg gelagert werden. Foto: dpa
Ein Großteil des Schutts vom still gelegten Block I des Kernkraftwerks Neckarwestheim muss im Kreis Ludwigsburg gelagert werden. Foto: dpa

Ludwigsburg - Die Diskussion kommt für den Landrat zur Unzeit: Am Mittwoch hat die Kreis-Abfallverwertung AVL im Aufsichtsrat bekannt gegeben, dass sie in den kommenden Jahren in den Deponien in Schwieberdingen und Vaihingen auch rund 3350 Tonnen der Überreste des Kernkraftwerks Neckarwestheim ablagern muss. Kurz zuvor hatte der Vizelandrat und AVL-Chef Utz Remlinger zugeben müssen, dass sein Unternehmen in den vergangenen acht Jahren bereits rund 324 Tonnen Schutt des abgerissenen Forschungsreaktors im Kreis Karlsruhe abgelagert hatte. Er müsse sich „in aller Form entschuldigen“, dass er darüber nicht informiert habe.

„Das Timing ist denkbar ungünstig“, sagte der Landrat Rainer Haas – und sparte nicht mit Kritik an seinem Stellvertreter. „Es sind erhebliche Fehler gemacht worden“, sagte Haas und bemängelte, dass er nicht über alle Briefe Remlingers in dieser Sache informiert worden sei. Haas, er ist Aufsichtsratschef der AVL, kündigte eine Informationsoffensive an. Die Menschen in Schwieberdingen, wo die Deponie Froschgraben liegt, sollen in einer erneuten Bürgerinformation darüber informiert werden, dass die dort abgelagerten rund 153 Tonnen Bauschutt strahlentechnisch ebenso harmlos seien wie die rund 172 Tonnen, die in die Vaihinger Deponie Burghof gebracht wurden. Das Vertrauen der Schwieberdinger, wo die nachträgliche Nachricht über die Deponierung eine Welle der Empörung ausgelöst hatte, soll mit verschiedenen Mitteln wiedergewonnen werden.

Wie groß ist die Strahlung des Bauschutts?

Erstens wird die AVL-Pressestelle ins Landratsamt integriert, damit Haas über alle Auskünfte informiert ist. Zweitens seien nachträgliche Messungen geplant, um – so Albrecht Tschackert, der Technik-Chef der AVL – zu belegen, dass der Schutt des Testmeilers bei Karlsruhe eine Strahlung von weniger als zehn Mikrosievert aufweise. Zum Vergleich: die natürliche Strahlung in der Atmosphäre liege bei mehr als 2000 Mikrosievert. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sagt die Schwieberdinger Verwaltungsspitze aber offenbar. Die Gemeinde will auf eigene Rechnung einen unabhängigen Gutachter engagieren.

Zweitens soll die Strahlenmessung des künftig anrollenden Schutts aus Gemmrigheim/Neckarwestheim filmisch dokumentiert werden. Wenn der Bauschutt als harmlos eingestuft werde, komme er in verplombte Tonnen. Diese würden wiederum in verplombten Containern transportiert, erklärte Tschackert. Bei der Ablagerung müssten die AVL-Mitarbeiter einen Sicherheitsabstand einhalten.

Der Reaktor liegt großteils auf Gemmrigheimer Gebiet

Weil rund drei Viertel des Neckarwestheimer Reaktors auf Gemmrigheimer Gemarkung – und damit im Kreis Ludwigsburg – liegen, ist die AVL gesetzlich verpflichtet, den Schutt nach dem Abriss abzulagern. „Ich halte das für unsere moralische Pflicht“, betonte Haas. Nur der Aufsichtsrat Peter Schimke (Linke) forderte, die Deponierung abzulehnen. „Wer die Energiewende will, muss auch bereit sein, die Meiler abzubauen und zu entsorgen“, hielt Ernst-Peter Morlock (SPD) dagegen. „Auch eine geringe Radioaktivität ist noch Radioaktivität“, sagte Doris Renninger (Grüne), schob jedoch nach: „Wer Ja sagt zum Atomausstieg, muss auch die Verantwortung für die Entsorgung übernehmen.“

Carmen Dötterer (FDP) ging die Kritik am Vizelandrat Remlinger zu weit. „Der AVL ist kein Vorwurf zu machen.“ Immerhin handele es sich, nach dem Stand der heutigen Technik, um harmlosen Schutt. Bessere Kommunikation sei künftig geboten, „weil das Thema so emotional ist“. Ein Punkt, den auch Rainer Gessler (Freie Wähler) betonte. Er sprach dem Landrat Haas ein Lob aus, weil die hohen Sicherheitsstandards für die Entsorgung „von Ihnen gut mit dem Land verhandelt wurden“.