Abitur in Baden-Württemberg Gymnasien stehen fest, die Diskussion hält an

ral, 25.01.2013 06:52 Uhr

Stuttgart - Die ersten Querschläger kommen, kaum dass der neue Kultusminister Andreas Stoch (SPD) seine Premiere hinter sich gebracht hat. Soeben hat er öffentlich erklärt, dass 44 Gymnasien in Baden-Württemberg mit neunjährigen Zügen „ein guter Kompromiss im Rahmen des politisch Machbaren“ sind. Kaum hat er gesagt: „Es ist unrealistisch, im Zeitraum bis 2016 von weiteren G9-Zügen auszugehen“, da meldet sich schon Stochs Parteifreund und Fraktionskollege Johannes Stober aus Karlsruhe und kündigt „deutlichen Mehrbedarf“ aus der Fächerstadt an. Während Stoch vor weiteren Hoffnungen warnt, folgert Stober: „Das Thema G9 kann die Landesregierung mit den jetzt beschlossenen Genehmigungen nicht einfach zu den Akten legen.“ Stober operiert mit einer Dunkelziffer. Einige Schulen hätten sich gar nicht um G9-Züge beworben, und zwar „auf Grund der nicht wirklich glücklichen Kriterien für den Modellversuch“.

Der Minister hält sich an die offiziellen Zahlen: 48 Schulträger haben sich mit 52 Schulen um die 22 Plätze in der zweiten Tranche beworben. Angestrebt wurde eine ausgewogene regionale Verteilung. Die Modellschulen sollten mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sein, in das gesamte regionale Bildungsangebot passen und mit ihren pädagogischen Konzepten überzeugen. Theoretisch wäre jeder der 44 Stadt- und Landkreise mit einer Schule zum Zug gekommen, doch sieben wollten gar nicht. So stößt G9 in Südbaden auf auffallend wenig Resonanz. Dank dieser Zurückhaltung gibt es nun in der Stadt Stuttgart drei, in den Kreisen Ludwigsburg, Ostalb, Karlsruhe- Land, Neckar-Odenwald und Ortenau jeweils zwei G9-Gymnasien. Ein Kriterium für diese Zuteilung war laut Stoch auch die Einwohnerzahl. Die ersten 22 Gymnasien starteten bereits in diesem Schuljahr . Die jetzt genehmigten beginnen im Herbst.

„Beschlüsse umsetzen“

„Wir nehmen die Sorgen der Eltern ernst“, betont der SPD-Mann Stoch. Doch nun gelte es, im Rahmen des politisch Möglichen, mit den Erwartungen umzugehen. Die SPD tendiert eigentlich zu mehr neunjährigen Gymnasien, die Grünen wollten das ganze Modell von Anfang an nicht. Jetzt steckt der bisherige parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion im Anzug des Kultusministers und er findet den Rollenwechsel nicht besonders schwierig. „In der Regierung muss man beschlossene Entscheidungen umsetzen“. Sein Fraktionschef Claus Schmiedel, der vehementeste Befürworter weiterer G9- Gymnasien habe da eine ganz andere Rolle.

Stoch sieht, dass die Enttäuschung in den Städten, die keinen Zuschlag bekommen haben, groß ist. Er verweist aber darauf, dass andere Wege in neun Jahren zum Abitur führen: Der Realschulabschluss und der Besuch eines beruflichen Gymnasiums, der Besuch einer Gemeinschaftsschule mit angeschlossener gymnasialer Oberstufe oder der Besuch einer Gemeinschaftsschule bis zur zehnten Klasse und der anschließende Wechsel auf ein berufliches Gymnasium. Außerdem plant die Regierung eine Reform der Bildungspläne. Danach hofft Stoch auf eine höhere Akzeptanz des achtjährigen Gymnasiums.

Unterschiedliche Dehnungsmöglichkeiten

Die G9-Züge gelten als Modellversuche. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, den Stoff des Gymnasiums zu dehnen. So können die Inhalte der Klassen fünf bis sieben auf vier Jahre verteilt werden, das gleiche gilt für die Klassen sieben bis zehn. Es ist auch möglich, das Pensum der Klassen fünf bis zehn auf sieben Jahre zu strecken.

Stoch rechnet damit, dass die Auseinandersetzungen noch andauern: „Die Debatte wird erst beendet sein, wenn die Eltern das Gefühl haben, das Bildungsangebot ist das richtige“.

Zu Wort gemeldet haben sich bereits der Philologenverband und der Städtetag als Befürworter von weiteren Standorten. Der Städtetag hält zusätzliche G9-Gymnasien als Kooperationspartner für die zukünftigen Gemeinschaftsschulen für notwendig. Stoch dagegen betrachtet dies nicht für eine zwingende Konsequenz. Vielmehr könnten G9-Züge geradezu als Konkurrenz für die neuen Gemeinschaftsschulen betrachtet werden.

Mehr individuelle Förderung

Die Grünen setzen erwartungsgemäß weiterhin auf die Optimierung des achtjährigen Gymnasiums. Mit der Genehmigung der zweiten Staffel von 22 Standorten sei der gemeinsame Kompromiss gut umgesetzt, betont Sandra Boser, die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion. Sie sagt, „Eltern fordern mit Recht bessere Bedingungen an den Schulen. Eine Verlängerung der Schulzeit wird meistens nicht gewünscht“.

Vom neuen Kultusminister erwarten die Grünen eine rasche Verbesserung des G8 und eine Optimierung der Lehr- und Lernbedingungen an Gymnasien. Besonders die individuelle Förderung müsse verstärkt werden. Ähnlich äußert sich Doro Moritz, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Bildungspläne für G8 sollten weiter entfrachtet werden. „Statt mehr Modellversuchen brauchen wir das Geld dringender um die Gymnasien zu echten Ganztagsschulen auszubauen“, sagt Moritz. Das Kultusministerium rechnet mit acht Millionen Euro für den Schulversuch G9. Die FDP findet, das Geld wäre in der Überarbeitung von G8 und dem weiteren Ausbau der beruflichen Gymnasien besser angelegt.