Affäre um SWR-Grillparty Bestellte Interviews bringen den SWR in die Bredouille

Von Wolfgang Messner 

Der Südwestrundfunk hat schon vorab auf eine Grillparty zurückgeblickt. Jetzt geht es um die Glaubwürdigkeit der Rundfunkanstalt: Die Gewerkschaft Verdi beklagt den „Verfall guter journalistischer Sitten“ – und benennt weitere Beispiele.

Grillshow mit  dem Fernsehkoch Johann Lafer –   die Werbung für dieses „Event“  steht senderintern, bei den SWR-Hörern und im Internet in der Kritik. Foto: Schweigert/SWR
Grillshow mit dem Fernsehkoch Johann Lafer – die Werbung für dieses „Event“ steht senderintern, bei den SWR-Hörern und im Internet in der Kritik.Foto: Schweigert/SWR

Stuttgart - Wenn sich eines sagen lässt, dann das: die Lust auf Grillpartys ist dem Südwestrundfunk (SWR) gründlich vergangen. Sechs Stunden lang tobte am 1. Mai die Schlacht am Holzkohleofen. Die 14. Grillparty mit Küchenmeister Johann Lafer und allerlei Prominenten wie Jürgen Drews, Guido Cantz und Maite Kelly war zugleich die erste, die zeitgleich im Fernsehen, Radio und – via Livestream – im Internet über PC, Tablet oder am Smartphone zu erleben war.

Moderiert wurde die Sache von Lena Ganschow und Jens Hübschen. Tagelang rührte die Popwelle SWR 3 die Werbetrommel. Keine Frage: der Spätzlesender war mächtig stolz auf seine Kochshow – live, in Stereo und im Breitband auf allen Kanälen.

So stolz, dass er seinen Hörern schon vorher erzählte, wie es hinterher gewesen war. In SWR-Info, dem einzigen Medienmagazin, das die zweitgrößte Anstalt bisher zustande gebracht hat, plauderte ein Radiomoderator mit der Fernsehmoderatorin Ganschow über das große Brutzeln noch bevor es begonnen hatte. „Abertausende“ hätten an dem Event teilgenommen, war da schon zu erfahren.

„Der Spargel-Gulasch war lecker“

Ganschow, abgebrüht durch Sendungen wie „Kaffee oder Tee“, plapperte munter drauf los. Puh, sechs Stunden durch zu moderieren, das sei „eine ganz schöne Nummer“, auch das Wetter sei zu beachten. Es sei aber alles gut gegangen. „Es war ein neuer, interessanter Schritt für mich“, zog Ganschow ein persönliches Fazit. Und sie sagte weiter: „Mit großartigen Erfahrungen gehe ich da raus.“ Nach soviel „Trubel“ ziehe sie sich erst einmal „in die Natur zurück“. Aber das „Spargel-Gulasch“, das werde sie bestimmt mal nachgrillen, versprach die Moderatorin noch. „Das Spargel-Gulasch, das kann ich bestätigen, das war lecker“, attestierte der Radiokollege beflissen.

Dumm nur, dass zum Zeitpunkt des Interviews weder das Spargel-Gulasch gekocht noch ein Grill angezündet war. Das Gespräch war vorab aufgezeichnet worden und nur durch Zufall als Podcast im Internet gelandet, wo es dann auch zu hören war.

Die Blamage für den SWR war perfekt. Im Internet ergießt sich seither Häme über den Sender. Das sei „ein dreister Fall“, in jeder Hinsicht „empörend“. Der SWR müsse sich fragen lassen, „wo seine journalistische Qualitätssicherung versagt“ habe, schreibt ein Nutzer. Mit einem Mal hat der Sender ein Glaubwürdigkeitsproblem bekommen. SWR-Info entschuldigte sich umgehend für das „journalistische No-Go“. Der Hörfunkchefredakteur Arthur Landwehr mahnte: „So etwas darf nicht passieren!“

Verdi listet eine Reihe weiterer problematischer Vorgänge auf

Wie es scheint, ist der Vorgang kein Einzelfall. Der Betriebsverband der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi listet eine ganze Reihe ähnlicher Vorgänge auf, in denen er ein „Symptom für einen viel tiefer gehenden Verfall guter journalistischer Sitten“ erkennt.

So würden SWR-Hörfunkwellen mit vorab bestellten Hörer-O-Tönen Eigenwerbung betreiben, externe Fachleute würden als „SWR-Experten“ tituliert, SWR-Korrespondenten lieferten „Live-Reportagen“, bevor sie überhaupt am Ort des Geschehens seien und bei ihren Abmoderationen würden sie „aus Lissabon“ sagen, obwohl sie in Madrid säßen. Außerdem gebe es ständig Interviews im Format „Drei Fragen – Drei Antworten“, bei denen die Antworten aufgezeichnet und die Fragen vorgefertigt würden.

„Kurz: An vielen Stellen des Hauses wurde über Jahre eine Kultur des ‚Es kommt nicht so drauf an’ gepflegt“, klagt Verdi. Altgediente SWR-Mitarbeiter sehen das ähnlich: „Die Leute sind verzweifelt. Das muss doch Folgen haben“, sagt einer.

SWR-Intendant Boudgoust: Journalistische Sitten in Ordnung

Die Krise hat die Führungsebene erreicht. „Ganz offensichtlich habe ich nicht genug getan, denn es ist ja in meinem Verantwortungsbereich ein schwerer Verstoß gegen unsere beruflichen Grundregeln erfolgt“, gesteht Chefredakteur Landwehr ein.

Der SWR-Intendant Peter Boudgoust spricht zwar von nur einem „konkreten Fall“, hat aber bereits bei der Programmdirektion eine Taskforce in Auftrag gegeben, die journalistische Regeln und Standards, „im Speziellen zum Umgang mit aufgezeichneten Interviews“ untersuchen soll. Einen Verfall der journalistischen Sitten will der Chef jedoch nicht erkennen. Boudgoust: „Der innere Kompass des SWR ist weder kaputt noch beschädigt.“

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So was darf nicht passieren?: Ist es aber! Ein klares Indiz, wie hier gearbeitet wird. Der Verbraucher, hier in dem Fall der Zuhörer, wird eiskalt angelogen. Nichts ist live, alles gelogen! Aber wie es hinter den Kulissen des SWR-Senders aussieht und wie hier der Druck und das zu absolvierende Arbeitspensum aussieht, das ist den Entscheidern völlig Wurst. Nun ist es aufgeflogen, dass hier nicht mit Ehrlichkeit gespielt wird, sondern das Vertrauen eiskalt in den Schredder fällt. Arme Mitarbeiter, kann man da nur sagen!

SWR-Info: Ein verdorbener Brei vieler Köche!: Das eigentliche Ärgernis ist das Radioprogramm "SWR-Info", die "Selbstlob-Sendung" mit der dünnen Internetseite. Dort geht laufend etwas schief. Tipp: Zur werktäglichen Morgenstunde einmal "SWR-Info" einschalten, - vom kleinen Patzer bis zur großen Panne ist garantiert etwas dabei! Deshalb ist das versehentlich zu früh gebrachte Podcast nur folgerichtig und symptomatisch. Der Intendant sollte sich mal die anderen ARD-Info-Radios anhören, dann wird er feststellen: Seine SWR-Mannschaft steht vergleichsweise auf einem Abstiegsplatz. Die Einzelspieler, also die Journalisten im Baden-Badener Studio, können einem leid tun. Sie werden in ein Konzept gezwängt, das nicht funktioniert. Trainer Landwehr ist entweder nicht fähig, oder hat nicht die finanziellen Mittel einen Arbeitsstab zu formen der dem von B5-aktuell gleichkommt.

Gar niemals nie nicht! : Zitat ... "„Der innere Kompass des SWR ist weder kaputt noch beschädigt.“" Ja neee ... is klar! Zwangsabgabenfinanziert. Parteienunterwandert. Abschiebebahnhof für Abgehalfterte der vorgenannten Unterwanderer, die man nicht mal in Brüssel los wird. Mich wundert nichts mehr ...

Zeitgeistproblem: Die Menschen wollen an der Nase herum geführt werden und wenn dann noch im Radio die passende Bestätigung dazu geliefert wird, umso besser. So gesehen kann der SWR die Publikationen der nächsten fünf Jahre vorproduzieren in der Hoffnung, dass der Zeitgeist gnädig gestimmt bleibt, um Kosten zu sparen. Wird er aber nicht. Die, die dem Zeitgeist verfallen sind, sind ungeduldig. Besser ist es da, man besinnt sich auf seine eigenen Werte und lehnt sich gelassen zurück.

Nur die Spitze des Eisbergs: Diese Vorkommnisse beim SWR sind nur die Spitze des Eisbergs in den Medien allgemein. Ausgedünnte Redaktionen führen dazu, dass eigene Recherche immer seltener wird und dass z.B. unkritisch dpa-Berichte und Angaben von Behörden übernommen werden und dass voneinander abgeschrieben wird. Ein Beispiel dafür ist die gebetsmühlenartige Wiederholung der Behauptung des früheren Innenministeriums, es habe nur ca 130 verletzte Zivilisten bei der Räumung des Schlossgartens am 30.09.2010 gegeben, obwohl jeder der will Zugang zu Videos im web hat, die weit mehr Verletzte zeigen,

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