Ärger für Winterbottom
Einfach nur ein guter Film
Tim Schleider,
20.02.2010 12:28 Uhr
Eine Szene des neuen Films von Michael Winterbottom "The Killer Inside Me" mit den Schauspielern Kate Hudson (l)und Casey Affleck (r). Foto: dpa
Berlin - Manchmal sind Journalisten komische Menschen. Da liefert ihnen der britische Regisseur Michael Winterbottom zwei Stunden lang den beinahe perfekten, rasend spannenden und psychologisch abgründigen Thriller "The Killer inside me". Und dann wird zum Schluss gebuht. Und hinterher in der Pressekonferenz gefragt: "Warum ist dieser Film einfach nur spannend?" Oder: "Warum hat der Film keine Botschaft?" Oder: "Warum sind Sie mit diesem Film überhaupt auf der Berlinale?"Zum Glück ist Michael Winterbottom offenbar ebenso geduldig wie umgänglich. Deswegen wiederholt er auf dem Podium ganz ruhig einfach nur ein ums andere Mal: "Ich fand diesen Roman von Jim Thompson spannend. Und ich wollte ihn gern angemessen verfilmen."
Und das ist ihm wahrlich gelungen: Die Geschichte eines leicht sadistisch veranlagten texanischen Provinzmarshalls, der von einem Mord in den anderen taumelt, weil man bei aller Perfektion doch immer irgendeinen dummen Fehler macht und zwecks Ausmerzung desselben immer noch einen Schritt weiter und weiter gehen muss - diese Geschichte könnte in den kommenden Wochen wegen ihrer betonten Künstlichkeit und ihrer vielen ironischen Brechungen auch in deutschen Kinos ein richtiger Hit werden.
Casey Affleck spielt rasend cool einen hochbegabten Polizisten, der zur Entspannung dicke Bücher liest und auf dem Plattenspieler Mahler-Sinfonien bereit liegen hat. All das und seine ebenfalls vorhandenen Fähigkeiten als hervorragender Liebhaber schließen allerdings nicht aus, dass er völlig gefühlskalt von einem Moment zum nächsten selbst jene Frauen umbringt, mit denen er just noch am Schmusen war. Man könnte jetzt natürlich in diese Figur noch eine zusätzliche Ebene hineinprojizieren, sie als Sinnbild für irgend etwas nehmen. Aber im Grunde spielt der Film tatsächlich einfach nur in den amerikanischen Fünfzigern und zeigt uns einen Übeltäter bei seinen Übeltaten. Gutes Kino. Beneidenswert gemacht.
Aber womöglich nicht gut genug für die Berlinale? Sehen wir es mal positiv für Mister Winterbottom: Vielleicht erwartet man vom Regisseur der wegweisenden Polit- und Sozialdramen "Welcome to Sarajevo" (1997), "Aufbruch ins Ungewisse" (2002) oder "The Road to Guantanamo" (2006) stets eine neue Erhellung und Botschaft. Und ist als Zuschauer dann enttäuscht, wenn sich der auf diese Art heiß und innig Verehrte (man könnte auch sagen: Entrückte) zur Abwechslung das Fach des Psychothrillers vornimmt.
Kino hat eben viel mit Erwartungen zu tun, das schrieben wir hier kürzlich schon mal. Aber glaube bitte niemand, unter den Fachleuten herrsche Einigkeit, welche Erwartungen man zum Beispiel an einen Wettbewerbsfilm haben müsse. Jetzt, da die Berlinale zu Ende geht und ein bisschen Bilanz gezogen werden soll, sei es einfach mal verraten: die Fachleute sind sich darüber, ob ein neuer Film gut oder schlecht ist, in 98 Prozent aller Fälle völlig uneins. Es können auch 99 Prozent sein.
Es gibt Kritiker, die fanden die Komödie "Greenberg" von Noah Baumbach mit Ben Stiller in der Hauptrolle (wir berichteten) herrlich, und es gibt andere Kritiker, die fanden sie nervig. Die zwei deutschen Wettbewerbsfilme "Der Räuber" und "Shahada" sind bei deutschen Kritikern sehr gut weggekommen; "Shahada" von Burhan Qurbani wird hier und da sogar als Geheimfavorit für den Hauptpreis gehandelt. Und dann guckt man in die Bewertungslisten der in Berlin täglich erscheinenden US-Fachmagazine "Hollywood Reporter" und "Screen" und stellt fest, dass angelsächsische Kritiker die deutschen Filme heillos missglückt fanden, weil sie keine psychologischen Erklärungen boten ("Der Räuber") und ihre Geschichten nicht zu Ende erzählten ("Shahada"). Muss man zur Kenntnis nehmen.
Deswegen ist der oben schon erwähnte Ausspruch, dieses oder jenes sei doch bitteschön überhaupt kein Wettbewerbsfilm, auch so dämlich. Natürlich war der Berlinale-Wettbewerb 2010 ein guter Jahrgang, denn er hat ein breites Spektrum an verschiedenen Geschichten, Erzählweisen und Ästhetiken geboten. Dieses Spektrum reicht von Thrillern à la Winterbottom und Polanski bis hin zu einem Film wie "Honig", dessen türkischer Regisseur Semih Kaplanoglu Wert auf die Feststellung legt, dass Kino stets auch eine spirituelle Dimension haben müsse (weswegen "Honig" dann ja auch so bilderstark und ruhig von den Menschen und der Natur erzählt und manchem anders gepolten Zuschauer vermutlich leicht in Tiefschlaf versetzen kann).
Für die Abteilung "Europäischer Gesellschaftsfilm" standen hervorragende neue Arbeiten von der Bosnierin Jasmila Zbanic und vom Rumänen Florin Serban. Zbanic erzählt in "Auf dem Pfad" von der wachsenden Entfremdung eines jungen Paares in Sarajevo, weil der Mann unter dem Druck der Verhältnisse seine muslimische Identität stärken zu müssen glaubt. "Wenn ich pfeifen will, dann pfeife ich" von Serban war die hochspannende Geschichte eines Heimjugendlichen, der im Grunde doch nur ein besseres Leben will und trotzdem einen Fehler nach dem anderen macht. Beide könnten bei den Berlinale-Preisen gut zum Zug kommen.
Es gab schöne, poetische Komödien wie etwa der völlig abgedrehte, rabenschwarze norwegische Film "Ein irgendwie freundlicher Mann" von Hans Petter Moland über einen Ex-Knacki, der angesichts der aktuellen Verhältnisse noch darüber nachdenkt, ob ein Leben ohne Morden jenem mit Morden wirklich vorzuziehen sei. Oder der herrliche, rasend spaßige Film von Lisa Cholodenko, "Die Kinder sind in Ordnung", in dem Julianne Moore und Annette Bening zum Niederknien gut ein Lesbenpaar spielen, deren beinahe erwachsene Kinder auf die Suche nach ihrem Samenspendenvater gehen. Leider lief Cholodenko "außer Konkurrenz", so dass wir ihm an dieser Stelle nur den undotierten StZ-Berlinalekritiker-Feelgood-Award 2010 verleihen können.
Und es gab hier auch, so gehört es sich wohl, richtig abgedrehtes Zeug. Zum Beispiel den japanischen Film "Caterpillar", in dem Koji Wakamatsu die meiste Zeit eine Frau beim Sex mit einem maximal Schwerstkriegsversehrten zeigt. Oder den argentinischen Beitrag "Puzzle" von Natalia Smirnoff, der einfach neunzig Minuten lang eine Frau beim Puzzeln beobachtet. Aber selbst das brachte abschließend noch Erkenntnisgewinn, denn jetzt weiß der aufmerksame Zuschauer, dass auch in der Fachabteilung eines argentinischen Warenhauses die deutsche Firma Ravensburger der unumstrittene Platzhirsch ist. Manche Berlinalefilme sind halt wie sonntagabends "Weltspiegel" gucken.
Wie man angesichts dieses Spektrums Preise verteilen kann, das muss nun die Jury entscheiden. Sie wird das tun, was Berlinale-Jurys stets getan haben: Sie wird ihre Bären schön gerecht verteilen, auf viele Namen, Länder und Stile. Recht so. Denn nur so kommt der Reichtum des Weltkinos angemessen zum Ausdruck.
Und das ist ihm wahrlich gelungen: Die Geschichte eines leicht sadistisch veranlagten texanischen Provinzmarshalls, der von einem Mord in den anderen taumelt, weil man bei aller Perfektion doch immer irgendeinen dummen Fehler macht und zwecks Ausmerzung desselben immer noch einen Schritt weiter und weiter gehen muss - diese Geschichte könnte in den kommenden Wochen wegen ihrer betonten Künstlichkeit und ihrer vielen ironischen Brechungen auch in deutschen Kinos ein richtiger Hit werden.
Casey Affleck spielt rasend cool einen hochbegabten Polizisten, der zur Entspannung dicke Bücher liest und auf dem Plattenspieler Mahler-Sinfonien bereit liegen hat. All das und seine ebenfalls vorhandenen Fähigkeiten als hervorragender Liebhaber schließen allerdings nicht aus, dass er völlig gefühlskalt von einem Moment zum nächsten selbst jene Frauen umbringt, mit denen er just noch am Schmusen war. Man könnte jetzt natürlich in diese Figur noch eine zusätzliche Ebene hineinprojizieren, sie als Sinnbild für irgend etwas nehmen. Aber im Grunde spielt der Film tatsächlich einfach nur in den amerikanischen Fünfzigern und zeigt uns einen Übeltäter bei seinen Übeltaten. Gutes Kino. Beneidenswert gemacht.
Kino hat viel mit Erwartungen zu tun
Aber womöglich nicht gut genug für die Berlinale? Sehen wir es mal positiv für Mister Winterbottom: Vielleicht erwartet man vom Regisseur der wegweisenden Polit- und Sozialdramen "Welcome to Sarajevo" (1997), "Aufbruch ins Ungewisse" (2002) oder "The Road to Guantanamo" (2006) stets eine neue Erhellung und Botschaft. Und ist als Zuschauer dann enttäuscht, wenn sich der auf diese Art heiß und innig Verehrte (man könnte auch sagen: Entrückte) zur Abwechslung das Fach des Psychothrillers vornimmt.
Kino hat eben viel mit Erwartungen zu tun, das schrieben wir hier kürzlich schon mal. Aber glaube bitte niemand, unter den Fachleuten herrsche Einigkeit, welche Erwartungen man zum Beispiel an einen Wettbewerbsfilm haben müsse. Jetzt, da die Berlinale zu Ende geht und ein bisschen Bilanz gezogen werden soll, sei es einfach mal verraten: die Fachleute sind sich darüber, ob ein neuer Film gut oder schlecht ist, in 98 Prozent aller Fälle völlig uneins. Es können auch 99 Prozent sein.
Es gibt Kritiker, die fanden die Komödie "Greenberg" von Noah Baumbach mit Ben Stiller in der Hauptrolle (wir berichteten) herrlich, und es gibt andere Kritiker, die fanden sie nervig. Die zwei deutschen Wettbewerbsfilme "Der Räuber" und "Shahada" sind bei deutschen Kritikern sehr gut weggekommen; "Shahada" von Burhan Qurbani wird hier und da sogar als Geheimfavorit für den Hauptpreis gehandelt. Und dann guckt man in die Bewertungslisten der in Berlin täglich erscheinenden US-Fachmagazine "Hollywood Reporter" und "Screen" und stellt fest, dass angelsächsische Kritiker die deutschen Filme heillos missglückt fanden, weil sie keine psychologischen Erklärungen boten ("Der Räuber") und ihre Geschichten nicht zu Ende erzählten ("Shahada"). Muss man zur Kenntnis nehmen.
Breites Spektrum an verschiedenen Geschichten
Deswegen ist der oben schon erwähnte Ausspruch, dieses oder jenes sei doch bitteschön überhaupt kein Wettbewerbsfilm, auch so dämlich. Natürlich war der Berlinale-Wettbewerb 2010 ein guter Jahrgang, denn er hat ein breites Spektrum an verschiedenen Geschichten, Erzählweisen und Ästhetiken geboten. Dieses Spektrum reicht von Thrillern à la Winterbottom und Polanski bis hin zu einem Film wie "Honig", dessen türkischer Regisseur Semih Kaplanoglu Wert auf die Feststellung legt, dass Kino stets auch eine spirituelle Dimension haben müsse (weswegen "Honig" dann ja auch so bilderstark und ruhig von den Menschen und der Natur erzählt und manchem anders gepolten Zuschauer vermutlich leicht in Tiefschlaf versetzen kann).
Für die Abteilung "Europäischer Gesellschaftsfilm" standen hervorragende neue Arbeiten von der Bosnierin Jasmila Zbanic und vom Rumänen Florin Serban. Zbanic erzählt in "Auf dem Pfad" von der wachsenden Entfremdung eines jungen Paares in Sarajevo, weil der Mann unter dem Druck der Verhältnisse seine muslimische Identität stärken zu müssen glaubt. "Wenn ich pfeifen will, dann pfeife ich" von Serban war die hochspannende Geschichte eines Heimjugendlichen, der im Grunde doch nur ein besseres Leben will und trotzdem einen Fehler nach dem anderen macht. Beide könnten bei den Berlinale-Preisen gut zum Zug kommen.
Es gab schöne, poetische Komödien wie etwa der völlig abgedrehte, rabenschwarze norwegische Film "Ein irgendwie freundlicher Mann" von Hans Petter Moland über einen Ex-Knacki, der angesichts der aktuellen Verhältnisse noch darüber nachdenkt, ob ein Leben ohne Morden jenem mit Morden wirklich vorzuziehen sei. Oder der herrliche, rasend spaßige Film von Lisa Cholodenko, "Die Kinder sind in Ordnung", in dem Julianne Moore und Annette Bening zum Niederknien gut ein Lesbenpaar spielen, deren beinahe erwachsene Kinder auf die Suche nach ihrem Samenspendenvater gehen. Leider lief Cholodenko "außer Konkurrenz", so dass wir ihm an dieser Stelle nur den undotierten StZ-Berlinalekritiker-Feelgood-Award 2010 verleihen können.
Manche Filme sind wie sonntagabends "Weltspiegel" gucken
Und es gab hier auch, so gehört es sich wohl, richtig abgedrehtes Zeug. Zum Beispiel den japanischen Film "Caterpillar", in dem Koji Wakamatsu die meiste Zeit eine Frau beim Sex mit einem maximal Schwerstkriegsversehrten zeigt. Oder den argentinischen Beitrag "Puzzle" von Natalia Smirnoff, der einfach neunzig Minuten lang eine Frau beim Puzzeln beobachtet. Aber selbst das brachte abschließend noch Erkenntnisgewinn, denn jetzt weiß der aufmerksame Zuschauer, dass auch in der Fachabteilung eines argentinischen Warenhauses die deutsche Firma Ravensburger der unumstrittene Platzhirsch ist. Manche Berlinalefilme sind halt wie sonntagabends "Weltspiegel" gucken.
Wie man angesichts dieses Spektrums Preise verteilen kann, das muss nun die Jury entscheiden. Sie wird das tun, was Berlinale-Jurys stets getan haben: Sie wird ihre Bären schön gerecht verteilen, auf viele Namen, Länder und Stile. Recht so. Denn nur so kommt der Reichtum des Weltkinos angemessen zum Ausdruck.
Am Samstag in Berlin
Abschluss:
Am Samstagabend findet im Berlinale Palast am Potsdamer Platz die Abschlussgala statt. Im Mittelpunkt stehen die Preise der Internationalen Jury unter dem Vorsitz von Werner Herzog: Neben dem Goldenen Bären für den besten Film des Wettbewerbs gibt es Silberne Bären für die besten Darsteller, das beste Drehbuch, die beste Sonderleistung, den Großen Preis der Jury und den Alfred-Bauer-Preis für ein besonders innovatives Werk. Danach folgt dann der Abschlussfilm: das japanische Familiendrama "Über meinen Bruder" von Yoji Yamada.Preisverleihung:
3Sat überträgt live von 18.55 bis 21 Uhr, es moderiert Anke Engelke.Weitere Bilder zur Berlinale »
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