Adidas im Weltfußball Wie Kaugummi am Turnschuh

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Adidas ist nicht nur ein Sportartikelgigant, sondern auch eine sportpolitische Macht. Horst Dassler, verstorben 1987, hat dubiose Strukturen geschaffen, die den Weltsport prägen. Bis heute taucht der Name Adidas oft im Umfeld von anrüchigen Geschäften auf.

Schöner Schein: dieses Motiv hat Adidas bei der WM 2006 an der Decke des Kölner Bahnhofs angebracht. Die Rolle des Sportartikelherstellers hinter den Kulissen ist umstritten Foto: dpa
Schöner Schein: dieses Motiv hat Adidas bei der WM 2006 an der Decke des Kölner Bahnhofs angebracht. Die Rolle des Sportartikelherstellers hinter den Kulissen ist umstrittenFoto: dpa

Stuttgart - Dieser Tage ist mal wieder etwas aus der sportpolitischen Asservatenkammer aufgetaucht. In Zusammenhang mit der obskuren Affäre um die Fußball-WM 2006 hat Theo Zwanziger ein Dokument aus dem Giftschrank mit der Aufschrift „ISL“ hervorgekramt.

Es stammt aus dem Gerichtsverfahren um Schmiergeldzahlungen des Sportrechtehändlers, und es soll sich um eine Zahlungsanweisung über 250 000 Dollar einen Tag vor der WM-Vergabe am 6. Juli 2000 an Deutschland handeln. Bei dem auf dem Dokument anonymisierten Empfänger „E16“ könnte es sich laut Zwanziger um den verstorbenen Neuseeländer Charles Dempsey handeln, um jenen Mann, der damals plötzlich den Raum verließ und Deutschland bei der Abstimmung so den Sieg bescherte.

Da ist es mal wieder – das Vermächtnis der Firma „International Sport and Leisure“ (ISL), das bis heute den Weltsport in Atem hält – und damit Adidas. Das Problem des Sportartikelgiganten ist nämlich die eigene Geschichte: Adidas ist seit Jahrzehnten nicht nur eng verflochten mit Vereinen und Verbänden und einflussreichen Funktionären, nein, der Einfluss von Adidas geht weit über den üblichen Branchen-Lobbyismus hinaus: Von ISL, diesem Krebsgeschwür des Weltsports, führt eine direkte Spur nach Herzogenaurach.

Die Spinne im Korruptionsnetz

Die Firma wurde von Horst Dassler, Sohn von Adidas-Gründer Adolf „Adi“ Dassler, 1982 gegründet und war die Spinne in einem Netz aus Korruption. ISL, an deren Vorgängergesellschaft auch Franz Beckenbauer und Robert Schwan beteiligt waren, war Dasslers EC-Automat für Sportfunktionäre und entwickelte sich zum weltgrößten Sportvermarkter. Als die ISL 2001 Konkurs ging, flog das System auf. Unter anderem wurden über die Firma Bestechungsgelder für Übertragungsrechte der Fußball-WM 2002 und 2006 abgewickelt, des weiteren wurden Funktionäre aus den Weltverbänden im Fußball (Fifa), der Leichtathletik (IAAF) und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bestochen. Bewiesen sind Zahlungen von 138 Millionen Franken zwischen 1989 und 2001 an Funktionäre; im Gegenzug erwarb ISL Veranstaltungsrechte und gab sie an Sponsoren oder Fernsehsender weiter.

Dassler gilt als Erfinder der modernen Sportkorruption, seine Saat prägt den Weltsport weiterhin, viele Machthaber von heute entstammen seiner Schule (siehe auch „Die sportpolitische Supermacht“).

Adidas taucht so bis heute regelmäßig in Zusammenhang mit schmutzigen Affären und dubiosen Geschäften auf – es ist das schmutzige Erbe von Dassler junior. Die Geschichte klebt an Adidas wie ein Kaugummi an der Turnschuhsohle. In der Satiresendung „Magazin Royale“ von Jan Böhmermann auf ZDF Neo wurde die Rolle von Adidas so skizziert: „Beim DFB-Skandal hat Adidas wirklich keine Scheiße am Schuh. Adidas ist der Hund, aus dem die Scheiße rauskommt. Seit Jahrzehnten.“

Horst Dassler, das Cleverle aus Franken

Horst Dassler, der 1987 an Krebs starb, ist eine ambivalente Figur. Er gilt als Erfinder des Sportmarketings und hat den Sport erfolgreich für Adidas kommerzialisiert. Das Cleverle aus Franken überlistete etwa das Amateurstatut, indem er die drei Streifen als Markenzeichen aufbaute und ganze Teams und Verbände für sein Unternehmen als Werbeträger gewann. Andererseits hat er den Sport mit einem Netzwerk aus Abhängigkeiten und Bargeld überzogen. Er legte Karteikarten über Sportler und Funktionäre an, er machte sich Protagonisten gefügig und beeinflusste maßgeblich Entscheidungen und Wahlen in Verbänden. An den Schaltzentralen der Macht installierte er so seine Leute, die „Dassleristen“: Dassler soll zum Beispiel die Wahl von Joao Havelange zum Fifa-Präsidenten 1974 ebenso beeinflusst haben wie die IOC-Präsidentschaft von Juan-Antonio Samaranch im Jahr 1980, auch der umstrittene IAAF-Präsident Primo Nebiolo soll sein Amt Dasslers Unterstützung mitverdanken.

Das Wissen war seine Macht. In dem Buch „Der olympische Sumpf“ wird Dassler als „Erich Mielke des Weltsports“ bezeichnet. Horst Dassler, der auch den Schwimmartikelhersteller „Arena“ gründete, galt als der wahre König des Sports, als der Strippenzieher einer „korrupten Schickeria des Sports“, wie Thomas Kistner in seinem Buch „Fifa-Mafia“ schreibt. Er selbst sagte, so zitierte ihn der „Spiegel“, seine Kartei sei „besser als beim KGB“.

Als wichtigstes Instrument zur Einflussnahme galt neben ISL die Adidas-Stabsstelle „Internationale Beziehungen“, eine Lobbyabteilung im Namen der drei Streifen. Es war die sportpolitische Exzellenzabteilung aus dem Hause Dassler, die das heutige „Who is Who“ des Weltsports besucht hat. So haben unter anderem der Fifa-Präsident Sepp Blatter, der IOC-Präsident Thomas Bach und der Beckenbauer-Intimus Fedor Radmann für Dasslers Kaderschmiede gearbeitet und dort ihr sportpolitisches Handwerk gelernt. Bach, der wenige Monate nach Dasslers Tod 1987 bei Adidas ausschied, bestreitet, von dubiosen Vorgängen in der sportpolitischen Abteilung etwas mitbekommen zu haben.

Für die Aktivitäten aus Herzogenaurach interessierte sich einst sogar das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Ein Informeller Mitarbeiter (IM) notierte: „Meine Meinung ist, dass diese sportpolitische Abteilung, geleitet von Horst Dassler persönlich, zugleich auch die derzeit wichtigste Abteilung für Sportspionage ist.“ Nachzulesen ist das im Buch „Drei Streifen gegen Puma“ (Barbara Smit, 2005). Weiter wird dort ein IM der Stasi so zitiert: „Wir stehen vor der Tatsache, dass im Sport eben zur Zeit nichts ohne diesen Konzern geht – und dass meiner Ansicht nach vieles getan wird, was diese Gruppe will.“

Sepp Blatter made by Adidas

Das hinderte die DDR nicht daran, Geschäfte mit Dassler zu machen. Der betrieb schließlich eine expansive Ostpolitik, und die Devisen aus dem Hause Adidas waren auch jenseits des Eisernen Vorhangs begehrt. So unterschrieb Erich Honecker persönlich einen „Totalvertrag“ mit Adidas, die DDR-Sportler wurden danach mit Material vom Klassenfeind ausgerüstet.

Auch den Aufstieg von Sepp Blatter zum mächtigsten Funktionär auf dem Planeten Fußball im Universum des Horst Dassler hat selbiger gefördert. Blatter wird in Smits Buch so zitiert: „Zwischen Horst Dassler und mir bestand eine Seelenverwandtschaft. Er brachte mir die Feinheiten der Sportpolitik bei – eine sehr gute Lehre für mich.“ André Gulfi, damals ein Partner von Dassler, stellte das Verhältnis etwas anders dar: „Blatter sah zu Dassler auf wie zu einem Gott, weil er wusste, dass er ohne Dassler keine Chance hatte, den Job bei der Fifa zu bekommen.“ Blatter sei nur eine Marionette gewesen, so Gulfi, und er sei von Dassler auch so bezeichnet worden.

Sepp Blatter ist Made in Germany. Made by Adidas. Der Schweizer wurde auf Initiative Dasslers 1978 Direktor für Entwicklungsprogramme bei der Fifa, Blatters Büro war zeitweise in der französischen Adidas-Niederlassung, die Firma zahlte anfangs das Gehalt. Mit Dasslers Unterstützung wurde der Schweizer 1981 Generalsekretär, seit 1998 führt Blatter von zahllosen Korruptionsskandalen begleitet die Fifa.

Erklärt dies das Verhalten von Adidas? In der Fifa-Krise hält sich der mächtige Geldgeber auffallend zurück. Während die US-Topsponsoren Coca-Cola, McDonald’s, Visa und Anheuser-Busch Anfang Oktober den sofortigen Rücktritt von Blatter forderten, war aus dem Hause von Vorstand Herbert Hainer nur dies zu hören: Der Reformprozess müsse fortgesetzt werden. Adidas ist seit 1970 Partner der Fifa, 2013 wurde der Vertrag bis 2030 verlängert.

Ein enges Geflecht

Adidas ist natürlich auch ein wichtiger Teil der deutschen Fußballgeschichte. Die von Adi Dassler entwickelten neuartigen Schraubstollen sind Teil der Legende um das Wunder von Bern auf dem matschigen Rasen von Wankdorf 1954. Bis heute ist Adidas eng mit dem DFB verbandelt und exklusiver Ausrüster der Fußball-Nationalmannschaft. 2006 machte der US-Konkurrent Nike dem DFB heftige Avancen und bot angeblich das Fünffache der Summe, die der Verband von Adidas bekam. Der damalige DFB-Boss Theo Zwanziger dachte öffentlich über das Angebot nach, was ihm nicht bekam. Im Hintergrund sollen unter anderem Franz Beckenbauer und andere Bayern-Granden Stimmung gegen Zwanziger und Nike gemacht haben. Am Ende zog Nike den Kürzeren, und Adidas, das mit 8,33 Prozent am FC Bayern beteiligt ist, verdoppelte sein Sponsoring auf – noch immer günstige – 20 Millionen Euro pro Jahr.

Zwanziger deutete in seinem Buch „Die Zwanziger Jahre“ ein enges Geflecht aus Beziehungen zwischen Adidas und deutschen Fußballvertretern an. Es gebe lange Lohnlisten, „aber ich stehe auf keiner“.

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