Stuttgart - Die Stuttgarter Grünen haben sich wohl zu früh gefreut: Obwohl er für viele in der Partei – auch wegen seiner klaren Haltung gegen das umstrittene und Wählerstimmen sichernde Bahnprojekt Stuttgart 21 – der logische Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl 2012 in der Landeshauptstadt war, hat der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer seinen Spekulationen über eine Kandidatur in Stuttgart nun ein Ende gesetzt. Diese hatte nicht zuletzt er selbst durch medienwirksame Auftritte in Stuttgart genährt.
Zuletzt war der Eindruck entstanden, die Entscheidung der Ökopartei über den Bewerber sei bereits auf Palmer fallen, der im vorigen OB-Wahlkampf in der Landeshauptstadt einen grünen Farbtupfer gesetzt hatte und auf dem dritten Platz gelandet war. Dem hat er nun durch entsprechende Äußerungen in der Lokalzeitung widersprochen. Nach den jüngsten Erfolgen trauen sich die Grünen, gemeinsam mit der SPD, durchaus zu, die CDU-Vorherrschaft an der Rathausspitze zu beenden.
Palmer sagte der StZ auf Anfrage, er habe in Tübingen vieles angefangen, das er nicht halbfertig liegen lassen wolle. Dafür brauche er mindestens die ganze Amtszeit bis 2014. "Wegen der Finanzkrise gehe vieles langsamer voran, als noch vor Jahresfrist erhofft. Ich möchte auch ernten, nicht nur säen." Tübingen könne zwar nicht im Etatvolumen, aber durchaus in der Lebensqualität mit Stuttgart mithalten. Auch privat steht bei Boris Palmer, dem Sohn des verstorbenen legendären Remstalrebellen und Geradstettener Obstbauers Helmut Palmer, eine Veränderung an. Der OB und seine Partnerin, die Grünen-Europaabgeordnete Franziska Brantner, erwarten im Mai die Geburt ihrer Tochter. "Zu dieser Familiensituation passen eine Kandidatur und ein möglicher Wechsel ganz schlecht", meint der werdende Vater.
Dabei schätzt er die Ausflüge in die Landeshauptstadt und den Wirbel, den er dabei erzeugt. So erregte zuletzt seine Beschwerde beim Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, über seine Ausladung zum Startschuss für Stuttgart 21 Aufsehen – ein Projekt, das er schon zu seiner Zeit als verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion ablehnte. Der Konzernchef hatte den Tübinger OB daraufhin auf seine persönliche Einladungsliste gesetzt. Kritische Kommentare zu Stuttgart 21 hat er sich dennoch nicht verkniffen. Die Demonstranten im Bahnhof feierten ihn dafür wie einen Heilsbringer, während sich der Amtsinhaber Wolfgang Schuster auspfeifen lassen musste.