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Am Neckarufer ist noch viel Platz für Neues
"Bad Cannstatt und Neckarvororte", 03.06.2011 02:46 Uhr
Gaisburg/Berg Viele Städte machen etwas aus ihren Gewässern. In Stuttgart besteht Nachholbedarf. Von Nina Ayerle

Der Neckar fristet am östlichen Stadtrand ein eher tristes Dasein. Er fließt eingebettet zwischen der Bundesstraße 10/14, dem Neckarpark und Industrieanlagen meist träge dahin. Besonders in den Stadtteilen Berg und Gaisburg war der Fluss lange der Versorgungsschwerpunkt für die Stadt, mit dem alten Wasserwerk, dem Gaskessel, dem Kraftwerk und auch dem Schlachthof. Eine Folge davon: die Ufer und die Fuß- und Radwege dort sind für die Anwohner oft nur auf Umwegen zu erreichen.

Jetzt hat die Gruppe Stuttgart-Ost der Architektenkammer in der Reihe ihrer "Kritischen Stadtrundgänge" die fehlende Nutzung des Flusses und seiner Ufer als Freizeitoase oder auch als reizvolles Wohnquartier thematisiert. Experten aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen begleiteten die rund 20 interessierten Spaziergänger auf dem Weg vom Leuze bis zum Schlachthofareal.

Bei diesem sechsten Stadtspaziergang, der vom Museumsverein für Stuttgart-Ost, Muse-O, mitveranstaltet wurde, setzten sich die Teilnehmer mit der historischen Bedeutung und der Zukunft des Neckarufers auseinander. "Bisher ist in Stuttgart eine riesige Barriere zwischen Stadt und Fluss, obwohl wir am Neckarufer viel zu wertvolle Situationen haben, um sie nur der städtischen Versorgung zu überlassen", sagte Thomas Herrmann von der Architektenkammer.

Hatte der Neckar am Anfang des 20. Jahrhunderts noch als Verkehrsweg und als Industriestandort am Rande des Stadtbezirks Stuttgart-Ost - die Bezirksgrenze verläuft am linken Flussufer - eine wichtige Bedeutung, liegen heute viele Flächen brach. Entlang des Ufers entstanden im Laufe des vergangenen Jahrhunderts das Wasserwerk, die ehemalige Gasfabrik, das Heizkraftwerk und der einstige Schlachthof an. Die Funktion des Neckars zwischen Berg und Gaisburg war und ist bis heute eine eher praktische.

"Uferzonen gelten in den vergangenen Jahren immer mehr als Anziehungspunkt für interessante Quartiere. Diese wertvollen Flächen hinter der EnBW sollten vernünftiger genutzt werden", sagte Uwe Stuckenbrock, der Leiter des Amtes für Stadtplanung, Stadterneuerung und Städtebauliche Planung Mitte. Immer wieder habe es in den vergangen Jahren Überlegungen für eine bessere Nutzung gegeben, etwa durch den Bau von Wohnhäusern oder Hotels. Kompliziert sei jedoch der Verlauf der B 10/14 und die damit verbundene Beeinträchtigung möglicher Anwohner durch den den Autoverkehr. "Wichtig ist an diesem Standort eine nachhaltige Stadtplanung, die wir gerne an unsere Nachfahren vererben", sagte Stuckenbrock.

13 Stationen hatte die ausgewählte Route von den Mineralbädern zum historischen Wasserwerk der EnBW, über das Wohnquartier Poststraße und das Gaisburger Neckarufer zu den Gas- und Heizkraftwerken. Bei den Besichtigungen auf dem Gelände der EnBW wurde deutlich, wie viel Fläche inzwischen ungenutzt ist. Ziel des Rundgangs war das ehemalige Schlachthofgelände, dem heutigen Gewerbegebiet Gaisburg. Mit seinen kleineren und größeren Gewerbebetrieben, dem Schweinemuseum und dem dazugehörigen Biergarten ist dort eine Mischung aus Nutzgebiet und Freizeitort entstanden.

Neben den zahlreichen Industriedenkmälern - allen voran der Gaskessel - standen die Landschaft und ihre besondere Qualität im Mittelpunkt des Spaziergangs, aber auch "seltsame, komplexe Stationen der Stadt" wie das Leuze-Parkhaus, welches so gar nicht in sein Umfeld passe. Das meinte zumindest Ulrich Gohl, der Historiker und stellvertretender Leiter des Museumsvereins Ost ist. Auch für den alten Gasbehälter bei der Gaisburger Brücke hatten sich Stuttgarter Architekten schon andere Verwendungsmöglichkeiten ausgedacht: eine große Photovoltaikanlage.

"Bei der Betrachtung des Gebietes aus städtebaulicher Sicht wäre hier eine ideale Situation für Wohnen am Wasser gegeben", erklärte der Architekt Thomas Herrmann. Vor zehn Jahren, im Zuge der Bewerbung der Landeshauptstadt um die Olympischen Sommerspiele, hatte es schon einmal ganz konkrete Überlegungen für das Gebiet gegeben. Damals gab es Pläne, auf den Flächen des Wasserwerks und des Heizkraftwerks ein Schwimmstadion und das Pressezentrum anzusiedeln. Beide sollten Ausgangspunkte für ein ganz neues Stadtquartier werden. Seit dem frühen Aus in dem damaligen Bewerbungsverfahren sind diese Pläne wieder in den Schubladen verschwunden.

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