Amoklauf von Winnenden Erneute Kehrtwende im Prozess
Frederike Poggel, 16.12.2010 18:21 Uhr
 Foto: dpa
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Stuttgart - Ihr dritter Auftritt im Zeugenstand war mit Spannung erwartet worden, auch wenn längst abzusehen war, dass die Seelsorgerin, die Tim K.s Familie seit dessen Amoklauf betreut, zu ihrer ursprünglichen Aussage zurückkehren würde. Die Seelsorgerin gehört zu den wichtigsten Zeugen im Prozess gegen den Vater: Denn die Frage, ob Jörg K. den Amoklauf seines Sohnes hätte ahnen können, ist verfahrensentscheidend. Laut der Zeugin wussten Tims Eltern von dessen "Hass auf die Welt" und seinen Fantasien, "die ganze Welt umbringen" zu wollen. So hätten die Eltern es seinerzeit von den Psychiatern des Klinikums Weinsberg erfahren. Das hatte die Zeugin am ersten Tag ihrer Vernehmung am 11.November ausgesagt.

Womöglich war der Zeugin die Tragweite ihrer Worte erst danach klar geworden. Jedenfalls nahm sie die erste Aussage am 23.November zurück – um am Donnerstag die Kehrtwende zu ihrer Ur-Version zu vollziehen. Wie berichtet ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Falschaussage gegen die 48-Jährige. Wie jetzt bekannt wurde, wird sie außerdem der versuchten Strafvereitelung verdächtigt. Vier Leitz-Ordner füllen die Unterlagen, die Beamte bei der Durchsuchung ihrer Wohnung sichergestellt haben. Aus diesen Unterlagen nährt sich laut Staatsanwaltschaft der Verdacht, die Zeugin habe eine den Angeklagten entlastende Aussage erreichen wollen.

Das alles hilft der Verteidigung nicht. Dabei war sie es gewesen, die die Betreuerin ins Spiel gebracht hatte: Hubert Gorka und Hans Steffan hatten die Seelsorgerin im Herbst 2009 mit einem Bericht über die veränderten Lebensverhältnisse der Familie K. beauftragt. Ohne den Bericht wäre ihr Name wohl nicht in die Akten gelangt.

Jetzt wollen die Verteidiger erreichen, dass die Aussage der Zeugin gar nicht verwertet wird. "Wir rügen den Verstoß gegen den Grundsatz eines fairen Verfahrens", sagte Hubert Gorka. "Es ist offensichtlich, dass auf die Zeugin eingewirkt wurde vonseiten der Strafverfolgungsbehörde." Seine Kritik hängte Gorka vor allem daran auf, dass sein Kollege und er während der Vernehmung ihr Fragerecht nicht hätten ausüben dürfen. "Absoluter Quatsch" sei das, wehrte sich der Oberstaatsanwalt Hans-Otto Rieleder vehement. "Dass wir immer schuld sein sollen, das schlucken wir. Aber überlegen Sie mal: da sitzen Nebenkläger, Nichtjuristen mit normalem Menschenverstand. Wie wirkt das auf die?"

Zuvor hatte der psychiatrische Sachverständige Peter Winckler im Auftrag der Nebenklage über das Persönlichkeitsbild des 17-jährigen Schützen ausgesagt. Er teilt die Einschätzung seines vom Gericht als befangen abgelehnten Kollegen Reinmar du Bois nicht, nach dem Tim K. unter einer masochistischen Störung gelitten hat. Allerdings füge sich Tim K. "nahtlos ein in das Profil eines persönlichkeitsgestörten Amoktäters", so Winckler. Auch wenn er nach dessen Tod nur darüber spekulieren könne, sei eine schizophrene Psychose denkbar. "Er war vielleicht noch viel kranker, als uns bekannt ist." Auch wenn die psychischen Störungen des Jungen in seinen Augen erkennbar waren, abschließende Antworten kann Winckler nicht liefern. "Bei solchen schrecklichen, monströsen Taten bleibt ein großer Bereich, der einfach unerklärlich ist."

Der Prozess geht am 11. Januar weiter, dann ist der vorerst letzte Zeuge geladen.
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