Alternative Kultur in Stuttgart Contain’t bricht seine Zelte in Cannstatt ab

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Das Kapitel Contain’t in Bad Cannstatt ist zu Ende. Die Künstler möchten an anderer Stelle weitermachen und fordern mehr Raum für alternative Kultur in Stuttgart. Und Contain’t hat noch mehr Ideen.

Brachiales Ende einer kulturellen Zwischennutzung: die Blechmarie des Kulturvereins Contain’t wird in  Stücke gerissen. Foto: Simon Wallenda 7 Bilder
Brachiales Ende einer kulturellen Zwischennutzung: die Blechmarie des Kulturvereins Contain’t wird in Stücke gerissen.Foto: Simon Wallenda

Stuttgart - Die Allee der Cosmonauten ist bereits geräumt. Am Container in der Straße des Zorns stehen Putzmittel. Am härtesten trifft es an diesem Vormittag aber die Blechmarie, einen der beiden Waggons auf dem Gelände des Kulturvereins Contain’t im Neckarpark in Bad Cannstatt. Ein Recycling-Unternehmen ist mit schwerem Gerät angerückt, um den Waggon in Stücke zu reißen. Damit endet das Kapitel von Contain’t in Bad Cannstatt. „Wir sind aber nicht gescheitert. Jetzt müssen wir eben ein neues Paket schnüren, um an anderer Stelle in Stuttgart weitermachen zu können“, sagt Marco Trotta, Sprecher des Vereins.

In den vergangenen Monaten war es zu einem Schlagabtausch zwischen der Stadt Stuttgart und dem Kulturverein gekommen. Über dem Konflikt stand wie so oft die Frage, ob alternative Kultur in Stuttgart genügend Wertschätzung erfährt und, vielleicht noch wichtiger, ob ihr genügend Raum zur Verfügung gestellt wird.

Zwischennutzung wird im Rathaus kritisch gesehen

Im Fall von Contain’t muss man das aus der Sicht des Vereins mit „Nein“ beantworten. Der 380 Mitglieder zählende Zusammenschluss hat sein Areal am Montag wie angekündigt der Stadt übergeben, die letzten Container werden in einer Woche weggeschafft. „Wir hatten nie vor, unsere Frist zu überziehen. Uns war immer klar, dass es sich beim Neckarpark um eine Zwischennutzung handelt und wir da wieder weg müssen“, so Trotta. Von der Stadt sei man dennoch enttäuscht. „Die Politik muss endlich erkennen, dass es ein großes Potenzial im Bereich der Subkultur gibt. Man muss programmatisch sagen, wir wollen Freiflächen schaffen, um die Attraktivität Stuttgarts für Studenten und junge Kulturschaffende zu erhalten“, so Trotta weiter.

Dabei hat der 37-Jährige schon den entscheidenden Begriff erwähnt, an dem sich das Projekt Contain’t in Bad Cannstatt letztlich die Zähne ausgebissen hat: am Terminus der Zwischennutzung, mit dem vor allem der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn mittlerweile seine Schwierigkeiten zu haben scheint.

Vorwurf an die Stadt: keine Unterstützung für junge Kultur

Als es kürzlich in einer Podiumsdiskussion zur Zukunft der Villa Berg um eine temporäre Nutzung des Kulturstandortes ging, stellte Kuhn im Lokal Friedenau im Stuttgarter Osten eine recht ungewöhnliche Diagnose: „In Stuttgart gibt es ein Problem, wenn es um Zwischennutzung geht, weil der eine oder andere Kulturschaffende sich dann nicht an das Ende der Interimsnutzung halten will“, beklagte sich Kuhn und wirkte dabei wie ein gebranntes Kind.

Scheinbar liegt dem OB noch immer die Hängepartie um den Club Rocker 33 im Magen, der Ende 2013 eine kurze Fristverlängerung im mittlerweile abgerissenen Filmhaus erhielt. Von der einen Seite wurde Kuhn damals Populismus vorgeworfen, weil er sich für die Verlängerung des Mietvertrags des Clubs eingesetzt hatte. Die andere Seite warf dem Politiker vor, sich für junge, alternative Kultur nicht genügend stark zu machen. Diesen Vorwurf hat Contain’t kürzlich mit einer viel beachteten Projektion erneuert, als der Verein 7300 Unterschriften an die Wand des Rathauses warf, die man für die Fortführung von Contain’t im Internet gesammelt hatte.

Diskussionsrunde in der Rampe: „Wem gehört die Stadt?“

Das Team um Marco Trotta und Manuel Albani, Kulturmanagement-Student, der seine Masterarbeit über Contain’t geschrieben hat, will sich nun aber nicht in den Schmollwinkel zurückziehen, sondern tüftelt an einer Lösung für das Raum-Problem in Stuttgart. „Wir arbeiten an einem Container-Prototyp, der ohne großen Aufwand als Atelier oder Büro genutzt werden kann und wenig Platz braucht“, erklärt Albani. Um auch künftig den engen Raum in Stuttgart möglichst kreativ bespielen zu können – ob dauerhaft oder temporär.

Termin: Am Donnerstag, 4. Februar, findet in der Rakete im Theater Rampe im Stuttgarter Süden um 19 Uhr die Auftaktveranstaltung zur Diskussionsreihe „Wem gehört Stuttgart?“ statt. Einmal im Monat bittet das Netzwerk Stadtlücken künftig in der Rakete zum Austausch: www.stadtluecken.de.