Landtagswahl im Wahlkreis Göppingen Die Losung aufs Handy, die Lösung im Kopf

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Heinrich Fiechtner hält Angela Merkel für eine Verbrecherin am deutschen Volk und den Wahlkreis Göppingen für ein gutes Pflaster für die AfD. Deshalb tritt der Stuttgarter Stadtrat hier und nicht in der Landeshauptstadt für seine Partei an.

Nie ohne Fliege: Heinrich Fiechtner (AfD) in seiner Praxis an der Königstraße Foto: Horst Rudel
Nie ohne Fliege: Heinrich Fiechtner (AfD) in seiner Praxis an der KönigstraßeFoto: Horst Rudel

Göppingen - Unten flanieren die Menschenmassen auf der Stuttgarter Haupteinkaufsstraße vorbei, oben sitzt Heinrich Fiechtner am Schreibtisch und muss manchem Patienten Wahrheiten ins Gesicht sagen, die keiner hören möchte. An der Wand hängt ein Vers aus dem Lukasevangelium: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“

In den Pausen blickt der Onkologe auf den Bildschirm seines Computers. Auch im Weltweitnetz müssen „Wahrheiten“ verbreitet werden, um der „Lügenpresse“ Paroli zu bieten. Er tippt mit links. Fiechtner ist ohne rechte Hand zur Welt gekommen. „Vielleicht habe ich deshalb eine gewisse Resistenz entwickelt“, sagt er. Auch in seinem Beruf musste er sich beweisen. Kann er einarmig überhaupt Blut abnehmen? Er kann. „Manche sagen, ich bin der beste Stecher von Stuttgart.“ Der Witz gefällt ihm.

Erst CDU, dann FDP, schließlich AfD

Schafft es Fiechtner nun als Giftspritze in den Landtag, wie seine Gegner befürchten? Im Wahlkreis Göppingen stehen die Chancen für die Alternative für Deutschland (AfD) vermeintlich besonders gut. Bei der Europawahl erzielte sie hier ihr drittbestes Ergebnis im Regierungsbezirk. Deshalb hat sich der Stuttgarter Stadtrat hier und nicht in der Landeshauptstadt auf den Stimmzettel schreiben lassen. Mittlerweile ist er auch Göppinger Kreisvorsitzender.

Früher war er selbst Mitglied der „Altparteien“. Auf dem Höhepunkt der Spendenaffäre trat er in die Stuttgarter CDU ein und fungierte zwischenzeitlich als stellvertretender Bezirksbeirat im Stadtteil Birkach. „Ich habe aber gemerkt, dass mich die Frage, wo eine bestimmte Ampel stehen soll, nicht so interessiert.“ 2011 verließ er die Partei, um sich wenig später der FDP anzuschließen. Er habe die Gruppe um den Eurorebellen Frank Schäffler stärken wollen. Schon damals hatte er sich über Angela Merkel geärgert. „Sie hat Papst Benedikt kritisiert.“ Warum, wisse er gar nicht mehr so genau. Merkel hatte damals Unverständnis über die Rehabilitierung des Piusbruders und Holocaust-Leugners Richard Williamson geäußert.

Schicken die Syrer bloß kleine Kinder vor?

Bei der FDP hielt es den Mann mit der Fliege nicht lange. 2013 gehörte er zu den Gründern der AfD. Seit 2014 sitzt er im Stuttgarter Gemeinderat. „Ich finde unser Bundesprogramm klasse.“ Darin finden sich Zweifel am Klimawandel, ein dickes Ja zur Atomenergie und der Ruf nach der allgemeinen Wehrpflicht. „Das ist wertkonservativ und liberal“, sagt Fiechtner. Sein Lieblinsthema ist allerdings die Flüchtlingspolitik. Niemanden würde er ins Land lassen, schließlich reisten alle aus sicheren Drittstaaten ein. Und die Syrer würden nur „kleine Kinder mit großen Augen vorschicken“. Dabei kämen fast nur junge Männer. Dazu zitiert er die „offiziellen Zahlen“: im Januar seien 71,6 Prozent der Asylantrag­steller jünger als 30 Jahre gewesen. Zwei Drittel aller Erstanträge hätten Männer gestellt, bilanziert das Bundesamt für Migration, aber: zur Gruppe der Männer im Alter von 18 bis 30 Jahre zählen 31,8 Prozent, während fast ebenso viele Flüchtlinge noch im Kindes- und Jugendalter waren.

Muss man diesen Menschen nicht aus christlicher Nächstenliebe helfen? Fiechtner spricht gerne von der christlich-jüdischen Prägung des deutschen Vaterlands. Acht Mal hat er die Bibel gelesen, auf dem Handy empfängt er die Herrnhuter Losungen, sonntags geht er in die pietistische Hofackerkirche. An Merkels Flüchtlingspolitik findet er aber gar nichts christlich. „Sie ist eine Verbrecherin am deutschen Volk und den europäischen Völkern.“