American Football Knien, beten und siegen
Johannes Scharnbeck, 15.01.2012 13:10 Uhr
Tim Tebow in seiner berühmten Pose: der Quarterback betet während des 29:23-Sieges seiner Denver Broncos gegen Pittsburgh. Foto: AP
Tim Tebow in seiner berühmten Pose: der Quarterback betet während des 29:23-Sieges seiner Denver Broncos gegen Pittsburgh. Foto: AP
Weitere Artikel
zum Thema

Stuttgart - Wer glaubt, Gott bewirke keine Wunder mehr, wird in der Nacht zum Sonntag eines Besseren belehrt werden. Dann trifft der Football-Quarterback Tim Tebow mit seiner Mannschaft, den Denver Broncos, im Viertelfinale der NFL-Play-offs auf die New England Patriots. Und laut einer Umfrage der amerikanischen Zeitung "USA Today" glauben stattliche 43 Prozent der Bevölkerung, dass göttliche Kräfte wirken, wenn der 24-jährige Spielmacher auf dem Feld steht.

Wie sonst sind all die großen Aufholjagden seines Teams und wie all die Siege in der Schlussphase zu erklären? Von den neun Erfolgen, die Denver in dieser Saison gelangen, lagen sie in fünf Partien noch im letzten Viertel zurück. Außerdem gewannen sie vier Spiele erst in der Verlängerung. Das letzte am vergangenen Sonntag.

Als Außenseiter empfingen die Broncos in der ersten Play-off-Runde den Vorjahresfinalisten Pittsburgh Steelers. 23:23 stand es nach regulärer Spielzeit. Doch als Tebow in der Verlängerung das Lederei zum ersten Mal berührte, warf er es perfekt zu einem Mitspieler, der damit 80 Yards bis in die Endzone sprintete und den entscheidenden Touchdown erzielte. Nach elf Sekunden war die Verlängerung vorbei, so schnell wie keine in der NFL-Geschichte zuvor. Denver hatte den ersten Play-off-Sieg seit sechs Jahren geschafft.

Von höheren Mächten unterstützt

Die Annahme, dass Tebow von höheren Mächten unterstützt wird, befeuert er selbst ständig. Nicht mit Worten, wie das großspurige Spieler sonst gerne tun, sondern vor allem mit einer bestimmten Pose. Während der Pausen in den Partien setzt er immer wieder sein rechtes Knie auf den Boden, winkelt das linke an, legt den Ellenbogen darauf, beugt sich nach vorn, stützt den Kopf mit der rechten Faust - und betet.

Die Pose erinnert mit etwas Fantasie an die Skulptur "Der Denker" von Auguste Rodin. In den USA ist sie bereits Kult, sie heißt "Tebowing" (to bow bedeutet auf Englisch: sich verbeugen). Die Ski-Olympiasiegerin Lindsey Vonn hat bereits getebowt, ebenso die Popstars Justin Bieber und Lady Gaga. Auch beim Überraschungserfolg gegen Pittsburgh war es das Erste, was Tebow nach seinem Touchdownpass tat.

Schon zu seinen Zeiten als Student an der Universität von Florida hat Tebow, als jüngstes von fünf Kindern einer Missionarsfamilie auf den Philippinen geboren, seinen Glauben stets offen gelebt. Er predigte während der Partien und schrieb auf die schwarzen Streifen, die sich die Spieler auf die Wangen malen, Hinweise auf Bibelzitate. Weil er sein Team zudem zweimal zum Gewinn der Unimeisterschaft führte und 2007 zum besten Collegespieler gewählt wurde, hatte er in den USA, wo die Religiosität von großer Bedeutung ist, früh eine riesige Fangemeinde.

Seine Demut ist angebracht

Nun ergab eine Umfrage des Fernsehsenders ESPN: er ist zurzeit Amerikas beliebtester aktiver Sportler.Tebow reagiert auf den riesigen Hype fast etwas verstört. "Ich muss nicht das Achterbahnfahrtleben führen, das alle gerne hätten", sagt er. "Es ist wirklich hart, denn viele Menschen versuchen mich zu beeinflussen. Aber ich versuche, in meinem Glauben und in meiner Familie zu ruhen."

Diese Demut ist angebracht. Denn trotz all der Begeisterung um ihn, gänzlich unumstritten ist Tebow in den USA nicht. Viele kritisieren seinen öffentlich zur schau gestellten Glauben, doch auch sportlich ist er nicht frei von Zweifeln. Mit einer Größe von 1,91 Metern und einem Gewicht von 105 Kilogramm hat er zwar ideale Maße für einen Athleten, doch so stark er mit dem Football an den Gegnern vorbeilaufen und auf dem Feld spontan antizipieren kann, sein Wurfarm ist unberechenbar. Entweder ihm gelingen Zauberpässe wie gegen Pittsburgh, oder nicht einer findet sein Ziel.

Den Übergang vom Uni- zum Profisport traute ihm kaum ein Experte zu. In der vergangenen Saison, seiner ersten in der NFL, war er nur Ersatzspieler. Auch in dieser Runde wurde Tebow erst Stammspieler, nachdem Denver vier der ersten fünf Partien verloren hatte. Doch seitdem führt er die Broncos von Sieg zu Sieg. Und John Elway, Vizepräsident des Clubs und der Quarterback, mit dem Denver 1997 und 1998 den Superbowl gewonnen hat, ist von seinem Nachfolger vollkommen überzeugt: "Tim gibt uns das gewisse Extra. Das ganze Team glaubt an ihn. Ich habe noch nie einen Spieler wie ihn gesehen."

Kommentare (0)
Autor*
Betreff*
Ihr Kommentar*
Optionale Felder
Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Email-Adresse (wird nicht veröffentlicht)
Anschrift