Advent Ein Christkind namens Harvey

Heinrich Steinfest, 01.12.2012 10:03 Uhr

Stuttgart - Um es gleich zu Beginn klarzumachen: ich habe nichts gegen den Konsum. Als Autor von Büchern bin ich durchaus interessiert an einem Geschäft, das gerade vor Weihnachten außerordentliche Ausmaße annimmt. Das Buch ist das Geschenk der Hilflosen, und es ist – im Vergleich zu einigem Plunder – so gut wie nie peinlich. Es ist leistbar, ohne profan anzumuten, und man benötigt nicht die Arme eines Möbelpackers, um es auf den Gabentisch zu hieven (von manchen Bildbänden abgesehen, die sich aber ohnehin nur Leute leisten können, die sich auch Möbelpacker leisten können).

Der Literaturkritiker Denis Scheck, der bei seinen Moderationen mit Blickrichtung auf den Büchertisch gerne das Publikum darauf verweist, wie viele Tage noch bis Weihnachten sind (und das tut er auch mitten im Sommer), dieser Denis Scheck erzählte mir von einer Kölner Buchhandlung, die bereits am 21. Juli ihre Auslage winterlich-weihnachtlich dekorierte und dazu in schönster Zierschrift von der Scheibe posaunte: „Erster!“

Wie eine Skisprungschanze

Solch ironischer Umgang verweist auf einen expandierenden Advent, der wie eine enorme Skisprungschanze auf den Heiligen Abend zuführt und einen allbekannten Fußballspruch neu interpretiert: Nach dem Weihnachtsfest ist vor dem Weihnachtsfest.

Für das Kind nun, das ich einst war, war es tatsächlich so, dass in der Erwartung der Bescherung der ganze Reiz bestand. Die lange und steile Sprungschanze hinunterzufahren, das war somit die ganze freudige Er­regung – und nicht der Sprung selbst. Ich meine also die Besuche des Weihnachtsmarkts, die Gerüche von Backwaren, das Licht überall (die sternenartige Aufhellung winterlicher Abende), der ausgedehnte Countdown, der sich durch das Öffnen der Kalendertürchen ergab, die vielschichtigen Spekulationen und Fantasien betreffs möglicher und unmöglicher Geschenke und nicht zuletzt auch Spekulationen betreffs des Christkindes.

Überforderte Eltern

Klar, alsbald drang auch an mich das Gerücht heran, das Verbot, das Christkind zu schauen, würde sich schlichtweg daraus ergeben, dass es gar nicht existierte und die Geschenke von den eigenen Eltern ausgesucht und erstanden wurden, was dann immerhin einiges Unglück plausibel machte. Und dennoch, ich wollte lieber an ein überfordertes oder schlecht informiertes Christkind glauben als an überforderte oder taube Eltern, und als ich es einmal wagte, durch das Schlüsselloch zu schauen, da erkannte ich ein unglaublich starkes Licht, in dem sich die engelhafte Gestalt abzeichnete, blond, das schon, aber nicht blauäugig, sondern rosaäugig und zudem sehr viel älter, als ich mir das gedacht hatte.

Im Angesicht dieser Erscheinung akzeptierte ich endlich, dass dieses „Kind“, das kein Kind war, nicht gekommen war, um die Geschenke zu bringen, welche also in der Tat von den Eltern stammten (die teuren, aber unpassenden Präsente des unter dem Jahr nie präsenten, ahnungslosen Vaters, die billigen, jedoch absolut passenden der wissenden Mutter). Ich begriff die Anwesenheit des Christkinds – dieser also aus dem Licht geborenen Gestalt – als ein Zeichen absoluter und endgültiger Geborgenheit.

Das Christkind ist dem Ritual nicht verpflichtet

Ich will jetzt nicht behaupten, im Zuge einer „magischen Christianisierung“ plötzlich mein Interesse an Legobausteinen und am konfektsüchtigen Abräumen des Christbaums verloren zu haben, um mich gänzlich der Weltrettung zu verschreiben, aber ich verstand eben, dass hier im Grunde zwei verschiedene Veranstaltungen stattfanden, die Eltern aber so taten, als würden beide zusammengehören. Doch das Faktum war und ist: Eltern sind dem Ritual und dem Einzelhandel verpflichtet, das Christkind nicht (oder wie man es nennen mag und in welcher Gestalt auch immer es im Kopf eines Kindes wirkt und freundlich spukt – sowie auch im Kopfe einiger Erwachsener, aber man muss schon verrückt sein, solche Dinge zuzugeben, zum Beispiel von einem zwei Meter großen, weißen Hasen namens Harvey begleitet zu werden*).

Es dauerte noch einige Zeit, bis mir klar wurde, inwieweit die Erscheinung des Christkinds aus dem Jenseits stammte und wie sehr diese Figur auf den Raum hinter dem Spiegel verwies, einen Raum, den man sich nur entweder sehr dunkel oder sehr hell vorstellen kann.

Jenseits und Diesseits

Das Christkind steht für das Jenseits, den Tod, der in jeder Geburt wie ein Kern einsitzt, der Kaufrausch hingegen verbildlicht das pure Diesseits. Und ich gebe gerne zu, wie sehr lustvolles Einkaufen meine Nerven beruhigt, in der gleichen Art, wie es auch der Alkohol tut. Zudem ist es ganz logisch, dass am Ende einer Verfallsgesellschaft orgiastische und rauschhafte Zustände dominieren und alles getan wird, um einen größtmöglichen Kater zu bewerkstelligen, in dessen Folge erst eine Klarheit und Reinheit der Gedanken entstehen kann.

In dem Film „River King“ erkundigt sich eine Figur bei einer anderen: „Fragst du dich manchmal, was danach kommt?“ Der Befragte antwortet: „Hoffentlich die Fachbereichsleitung. Möglicherweise eine Professur.“ – „Ich meinte nach dem Tod.“

Unser Konsum ist die pure Verdrängung des Todes. Selbst dann, wenn wir Bücher über den Tod kaufen.

Doch da ist noch immer das Christkind, ein Echo aus dieser anderen Welt. – Klar, es gibt Leute, die auf den optimistischen Hinweis, man würde im Jenseits sämtliche seiner Lieben wieder treffen, entgegnen: „Ja, aber die anderen auch.“

Ein Hoch auf den Adventslalender

Neben dem geschauten, dem geträumten oder fantasierten Christkind ist wohl noch der Adventskalender eine probate Möglichkeit, in diese andere Welt zu schauen, die wir auch die magische nennen. Wir schauen durch die Türchen, die man wie ein Stück angeknackster Schale herausbricht, und auf den tiefen Raum, der sich dahinter offenbart: Geschichten, Märchen, Wunderländer. Und mindestens so zauberhaft ist es, wenn sich hinter diesen papierenen Pforten Stücke von Schokolade verbergen. Denn so banal und unheilig ihre Herstellung in den diesseitigen Schokoladefabriken auch sein mag, wenn diese „kleinen goldenen Herzen“ auf der Zunge vergehen, dann ist das eher so, als würde man einen wortlosen Gedanken schmecken, einen zugleich traurigen wie tröstlichen. Ein Stück Schokolade kann wie der Kuss eines Engels sein.

Stimmt, man kann auch einfach reinbeißen und runterschlucken. Man kann alles auf zwei Arten machen.

Die Art nun, für die wir uns in Summe entschieden haben, führt nach einer langen – mal freudigen, mal beschwerlichen – Fahrt auf der Schanze zu einem geradezu hysterischen Sprung durch die Luft des Heiligen Abends und mündet in einen Zustand der Erschöpfung am 25. Dezember. Unter manchen Weihnachtsbäumen sieht es dann aus, als sei eine Granate eingeschlagen. Andererseits passt Erschöpfung zu einer Geburt eigentlich ganz gut.