Amokprozess Jörg K. wehrt sich erneut gegen eine Verurteilung

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Die Verteidiger des Vaters des Amokschützen von Winnenden und Wendlingen fechten auch den zweiten Richterspruch an. Sie hoffen auf Verfahrensfehler des Gerichts. Opferangehörige befürchten ein taktisches Manöver.

Polizisten schützten das Gerichtsgebäude, in dem Anfang Februar das Urteil erging, gegen das der Vater des Amokschützen nun Revision eingelegt hat. Foto: dpa
Polizisten schützten das Gerichtsgebäude, in dem Anfang Februar das Urteil erging, gegen das der Vater des Amokschützen nun Revision eingelegt hat.Foto: dpa

Stuttgart/Winnenden - Bereits zweimal ist der Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen am Landgericht in Stuttgart wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz sowie 15-facher fahrlässiger Tötung und 14-facher fahrlässiger Körperverletzung verurteilt worden. Doch der ­54-Jährige kann sich nicht damit abfinden, das ihm die Richter eine Mitschuld an dem Massaker vom 11. März 2009 bescheinigen. Seine Verteidiger haben nun im Fall der erneuten Verurteilung Revision eingelegt. Ihr Mandant war am vergangenen Freitag zu einer 18-monatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden.

Einer der drei Verteidiger des Vaters von Tim K., Hubert Gorka, bestätigt auf Anfrage der StZ, dass man Revision eingelegt habe. Zu den Gründen möchte der Anwalt nichts sagen. Formal habe man wegen der vorgeschriebenen Frist von einer Woche von dem Rechtsmittel Gebrauch gemacht. „Wir warten nun die schriftliche Urteilsbegründung des Gerichts ab. Diese werden wir dann auf mögliche Verfahrensfehler prüfen“, sagte Gorka.

Gericht hatte Mitschuld des Vaters erkannt

Die Verteidiger hatten in dem Prozess lediglich für einen Waffengesetzverstoß und für eine Straffreiheit plädiert – denn mit dem Tod des Sohnes sei ihr Mandant genug gestraft. Er hatte die Tatwaffe nicht weggesperrt, sondern aus Furcht vor Einbrechern hinter Wäsche im Kleiderschrank versteckt. Und ohne Wissen ihres Mandanten habe Tim K. den Code des Waffenschranks geknackt, in dem der Vater die Munition aufbewahrte. Dies belege die Zeugenaussage eines Schulfreundes von Tim K., wonach ihm der Junge bereits drei Jahre zuvor in Abwesenheit des Vaters Waffen vorgeführt habe, so die Anwälte.

In ihrem Urteil betonten die Richter indes, dass bereits der Verstoß gegen das Waffengesetz die Fahrlässigkeit des Vaters mit sich ziehe. Ohne die Pistole und die Munition, die der 54-Jährige unverschlossen aufbewahrt habe, sei der Amoklauf seines Sohnes nicht möglich gewesen. Daher sei der Mann an dem Massaker mit Schuld.

Angehörige vermuten ein taktisches Manöver

Der 54-Jährige war bereits vor zwei Jahren mit der gleichen Begründung von einer anderen Kammer am Landgericht zu einer 21-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Schon damals war die Verteidigung in Revision gegangen, weil sie eine Zeugin nicht befragen konnte. Der Bundesgerichtshof hob dieses Urteil schließlich wegen des Verfahrensfehlers auf.

Beim zweiten Urteil haben die Richter noch knapp zwei Monate Zeit, es zu begründen. Danach muss die Verteidigung ihren im Raum stehenden Revisionsantrag innerhalb eines Monats formulieren. Anschließend gibt die Staatsanwaltschaft ihre Stellungnahme ab. Die Anklagebehörde leitet den Fall schließlich weiter an den Bundesgerichtshof (BGH).

Beim ersten Revisionsantrag dauerte es bis zur BGH-Entscheidung ein dreiviertel Jahr. Angehörige der beim Amoklauf Getöteten befürchten nun, dass es sich nun um ein taktisches Manöver handele, um Zivilprozesse hinauszuzögern. Denn Zivilgerichte warten in der Regel die Rechtskraft eines Urteils eines Strafgerichts ab, ehe sie sich eines Falls annehmen.

Hohe Schadensersatzforderungen an den Vater

Die Schadensersatzforderungen an den Vater von Tim K. summieren sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Allein die Stadt Winnenden möchte für den Umbau der Albertville-Realschule, in der der ­17-Jährige zehn Menschen tötete und eben so viele verletzte, 9,3 Millionen Euro. Sechs weitere Zivilklagen von Einzelpersonen wurden eingereicht.

Hardy Schober, der Vorsitzende des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, der bei dem Massaker eine Tochter verlor, ist über den Revisionsantrag empört: „Erneut sollen bei den Angehörigen der Getöteten und bei den Verletzten Wunden aufgerissen werden“, sagt Schober.

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7 KommentareKommentar schreiben

@R.D.M: 'Das Aktionsbündnis erhält etwas Geld von Spendern und Zustiftern...' Stimmt, sie nehmen auch gerne Zuwendungen von Waffenfirmen wie z.B. ARMATIX, und propagieren dafür auch deren Patent-Produkte, das ist bei der Anti-Waffen-Lobby so üblich. Dagegen werden bei den meisten Schießstandbetreibern keine oder nur minimale Umsätze gemacht, da sie zum großen Teil von den Schützenvereinen in Eigenarbeit aufgebaut und betrieben werden. Und Waffenhersteller machen auch keinen Millionenumsatz mit Sportwaffen, deshalb ist die Hauptsparte bei H&K, Walther etc. immer noch auf Aufträge von Behörden und Militär ausgerichtet. Von dem vielzitierten 'Schreckgespenst' Waffenlobby in Deutschland bleibt also nicht viel übrig, ausser daß sie von Vebotsnarren 'heraufbeschworen' wird, wenn gegen die Faktenlage mal wieder die sachlichen Argumente ausgehen und man 'emotional' weiterdiskutiert, anstatt endlich mal die bekannten Zahlen von BKA und Polizei zu lesen, die eindeutig KEINE Bedrohung durch den legalen Waffenbesitz aufzeigen.

@Aldinger: Ja, es geht jemandem um's Geld, und sonst um nichts - Herrn K. Rechtsstaatlichkeit hin oder her, der Mann hat einfach keinen Anstand! Das Aktionsbündnis erhält etwas Geld von Spendern und Zustiftern, aber nicht annähernd zu vergleichen mit den Gewinnen von Schießstandbetreibern, Waffenhändlern und Waffenproduzenten. Wie Hinterbliebene mit etwaigen Schmerzensgeldern umgehen und ob sie sich damit beim Aktionsbündnis beteiligen, das ist allein ihre Sache. Klar, dass dieser Gedanke der Waffenlobby (die in Geld schwimmt) nicht gefällt.

Aldinger: Sie haben 100 %ig Recht - der Beigeschmack dieses Prozesses hat einen unangenehmen Beigeschmack.

Für Schusswaffen strenge Aufbewahrungspflicht: Das finde ich gehört viel härter per Gesetz festgelegt. Waffen gehören in keinen Privathaushalt. So einfach! Dafür gibt es Schützenvereine mit ihren Safe´s und die Munition gleich dazu. Die andere Variante wäre, dass extra eine Anlaufstelle für solche Fanatiker geben muss. Doch schon allein die Tatsache, dass es jede Menge illegale im Umlauf gibt, lässt einem schon die Nackenhaare ausgehen. Tim K. Vater allerdings sollte doch jetzt einfach Ruhe geben. Es ist für die Hinterbliebenen der Opfer eine unnötige Quälerei. Er ist nicht alleine auf der Welt, dass vergisst dieser Vater von Tim K. ganz und gar.

Hier geht es um´s Geld: Hardy Schober lebt mittlerweile von seinen Posten als Vorsitzende des Aktionsbündnisses, die Stiftung wirft aber nur genug ab, wenn das Stiftungsvermögen groß genug ist, früher war er glaube ich Anlageberater, daher kennt er sich wohl damit aus. Auch die Stadt Winnenden brauch das Geld, hier ist vielzuviel Geld und politische Beweggründe im Spiel, als das der Mann einen fairen Prozess erwarten könnte.

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