Alte IBM-Zentrale in Stuttgart Wird der Eiermann-Campus zum Spekulationsobjekt?

Von Thomas Braun 

Im Gemeinderat gibt es Kritik an der passiven Haltung der Rathausspitze beim Kauf der früheren IBM-Zentrale. Anträge, die Stadt solle das Areal selbst erwerben, gab es aber nicht.

Noch liegt im Dunklen, was der neue Besitzer mit dem Vaihinger Eiermann-Campus vorhat. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Noch liegt im Dunklen, was der neue Besitzer mit dem Vaihinger Eiermann-Campus vorhat.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Der Eiermann-Campus in Vaihingen hat den Besitzer gewechselt. Was Mathias Düsterdick, der Geschäftsführer der Düsseldorfer Property Developement Investors GmBH (PDI), mit dem riesigen Areal vorhat, bleibt im Dunkeln: Düsterdick bat gegenüber der Stuttgarter Zeitung um Verständnis, „dass ich Gerüchte derzeit weder dementieren noch bestätigen und schon gar nicht kommentieren kann“. Wie hoch der exakte Kaufpreis für das Areal ist, ist damit ebenso wenig gesichert wie die Frage, ob tatsächlich bereits ein Kaufvertrag zwischen Düsterdick und den Gläubigerbanken des früheren Besitzers, der Firma CB Richard Ellis, abgeschlossen ist.

Im Gemeinderat wundern sich derweil manche Fraktionen, dass die Stadt nicht selbst in das Immobiliengeschäft eingestiegen ist, um zu verhindern, dass Düsterdick mit dem Grundstück spekuliert und um das Gelände einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. OB Fritz Kuhn habe nicht verhindert, dass das Gelände „einem Immobilienhai zum Fraß vorgeworfen wird“, schimpfte der Chef der Fraktionsgemeinschaft SÖS-Linke-Plus, Hannes Rockenbauch, schon gleich nach Bekanntwerden des Deals. Rockenbauch erinnerte daran, dass Düsterdick „ schon die Villa Berg jahrelang hat verkommen lassen, bis die Stadt die Fläche zurückgekauft hat“.

Schon beim Deal um die Villa Berg hat PDI Kasse gemacht

Tatsächlich hatte Düsterdicks PDI die Villa Berg im Stuttgarter Osten 2012 aus der Insolvenzmasse der Häussler-Gruppe nach Branchengerüchten zu einem Schnäppchenpreis erworben, um sie zu sanieren und für eine kulturelle Nutzung zu vermieten. Die Rede war von einem Kaufpreis, der deutlich unter einer Million Euro lag. Gleichzeitig wollte die PDI die leer stehenden SWR-Studios in 150 Luxuswohnungen umwandeln, um so die Kosten für die Sanierung der Villa zu refinanzieren. Die Sache ging bekanntlich schief, die Bürgermeister Michael Föll und Matthias Hahn sowie große Teile des Gemeinderats wollten die Studios lieber abreißen und den Park vergrößern, sie hatten zudem kein rechtes Vertrauen in den Investor. Das Ende vom Lied ist bekannt: Die Stadt kaufte im Juni die Villa Berg und die ebenfalls leer stehenden früheren Fernsehstudios für 300 000 Euro zurück; zudem erhält die PDI 1,4 Millionen Euro für die Tiefgarage unter dem Park. Außerdem überlässt die Stadt Düsterdick ein städtisches Grundstück am Rande des Parks zum günstigeren Verkehrswert von 3,2 Millionen Euro; dort darf PDI nun 40 Wohnungen bauen. Düsterdicks Rechnung, so hieß es damals im Rathaus mit verbittertem Unterton, sei aufgegangen.

Wiederholt sich die Geschichte nun? Darüber macht sich auch SPD-Fraktionschef Martin Körner Sorgen, der seinerzeit noch als Bezirksvorsteher von Stuttgart-Ost die Verhandlungen um die Zukunft der Villa Berg hautnah miterleben durfte. „Herr Düsterdick hat ja selbst kein Problem damit, wenn man ihn als Grundstücksspekulanten bezeichnet. Aber solche Geschäfte bringen das Gemeinwohl in dieser Stadt nicht voran“, meint der Sozialdemokrat. Aus den Fehlern beim Eigentümerwechsel der Villa Berg hätte die Stadt durchaus Lehren ziehen können: „Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn sich die Stadt um den Eiermann-Campus bemüht hätte – wenn auch nicht um jeden Preis.“

Rathausspitze sieht keinen Anlass zur Selbstkritik

In Immobilienkreisen wird über einen Kaufpreis von rund 25 Millionen Euro spekuliert. Die Sanierungskosten für das denkmalgeschützte Gebäudeensemble hatte die Stadt selbst auf rund 80 Millionen Euro veranschlagt – ein von OB Fritz Kuhn organisiertes Kolloquium hatte seinerzeit ergeben, dass man die frühere IBM-Zentrale wirtschaftlich vermarkten könne. Der reine Kaufpreis für das Areal war seinerzeit auf zehn Millionen Euro taxiert worden. Die Rathausspitze zeigt sich verwundert über die Debatte. Schließlich habe keine der Fraktionen im Rathaus den Antrag gestellt, die Stadt selbst solle die ehemalige IBM-Zentrale erwerben, heißt es inoffiziell. Zudem hätte man die Sanierung der Eiermann-Bauten selbst stemmen müssen. Eben mal 100 Millionen Euro locker zu machen sei derzeit nicht drin bei den Investitionen, die in der Stadt anstehen.

Bei der CDU im Rathaus sieht man Düsterdicks erneutes finanzielles Engagement in der Landeshauptstadt mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Und täglich grüßt das Murmeltier“, zitiert Fraktionschef Alexander Kotz einen bekannten Filmtitel. Er mache der Verwaltung aber keinen Vorwurf, dass sie sich nicht offensiv um das Gelände bemüht habe: „Man muss sehen, welche Summen seitens der Gläubiger da aufgerufen waren.“ Gleichwohl hätte sich auch die CDU vorstellen können, das Gelände zu erwerben – „etwa als Zwischenabnehmer oder zusammen mit einem Partner“. Die Chance, vergleichsweise günstig an das Areal zu kommen, war allerdings schon länger dahin, nachdem die Gläubiger ihre ausstehenden Grundschulden an die Stadt bezahlt hatten, um einer Zwangsversteigerung des Geländes zu entgehen.