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Berlin - Christian Wulff sei "eigentlich schon kein Bundespräsident mehr", war am Freitag zu lesen. "Er residiert nur noch im Schloss Bellevue." So sieht die Welt aus der Warte des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel aus. Mit seinen despektierlichen Ansichten über das Staatsoberhaupt ist der Obergenosse jedoch mehrheitsfähig. Das zeigen aktuelle Umfragen.
Laut ARD-Deutschlandtrend sind 54 Prozent der Bundesbürger inzwischen der Ansicht, Wulff solle zurücktreten, 43 Prozent sind gegenteiliger Meinung. Das ZDF-Politbarometer zeigte vor einer Woche einen ähnlichen, wenn auch noch nicht ganz so eindeutigen Trend: 50 Prozent waren für den Rücktritt, 45 Prozent dagegen.
Das Meinungsbild hat sich in den vergangenen Wochen erheblich zu Lasten des umstrittenen Präsidenten verschoben. Die Bürger, Souverän in einer Demokratie, wenden sich von Wulff ab. Nach den ersten Berichten über dessen dubiosen Hauskredit hielten 26 Prozent spontan einen Rücktritt für angebracht, 70 Prozent waren damals anderer Ansicht. 51 Prozent erachteten den Bundespräsidenten in jenen ersten Tagen der Affäre trotz allem als glaubwürdig, 44 Prozent als unglaubwürdig - so die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen.
Unterschiedliche Meinungen zum Verhalten von Politikern
Das verkehrte sich ins Gegenteil. Kurz vor Wulffs Fernsehinterview in der ersten Januarwoche waren schon 68 Prozent der Ansicht, er sei unglaubwürdig, 27 Prozent wollten ihm noch Glauben schenken. Sein Fernsehauftritt brachte kurzzeitig Entlastung. Inzwischen bewerten aber wieder 64 Prozent Wulffs Verhalten als unglaubwürdig, nur 31 Prozent glauben ihm noch.
Die Erwartungen der Bürger an ihre politischen Repräsentanten sind übrigens erstaunlich stabil. Zwei Drittel finden es richtig, dass für Politiker höhere moralische Maßstäbe zu gelten hätten als für gewöhnliche Leute. Die gleiche Frage hatten die Demoskopen aus Mannheim vor 20 Jahren schon einmal gestellt - mit annähernd gleichem Resultat. Zahlen des Instituts für Demoskopie in Allensbach bestätigen das. 71 Prozent hätten im Januar erklärt, Politiker seien nach strengeren moralischen Kriterien zu bewerten als Normalbürger. 63 Prozent seien darüber hinaus der Ansicht, dass bei Bundespräsidenten noch höhere moralische Maßstäbe angelegt werden müssten als bei Ministern oder Abgeordneten.
Was die Vorwürfe angeht, mit denen sich Wulff konfrontiert sieht, so urteilen die Bürger durchaus differenziert. 31 Prozent sehen laut Allensbach keine Gesetzesverstöße. 40 Prozent seien der Ansicht, Wulff habe nichts Illegales getan. Gleichwohl meinten zwei Drittel der Befragten, es sei "nicht in Ordnung", wie der Bundespräsident sich verhalten habe. Im Detail fällt das Urteil der Bürger unterschiedlich aus. 67 Prozent haben nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Bundespräsident eng mit Unternehmern oder Managern befreundet ist.
Business-Class geht auf keinen Fall
60 Prozent sind sogar der Ansicht, dass der Bundespräsident sich von reichen Freunden Geld leihen dürfe. 58 Prozent finden es okay, wenn er sich von solchen Freunden zum Urlaub einladen lässt. Hingegen halten es 81 Prozent für nicht akzeptabel, wenn das Staatsoberhaupt besonders zinsgünstige Kredite von Banken annimmt. Und 91 Prozent wollen "auf gar keinen Fall" dulden, dass ihr oberster Repräsentant von einer Fluggesellschaft in die erste Klasse befördert wird.
Erkennbar ist ein gewisser Überdruss an skandalumwitterten Nachrichten aus Schloss Bellevue. Allensbach zufolge bewerten 39 Prozent die Berichterstattung als angemessen, fast die Hälfte hält sie hingegen für übertrieben. Zu diesem Schluss kämen nicht nur Anhänger der Union und der FDP - der Parteien, die Wulff ins Amt verholfen haben. Auch die Klientel der Grünen und der Linkspartei urteile ähnlich. Nur SPD-Anhänger bewerteten die Berichterstattung über Wulffs Affären als angemessen. Gabriel darf sich bestätigt fühlen.

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RAGNAROEKR
Ja sowas!!!!! ich wußte nicht, daß Cato in der SPD war.
Der Souverän wendet sich ab
Soso: "Zwei Drittel finden es richtig, dass für Politiker höhere moralische Maßstäbe zu gelten hätten als für gewöhnliche Leute." Der "gemeine Bürger" also darf wohl bei der Steuer schummeln, der Abgeordnete aber bitte nicht? In der Schule haben wir es anders gelernt: Da gab es doch diesen "katagorischen Imperativ" eines gewissen Königsberger - halt: politisch korrekt bleiben - heute Kaliningrader Philosophen, Immanuel Kant mit Namen. Der hatte den für alle Exemplare der Gattung homo sapiens sapiens formuliert, nicht nur für diejenigen, die die misera plebs contribuens in irgendeiner Versammlung vertreten. Und der sarkastische Ludwig Marcuse meinte einmal, eine Demokratie könne nur so gut sein wie ihr Demos. Aber das war Exilliteratur, die kommt in Deutschland eh nicht gut an. Kurz und gut: Die oben zitierte Ansicht ist bedauerlich und zeugt eher von staatsbürgerlicher Unreife. Stattdessen sollte sich der sog. Souverän incl. seiner Vertreter bemühen, denselben moralischen Maßstäben gerecht zu werden, hohen Maßstäben, versteht sich.
Freundschaft mit Wahrheit
Der Souverän wende sich vom Amt und der Persönlichkeit Wulff ab, ist eine wohlfeile Unterstellung und keine prüfbare Behauptung. Der Souveräne nämlich ist der Adel des Souveräns und der wendet sich Wulff zu. Behauptet wird auch, dass die Umfragen linkslastig getürkt sind, um den Institutionen in Deutschland zu schaden. Gewürdigt sei an dieser Stelle daher die souveräne Art des Bundespräsidenten! Endlich ein Politiker, der wie dereinst Odysseus beharrlich und mutig sein Ziel verfolgt und Deutschlands politischer Zukunft eine Chance gibt.