Aktivhaus B 10 Prinzip Schwesterlichkeit

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Das Haus B 10 von Werner Sobek in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung demonstriert, wie sich zukunftsfähige Gebäude, neue Mobilitätskonzepte und eine quartierbezogene Energieversorgung miteinander verknüpfen lassen.

Zur Straße ist das Haus voll verglast. Die Terrasse vor der Fensterfront lässt sich hochklappen, dann wird aus dem Gebäude eine „superwärmegedämmte“ Box. Foto: Zooey Braun
Zur Straße ist das Haus voll verglast. Die Terrasse vor der Fensterfront lässt sich hochklappen, dann wird aus dem Gebäude eine „superwärmegedämmte“ Box.Foto: Zooey Braun

Stuttgart - Immer wieder ist in den vergangenen Jahren diskutiert worden, ob und wie die Baulücke in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, die der Krieg hinterlassen hatte, geschlossen werden könnte. 1927 als Mustersiedlung des Werkbunds von so bedeutenden Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier und Walter Gropius geplant, erlitt das „gebaute Manifest der Architektur­moderne“ im Krieg schwerste Beschädigungen. Die Bombardements überstand nur die Hälfte der ursprünglich 21 Häuser, der Rest wurde in der Nachkriegszeit durch banale Neubauten ersetzt. Nur das Grundstück, auf dem einst das Gebäude des Stuttgarter Architekten Richard Döcker gestanden hatte, blieb unbebaut – zunächst wohl eher zufällig, dann, weil die architektonischen Lückenfüllerfantasien allesamt unbefriedigend blieben. Eine bauhäuselnde Stilkopie, die sich ihren Vorfahren mit kubischen Formen anbiedert? Das konnte es im 21. Jahrhundert ja wohl nicht mehr sein.

Jetzt aber ist der passende Pionierbau für morgen im Kreis der Pionierbauten von gestern da: Vorgestern wurde das Haus B 10 an dieser symbolträchtigen Stelle offiziell eröffnet. Äußerlich betrachtet scheint der Gebäudewinzling im Bruckmannweg Nummer 10 – der Adresse verdankt er seinen Namen – ein Nachkömmling der weißen Moderne zu sein, die ihn umgibt: ein minimalistischer Körper mit verglaster Front, Flachdach, weißem Rahmen und weißer Hülle. Aber darauf kommt es nicht an. Avantgarde ist in einer pluralistischen Epoche, in der vom Schlossimitat bis zum computergenerierten Blob alles geht, längst keine Frage des Baustils mehr. Entscheidendes Kriterium in Zeiten des ­Klimawandels ist das zukunftweisende Energiekonzept.

Was der Stuttgarter Architekt und Bauingenieur Werner Sobek nun zusammen mit dem auf der Schwäbischen Alb beheimateten, auf Vorfertigung im Holzbau spezialisierten Unternehmen Schwörer-Haus mit B 10 modellhaft vorführt, könnte allen Ernstes die „Keimzelle für eine Revolution im Bauwesen“ sein, die sein Erfinder sich von ihm erhofft: Der kleine Prototyp im Schatten des Wohnblocks von Mies van der Rohe ist das erste Aktivhaus der Welt. Das heißt, es erzeugt doppelt so viel Energie wie es selbst verbraucht – mithilfe erneuer­barer Ressourcen in Gestalt einer Foto­voltaikanlage auf dem Dach und durch eine „vorausschauende, selbstlernende“ Gebäudesteuerungstechnik. Das Gebäude kann sich fortlaufend an wechselnde Bedingungen im Innen- und Außenraum anpassen. Der Stromüberschuss reicht aus, um zwei Elektro-Smarts und zwei Elektrofahrräder und dazu noch das Weißenhofmuseum im denkmalgeschützten Le Corbusier-Haus nebenan mitzuversorgen.

Ein Modell für den städtischen Gebrauch

Werner Sobek spricht vom Prinzip der „Schwesterlichkeit“. Eine bestrickende Idee: die energiestarke Schwester gibt der energieschwachen ab, so dass diese ohne die dicke Styroporverpackung auskommt, die in den Städten neuerdings so viele Häuser – und selbst Denkmäler – verschandelt und in Wahrheit den Sondermüll von morgen produziert. Denkt man dieses Konzept weiter, wie die Ingenieure bei Sobek es tun, lässt sich daraus ein ganz neues, dezentrales, auf bürgerschaftliche Initiative setzendes Energieversorgungsmodell für den städtischen Gebrauch ableiten. Im genossenschaftlichen Verbund wären ganze Quartiere in der Lage, ihren Energie­bedarf auf kurzem Weg und aus nachhaltigen Quellen zu decken, ohne dass dafür gigantische Stromtrassen oder Windparks quer durchs Land gebaut werden müssten.

Ebenso schlüssig erscheint die Vernetzung von Haus und Auto. Denn das Attribut „Elektro“ allein genügt ja nicht, um ein Vehikel als umweltfreundlich auszuweisen. Ein Kleinstwagen, der mit französischem Atomstrom durch die Gegend fährt, ist so wenig „öko“ wie ein herkömmlicher Benziner. B 10 fungiert dagegen als Wohnhaus und Tankstelle in einem – und der Kraftstoff für das Automobil stammt aus der gleichen Fotovoltaikanlage auf dem Dach, die auch für heißes Wasser in der Dusche und Licht im Wohnzimmer sorgt.

Schon Standard ist seit Werner Sobeks eigenem, 1999/2000 erbauten Wohnhaus R 128 das Zero-Waste-Prinzip. Alle Baustoffe werden sortenrein verwendet, so dass sich das Gebäude, wenn es denn sein muss, rückstandslos abbrechen lässt. Holz, Glas, die textile Bespannung der Fassaden, die Aluprofile der Fenster können sauber getrennt und recycelt werden, nichts landet auf der Bauschuttdeponie. Aus dem gleichen Grund wurde auf Fundamente und Leitungen ins Erdreich verzichtet. Innovativ kommen bei B 10 aber die vorgefertigten Module hinzu, die eine Bauzeit im Rekordtempo von nur einem Tag ermöglichten. In dieser Hinsicht berührt sich das Haus am ehesten mit den Zielen der Weißenhof-Architekten, die ebenfalls mit vorfabrizierten Bauteilen und neuen Materialien experimentierten.

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4 KommentareKommentar schreiben

Erstaunlich...: Es ist schon erstaunlich, mit wie wenig Inhalt man soviel Aufmerksamkeit erzeugen kann. Nur nochmal zum festhalten: Ein eingeschößiges Haus mit einer kleineren Wohnfläche als die Photovoltaikanlage auf dem Dach und schon schafft man es in die Zeitung zu kommen und dreht anschließend am ganz großen Rad, dass damit die Energiewende (weltweit?) zu schaffen ist. Es ist auch nachvollziehbar, dass man mit damit auch gleich den Energiehunger z.B. der großen Wohntürme in China lösen kann. Ein „Aktivhaus“ oder auch ein Haus mit Energieüberschuss wurde u.a. von der HFT beim Solar Decathlon Europe in Madrid in 2010 vorgestellt. Die Techniken die dort eingesetzt wurden waren alle nicht wirklich neu nur eben energetisch sinnvoll zusammengesetzt. Das Haus ist ebenfalls so aufgebaut, dass man es wieder in Einzelteile zerlegen kann. Was also ist jetzt das Neue am Konzept der Schwesterlichkeit? Da bleibt einem nur eins zu sagen: Was für eine Schaumschlägerei!

wenn es nicht immer wieder menschen gegeben hätte: die vorangegangen wären, etwas neues erfunden oder ausprobiert würden wir heute noch in afrika auf den bäumen leben. wenn es nur menschen wie herrn stephan geben würde wäre die weiterentwicklung tot.

Forschung!: Die Weißenhofsiedlung war auch eher ein Expermient als der Wohnungsnot geschuldet und im Übrigen fand die breite Masse diese Häuser auch nicht durchwegs toll. Sie wurden zur Ausstellung "Die Wohnung" 1927 errichtet und stellten damals den innovativsten Beitrag zum Wohnen dar. Auch diese Wohnungen haben so ihre Schwächen, dem damaligen Verständniss von Architektur geschuldet. Man kann sich nun darüber streiten, ob Sobeks Haus die Zukunft darstellt, aber nicht darüber, dass dieses Haus versucht, das heutige technologische Know How zu vereinen. Es ist natürlich als Forschungsobjekt zu sehen und nicht als DIE neue Wohnform. Bestimmt gibt es Leute, die in diesem Haus wohnen wollen, weil sie immer den State of the Art leben wollen, ähnlich wie Sobek das in seinem eigenen Haus lebt, für die Breite Masse ist das Haus sicher nicht gedacht, auch wenn Sobek sich das vielleicht wünscht und das natürlich auch propagiert, er will ja schliesslich auch Geld verdienen damit. Ob das Haus tatsächlich funktioniert, kann sowieso erst dann bewiesen werden, wenn das Haus über einen längeren Zeitraum genutzt wurde und überwacht wurde. Es ist richtig, solche Häuser als Prototypen zu bauen, denn sie bringen den technologischen Fortschritt voran. Und wenn nur ein einziger Aspekt des Haus, z.B. das Recycling-Prinzip, in der normalen Bauwirtschaft Einzug hält, dann hat sich das Projekt mehr als gelohnt. Denn mal abgesehen vom Energieverbrauch (auch ich glaub eher nicht, dass das Haus so funktioniert, wie es da vorgerechnet wird), ist das Zero-Waste-Prinzip für uns von großer Bedeutung und hat ein gewaltiges Entwicklungspotential: die Bauwirtschaft produziert mit Abstand am meisten Müll: ---------------- http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Abfallwirtschaft/abfallaufkommen_de.pdf-----------------

Echte Menschen!: Haha - selten so gelacht - ein Haus - echte Menschen sollen drin wohnen! ------ Dieser Quatsch ist so typisch für unsere Zeit, ein egoverliebeter Designer präsentiert ein ach so tolles Konzept, der echte Versuch, Menschen, die darin wohnen, das passiert erst ganz zum Schluß - erst dann werden wir sehen ob das Konzept funktioniert. Heutzutage werden oft die zweiten vor den ersten Schritten gemacht - Hauptsache gut verkauft! ---- Übrigens sind Solarzellen ebenso der Sondermüll von morgen und privat fährt Sobek einen schnellen Benzinfresser. Die Stromerzeugung im Haus wird nur im Sommer richtig funktionieren. --------------------------------------------------------------------------- Hier weitere Infos zum Haus: ------ http://www.photovoltaikforum.com/energiesparen-heizen-daemmen-solarthermie-f139/aktivhaus-von-architekt-sobek-in-stuttgart-bruckma-t100982.html

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