Ärztliche Versorgung von Flüchtlingen in Stuttgart Immer wieder wird Tuberkulose diagnostiziert

Von höf 

Nicht nur mit der Registrierung, auch mit der Gesundheitsuntersuchung von Flüchtlingen kommt das Land nicht nach. Das zeigt das Beispiel Stuttgart. Die Ärzte diagnostizieren immer wieder Fälle von Tuberkulose.

Junge Flüchtlinge stehen im Gesundheitsamt für eine Untersuchung an. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Junge Flüchtlinge stehen im Gesundheitsamt für eine Untersuchung an.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Anfang September sind 350 Flüchtlinge in das Haus Martinus in der Olgastraße eingezogen, die gesetzlich vorgeschriebene Erstuntersuchung aber haben sie noch nicht erhalten. „Die Registrierung der Flüchtlinge hat sich hingezogen. Wir können erst in der nächsten Woche mit den Untersuchungen beginnen“, sagt Martin Priwitzer, der stellvertretende Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts. Die Flüchtlinge werden in das Gesundheitsamt in der Bismarckstraße einbestellt – zur Inaugenscheinnahme und zur Röntgenuntersuchung. Die Aufnahmen werden gemacht, um Patienten mit offener Tuberkulose herauszufiltern und damit eine Ausbreitung der ansteckenden Krankheit zu verhindern.

Das Land aber kommt angesichts der hohen Flüchtlingszahlen mit der Registrierung und den Untersuchungen nicht nach. Zu spüren bekommt dies eben auch das Stuttgarter Gesundheitsamt, das wie im Fall der Flüchtlinge im Haus Martinus als kommunale Gesundheitsbehörde einspringen muss. „Eigentlich fehlen uns die Ressourcen“, stellt Priwitzer nüchtern fest.

Ärzte des Klinikums versorgen die Flüchtlinge

Medizinisch versorgt waren die Asylsuchenden in den vergangenen Monaten dennoch. Ärzte des städtischen Klinikums Stuttgart haben in dem früheren Pflegeheim in der Olgastraße regelmäßig Sprechstunden abgehalten, genauso wie in den Messehallen, wo noch immer rund tausend Flüchtlinge untergebracht sind. „Wir haben es mit Menschen zu tun, die lange keinen Arzt mehr gesehen haben“, sagt Tobias Schilling, der Chefarzt in der Interdisziplinären Notaufnahme des Katharinenhospitals ist und die Sprechstunden in den Notunterkünften koordiniert.

Was die Ärzte zu sehen bekommen, sind viele chronische Erkrankungen, aber auch infektiöse Wunden, die sich die Menschen auf der Flucht zugezogen haben. „Wir haben immer ein Auge auf Infektionskrankheiten und versuchen die Betroffenen rechtzeitig zu isolieren, um eine Ausbreitung zu verhindern.“ So werden in der Messehalle, die noch bis zum 4. Dezember als Unterkunft genutzt wird, Flüchtlinge mit Magen-Darm-Erkrankungen nicht nur separat untergebracht, für sie stehen auch eigene Toiletten-Container bereit.

Hierzulande nur noch seltene Erkrankungen treten auf

Zu sehen bekommen die Ärzte aber auch Erkrankungen, die in Deutschland selten geworden sind, beispielsweise die Krätze, eine durch Milben verursachte Hautkrankheit. „In Deutschland sieht man sie fast nur noch bei Obdachlosen. Für Ärzte kann die Diagnose deshalb schwierig sein. Die Behandlung dagegen ist kein Problem“, sagt Schilling. Konfrontiert sind die Klinikärzte auch immer wieder mit Tuberkulose. „Wenn wir einen Verdachtsfall haben, schicken wir die Menschen zur Abklärung ins Krankenhaus“, so Schilling.

Tatsächlich ist die Zahl der gemeldeten Tuberkulosefälle in diesem Jahr durch die starke Zuwanderung gestiegen. In Stuttgart wurden bis Mitte Oktober 43 Tuberkulosefälle erfasst, so viele wie im gesamten Jahr 2014. Landesweit waren es Mitte Oktober 494 Fälle und damit mehr als im Vorjahr (471 Erkrankungen). „Wir hatten auch in den 1990er Jahren, als die Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland Zuflucht gesucht haben, einen starken Anstieg der Tuberkulose. Trotzdem ist es zu keiner Ausbreitung in der Bevölkerung gekommen“, sagt Martin Priwitzer vom Gesundheitsamt. Auch Tobias Schilling stellt fest, dass die Flüchtlinge keine Krankheiten mitbringen, die es hier nicht mehr gibt. „Wir fliegen in Mittelmeerländer in den Urlaub, auch da kann ich mir eine Tuberkulose einfangen.“

Zeltstadt wird diese Woche bezogen

Der Chefarzt der Notaufnahme ist gerade dabei, den nächsten Einsatz zu planen. Die Klinikärzte übernehmen auch die medizinische Versorgung in der Zeltstadt im alten Reitstadion und in der ehemaligen Logistikhalle der Post in der Ehmannstraße, wo jeweils tausend Flüchtlinge unterkommen sollen. In die Zeltstadt ziehen vielleicht schon am heutigen Montag die ersten Flüchtlinge, Mitte Dezember soll die Ehmannstraße folgen. „Wenn die Busse kommen, sind wir vor Ort“, sagt Schilling.

An der Versorgung der Flüchtlinge beteiligen sich rund 25 Ärzte des Klinikums, die in ihrer dienstfreien Zeit in den Notunterkünften akute Fälle behandeln. Das Deutsche Rote Kreuz und das Malteser Hilfswerk stellen Verbandsmaterial und Medikamente und kümmern sich um die Logistik. Die Flüchtlinge sind zwar offiziell noch nicht registriert, die Ärzte aber nehmen eine eigene Dokumentation vor. In der Zeltstadt werden an den Vormittagen zwei Ärzte vier Stunden lang Sprechstunde halten. Kommt das Logistikzentrum dazu, werden die beiden neuen Standorte im täglichen Wechsel versorgt.

Regierungspräsidium trägt die Kosten

Tobias Schilling will auch dafür sorgen, dass eine Apotheke vor Ort präsent ist: „Wir können für die Flüchtlinge keine Kassenrezepte ausstellen, weil sie keine Krankenversicherung haben.“ Die Apotheken müssen die Kosten deshalb mit dem Regierungspräsidium abrechnen. Dieses zahlt auch den Einsatz der Klinikärzte und in Kürze eine halbe befristete Arztstelle.