Afghanistan Großoffensive gegen Taliban
dpa, vom 13.02.2010 11:49 Uhr
Kabul/Washington - Mit der größten Offensive seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor mehr als acht Jahren versuchen ausländische und afghanische Truppen, in Afghanistan eine Wende zu erzwingen. 15.000 Soldaten sind seit Samstag auf dem Vormarsch, um die radikal- islamischen Aufständischen aus ihren Hochburgen in den Distrikten Mardscha und Nad Ali in der südafghanischen Provinz Helmand zu vertreiben. Offiziell führen die Afghanen das Kommando. Anders als früher war die Offensive diesmal angekündigt, um Zivilisten zu warnen. Zudem soll die Bevölkerung nach dem Ende der Operation diesmal nicht wieder alleingelassen werden.
Obwohl die Soldaten ersten Angaben zufolge bei der noch vor Tagesanbruch begonnenen Großoffensive "Muschtarak" ("Gemeinsam") zunächst auf wenig Widerstand in Mardscha gestoßen waren, kamen zwei Angehörige der ISAF-Truppen ums Leben. Ein britischer Soldat wurde getötet, als er bei einer Patrouille in eine Sprengfalle geriet, teilte das Verteidigungsministerium in London mit. Ein zweiter starb in einem Feuergefecht, hieß es von der ISAF. Seine Nationalität war zunächst nicht bekannt. Drei US-Soldaten wurden den Angaben zufolge bei einem Anschlag getötet, sie nahmen aber nicht an der Offensive teil. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Kabul, Sahir Asimi, sagte, 20 Aufständische seien getötet worden.
Die größten Kontingente der ausländischen Truppen bei der Operation "Muschtarak" stellen Amerikaner und Briten. Außerdem nehmen Soldaten aus Kanada, Dänemark, Estland und Frankreich teil. Der afghanische Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak sagte, die Soldaten würden "wie geplant" vorstoßen. Amerikanische Truppen meldeten am Vormittag erste Erfolge. So sei es einer kleinen Vorhut von 200 Mann gelungen, in Randgebiete der Stadt Mardscha vorzudringen, berichtete der US-Sender CNN.
Die "New York Times" berichtete, im Norden der Stadt seien Marineinfanteristen per Hubschrauber an einer Kreuzung abgesetzt worden, sie hätten umliegende Häuser gesichert. Ein Offizier der Marineeinheit bezeichnete die Stadt als "Hornissennest". Die afghanischen und ausländischen Soldaten seien zu Fuß, in Lastwagen und mit Hubschraubern auf dem Vormarsch, sagte US-Armeesprecher Abraham Sipe. Die Taliban hätten "minimalen Widerstand" geleistet.
US-Militärs befürchteten aber, dass die Taliban Sprengfallen im Kampfgebiet versteckt haben. Um den Weg freizuräumen, setzt das US- Militär nach CNN-Informationen erstmals auch einen "Minenbrecher" ein. Das 70 Tonnen schwere "Assault Breacher Vehicle" (ABV), ein umgebauter Panzer, kann Minen überfahren und mit Greifarmen und einer riesigen Schaufel Sprengsätze unschädlich machen.
Bereits vor Beginn der Offensive hatte Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi gedroht, die Aufständischen würden Mardscha verteidigen und hätten rund um die gleichnamige Distrikthauptstadt Sprengfallen versteckt. In der Taliban-Hochburg verschanzen sich unterschiedlichen Angaben zufolge etwa 1000 Kämpfer.
US-Präsident Barack Obama hatte für dieses Jahr eine massive Eskalation des seit Ende 2001 andauernden Krieges angekündigt und rund 30.000 zusätzliche US-Truppen in Marsch gesetzt, um die wieder erstarkten Taliban zu besiegen.
Vor Beginn der seit Tagen angekündigten Offensive waren zahlreiche Zivilisten aus Mardscha und Umgebung in die Provinzhauptstadt Laschkarga geflohen. Der Bezirk Mardscha war bisher unter vollständiger Kontrolle der Taliban und Afghanistans wichtigstes Handelszentrum für Rohopium. Die Taliban finanzieren sich auch mit dem Drogenhandel. In dem Gebiet leben mehr als 120.000 Menschen, allein die Einwohnerzahl der gleichnamigen Bezirkshauptstadt Mardscha wird auf rund 80.000 geschätzt.