""Drexler und seine Arbeitgeber heizen die Stimmung an.""
Werner Wölfle, Grünen-Stadtrat
Stuttgart - Um Punkt 14.25 Uhr hat am Mitwoch der Abriss des nördlichen Seitenflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof begonnen. Wenige Minuten, nachdem sich das Gebiss des Baggers erstmals ins Mauerwerk gefressen hat, ist der in der Nachbarschaft des Bonatz-Baus wohnende langjährige Bahnhofsvorsteher Egon Hopfenzitz vor Ort – und mit ihm rund 300 Demonstranten, die bereits ahnen, dass sie noch deutlich mehr werden würden. Am Ende des Tages sollen es zwischen 6000 (Angaben der Polizei) und 30.000 Menschen (Angaben der Veranstalter) gewesen sein, die gegen den Abriss protestierten.
"Ich bin entsetzt", sagt Egon Hopfenzitz. Der Abbruch des Nordflügels zu diesem Zeitpunkt sei zudem vollkommen unnötig, da die Bahn das unterirdische Technikgebäude im östlichen Teil des Parkplatzes vor dem Nordausgang bauen will und es somit keine Notwendigkeit gebe, den Flügel jetzt zu beseitigen.
Hopfenzitz macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: "Das ist eine pure Demonstration der Macht. Egal, wie viele Tausend Menschen dagegen protestieren, die Verantwortlichen haben sich eingebunkert und bleiben stur." Auch der Regionalvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Axel Wieland, kritisiert, mit welcher Brachialität der von der Bahn als "schonender Rückbau" verkaufte Abriss vonstatten geht. "Die Bahn will Fakten schaffen, aber der Protest wird dadurch noch zunehmen." Die Hoffnung der Projektträger, dass bald wieder Ruhe am Bahnhof einkehrt, werde sich nicht erfüllen.
Conradi: Wir lassen uns nicht einschüchtern
Vor den rund 6000 Demonstranten bei der Kundgebung erklärt der SPD-Alt-Linke Peter Conradi, man werde sich von den Stuttgart-21-Machern nicht einschüchtern lassen. Er verweist auf Überlegungen in der Berliner Regierungskoalition, den Bau noch nicht begonnener Schienenneubauvorhaben zu verschieben oder zu strecken: Wenn davon auch die Neubaustrecke Ulm-Wendlingen betroffen sei, wäre auch Stuttgart 21 tot, so Conradi. Demgegenüber lässt Oberbürgermeister Wolfgang Schuster zwei Stunden nach dem Beginn der Bauarbeiten via Pressemitteilung verlauten, er sei sich bewusst, "dass durch die Beseitigung der beiden Seitenflügel der Hauptbahnhof sichtbar verändert wird". Die Entscheidung dafür sei getroffen worden, "nachdem alle Interessen ausführlich abgewogen wurden". Weiter heißt es in der Verlautbarung: "Das eindrucksvolle Hauptgebäude bleibt Bestandteil des künftigen Hauptbahnhofes, den die Deutsche Bahn qualitätsvoll saniert."
Derweil wird bei den Demonstranten darüber spekuliert, wer genau den Startschuss für den Bagger gegeben hat. Die einen meinen, Bahn-Chef Rüdiger Grube persönlich habe den Abriss angeordnet, andere sehen in Chefplaner Hany Azer den "bösen Buben". Werner Wölfle, der Chef der Grünen-Fraktion im Gemeinderat, erfährt auf der Zugfahrt nach Konstanz von den Ereignissen.