Alkohol Ein sanfter Weg aus der Sucht?

Tanja Volz, 05.02.2013 10:01 Uhr

Stuttgart - Von Alkohol ist man immer umgeben. Es gibt das Gläschen Prosecco beim Stehempfang, den guten Wein zum Essen, das Bier in der Kneipe, und in der Faschingszeit scheint sowieso jeder mal einen über den Durst zu trinken. Doch für viele Menschen ist diese Allgegenwart gefährlich, da sie in eine Sucht rutschen.

„Zwei Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholsüchtig. Das sind etwa drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung“, sagt Karl Mann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Und mehr als sieben Millionen Personen greifen so häufig zur Flasche, dass sie suchtgefährdet sind.“ Mann hat an der Universität Heidelberg die erste Professur für Suchtforschung in Deutschland inne. „Nur etwa zehn Prozent der alkoholabhängigen Personen sind in Behandlung“, sagt er. Zum einen gebe niemand gerne zu, an der Flasche zu hängen. Zum anderen: „Die Hürde, gar nichts mehr zu trinken, ist für viele Alkoholiker zu hoch.“ Doch Ziel einer Therapie sei bisher die absolute Abstinenz.

Das könnte sich ändern: Vermutlich im Spätsommer kommt ein Medikament zur Reduktion des Alkoholkonsums auf den Markt. Das Mittel heißt Nalmefen und wurde kürzlich von einem Expertengremium der europäischen Arzneimittelbehörde EMA positiv bewertet, so dass einer Zulassung nichts mehr im Weg stehen dürfte. In mehreren internationalen klinischen Studien hat sich die Substanz bewährt: Alkoholiker konnten durch die Pille ihren Konsum deutlich reduzieren.

Mehr als 2000 Personen nahmen an den Studien teil, an denen auch Karl Mann als Studienleiter beteiligt war. Seine Arbeit wurde kürzlich in der Fachzeitschrift „Biological Psychiatry“ publiziert. Die Teilnehmer hatten vor Studienbeginn im Durchschnitt 10,5 „Standardgetränke“ zu sich genommen – das entspricht etwa anderthalb Flaschen Wein pro Tag. Mit Nalmefen konnten sie die Menge im ersten Monat um mehr als 40 Prozent senken. Am Ende der Studien nach einem halben oder einem Jahr waren es mehr als 60 Prozent – das entspricht etwa einer Flasche Wein weniger. Die Nebenwirkungen seien nur vorübergehend gewesen, sagt Mann: Einige Testpersonen berichteten über Unwohlsein, leichten Schwindel und Kopfschmerzen. Wichtig sei: das Mittel sediere nicht.

Doch auch die Vergleichsgruppe, die ein Placebo erhielt, reduzierte ihren Alkoholkonsum. Die Personen, die ein Scheinmedikament bekamen, wurden wie die Probanden aus der Medikamentengruppe zunächst zweimal im Monat, später noch einmal monatlich in einem 20-minütigen Gespräch zu ihrem Trinkverhalten und Lebensstil befragt und beraten. „Die Beratung schärft das Bewusstsein für die Problematik und unterstützt den neuen, reduzierten Umgang mit Alkohol“, so Mann.