""Es gibt keinen Grund abzuheben. Wir bleiben auf dem Teppich.""
Silke Krebs, Grüne Landesvorsitzende
Stuttgart - In sieben Monaten kann sich verdammt viel ändern in der Politik. Vor sieben Monaten, im Februar dieses Jahres, war die landespolitische Welt für Stefan Mappus noch in bester Ordnung: In einer Umfrage von Stuttgarter Zeitung und Südwestrundfunk (SWR) kam seine CDU bei der Sonntagsfrage noch auf 43 Prozent; zusammen mit den elf Prozent für die FDP bedeutete das eine satte Mehrheit.
Nach dem geräuschlosen Wechsel im Amt des Ministerpräsidenten schien die Dauerherrschaft der Schwarzen in Baden-Württemberg weiter gesichert. Auch mit seinen persönlichen Werten konnte der frischgebackene Premier hochzufrieden sein: Fast die Hälfte der Befragten erwartete, dass er den Job besser machen würde als sein Vorgänger Günther Oettinger. Kurzum: es herrschte eitel Sonnenschein für die CDU im Land.
Politische Großwetterlage ändert sich
Seither hat sich die Großwetterlage für sie kontinuierlich eingetrübt. Nun, sieben Monate später, hängen dicke schwarze Wolken über Mappus und den Seinen. Die jüngste Umfrage von StZ und SWR sieht einen Trend bestätigt, ja sogar verstärkt, der sich spätestens seit dem Sommer abzeichnet: Wäre jetzt Landtagswahl, dann hätten CDU (35 Prozent) und FDP (5 Prozent) keine Mehrheit mehr.
Die Liberalen müssten sogar um den Wiedereinzug ins Parlament bangen - eine Sorge, die sich im Südwesten seit mindestens anderthalb Jahrzehnten endgültig erledigt zu haben schien. SPD (21 Prozent) und Grüne (27 Prozent) hätten dagegen gemeinsam eine klare Mehrheit, selbst wenn die Linkspartei (5 Prozent) in den Landtag käme. Von einer rot-grünen Koalition könnte man bei diesen Kräfteverhältnissen allerdings nicht mehr sprechen: Es wäre ein grün-rotes Bündnis, den Ministerpräsidenten würde nach allen demokratischen Gepflogenheiten die stärkere Partei stellen, also die Grünen.
Ihr Spitzenkandidat Winfried Kretschmann kurz vor der Eroberung der Villa Reitzenstein - bei diesem Szenario hätten sich vor sieben Monaten noch alle landespolitischen Akteure(vermutlich einschließlich Kretschmann) an die Stirn getippt. Träumt mal schön, hätte noch einer der milderen Kommentare von Schwarz und Gelb an die Adresse von Rot und Grün gelautet.
Grüne erleben demoskopischen Boom
Doch inzwischen sind es die Regierungsparteien, die aus schönen Träumen aufschrecken. Eine einzelne Umfrage ließe sich ja noch ignorieren. Aber inzwischen sind es mehrere mit dem gleichen, sich verstärkenden Trend: In Erhebungen der Zeitschrift "Stern" (Anfang September) und der SPD (Ende Juli) lag die CDU bereits bei 37 Prozent, die SPD dümpelte bei 24 beziehungsweise 25 Prozent vor sich hin, die FDP zwischen 6 und 7 Prozent. Die Flughöhe der Grünen nahm derweil stetig zu: 20 Prozent, 24 Prozent, nun schon 27 Prozent - selten hat eine Partei einen solchen, zumindest demoskopischen Boom erlebt.
Ausgerechnet Stefan Mappus, bei dem anfangs alles so glatt lief, könnte nach fünf Jahrzehnten die CDU-Macht im Land verspielen. Aber es gibt für ihn auch tröstliche Zahlen. Bei den über 60-Jährigen schneidet seine Partei mit 52 Prozent noch ab wie in guten alten Zeiten. Das ist jene Altersklasse, die besonders eifrig wählen geht.
Bei jungen Wählern schneidet die CDU schlecht ab
Am schlechtesten kommt die CDU mit 25 Prozent bei den Jungen zwischen 25 und 34 Jahren weg. Mappus' persönliche Werte erscheinen einigermaßen passabel: Ein Prozent der Befragten ist mit seiner Arbeit sehr zufrieden, 36 Prozent sind immerhin zufrieden. Ihnen stehen 44 Prozent gegenüber, die weniger oder gar nicht zufrieden sind. In der Gruppe der 45- bis 59-Jährigen sind es sogar 55 Prozent.
35 Prozent Zustimmung für die CDU, 37 Prozent für ihren Ministerpräsidenten - das erschwert zumindest die Lesart, schuld an der schlechten Stimmung sei vor allem die Performance der Berliner Koalition. In sieben Monaten Amtszeit hätte Mappus seine persönlichen Werte eigentlich ausbauen müssen - doch das Gegenteil scheint der Fall.
Vielleicht sind es einfach zu viele Themen, bei denen er sich gegen beachtliche Gruppen der Bevölkerung stellt: seine Vorreiterrolle im Kampf für die Kernkraft ("Atom-Mappus") wird offenbar ebenso wenig goutiert wie sein stures Nein zum Kauf von Steuerdaten - mit dem der Südwesten inzwischen selbst unter den schwarz-gelb regierten Ländern isoliert ist - oder das Festhalten an Stuttgart 21 (siehe gesonderter Bericht).
Kretschmann vertraut Umfragehoch nicht
Sein potenzieller Nachfolger Kretschmann scheint dem Umfragehoch indes weiterhin nicht so recht zu trauen. Der Fraktionschef überließ es den Landesvorsitzenden Silke Krebs und Chris Kühn, die Zahlen zu kommentieren. Es gebe keinen Grund zum Abheben, "wir bleiben auf dem Teppich", versprach Krebs. Ihr Kollege Kühn freute sich über die "schallende Ohrfeige" für die Landesregierung.
Der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke, dessen Liberale weniger als ein Viertel der Grünen-Stimmen erhielten, machte sich Mut: Noch sei vielen Bürgern gar nicht bewusst, dass 2011 Landtagswahlen anstünden. Man habe daher noch "alle Chancen", die Stimmung zu wenden.
Sportlich nahm der SPD-Generalsekretär Peter Friedrich den Vorsprung der Grünen: Derzeit profitierten sie vom Thema Stuttgart 21, "das sei ihnen gegönnt". Aber bei der Landtagswahl gehe es um mehr. Im Wahlkampf werde man die Grünen nicht schonen, aber am gemeinsamen Ziel ließ Friedrich keine Zweifel: "Klar ist, dass wir das zusammen machen können."
So sehen alle Parteien der Wahl mit Spannung entgegen - die einen mit dem Wunsch, dass sich die Wechselstimmung verfestige, die anderen in der Hoffnung, dass sich verdammt viel ändern möge.
Die Ergebnisse der Sonntagsfrage als PDF. » Details zur Zufriedenheit mit Mappus als PDF. »