InterviewAnalyse der OB-Wahl in Stuttgart „Die SPD wird im Wettbewerb zerrieben“

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Für den Politikwissenschaftler Oscar Gabriel von der Universität Stuttgart sind Grün und Schwarz landesweit die führenden Kräfte geworden. Im StZ-Interview analysiert er die Wahl.

Die Analyse der Kommunalpolitik zählt zu seinen Forschungsgebieten. Foto: Archiv 46 Bilder
Die Analyse der Kommunalpolitik zählt zu seinen Forschungsgebieten.Foto: Archiv

Stuttgart – Herr Gabriel, hat Sie an den Ergebnissen der OB-Wahl etwas überrascht?
Da ist allenfalls das noch schwächere Abschneiden der SPD-Kandidatin Bettina Wilhelm, als es nach den jüngsten Umfragen zu erwarten war. Ansonsten war mit den Ergebnissen zu rechnen, auch dass Kuhn leicht vorne liegt.

Warum konnte das bürgerliche Lager um Sebastian Turner nicht mehr Stuttgarter für sich gewinnen?
Ich war immer der Auffassung, dass Stuttgart und das Land keine natürlichen Hochburgen der CDU sind. Die CDU erzielte früher dank eines guten Personalangebots und der dominierenden Wirtschaftsthemen trotz einer ungünstigen sozialstrukturellen Ausgangslage gute Ergebnisse. Es war überraschend, dass die CDU so lange gut abgeschnitten hatte.

Wie groß ist der Einfluss der Landespolitik bei der Stuttgarter OB-Wahl?
Das sind die Nachwehen von Stuttgart 21, und da ist der Versuch der Bevölkerung, die Episode Mappus zu bewältigen. Das hat in der baden-württembergischen Wahlgeschichte einen tiefen Einschnitt hinterlassen. Nicht die aktuelle Politik spielte eine Rolle, sondern die Entwicklung der letzten zwei Jahre.

Das heißt: Es gibt aus Ihrer Sicht noch immer einen Mappus-Malus für Sebastian Turner – und einen Kretschmann-Bonus für Fritz Kuhn?
Kretschmanns Popularität kommt den Grünen in Stuttgart zugute. Sie haben mit Kuhn, einem politischen Profi erster Güte, einen der stärksten Kandidaten gebracht, den sie finden konnten. Er ist für das bürgerliche Lager wählbar. Turner liegt fast zehn Prozent unter Schusters Ergebnis im ersten Wahlgang 2004 – irgendwo sind diese Wähler geblieben.


Und was ist mit der SPD los?
Die SPD hat im Land noch nie eine ernsthafte Alternative zur CDU geboten. Sie ist nun zerrieben im Wettbewerb zwischen Grünen und CDU.

War die Parteilosigkeit der Kandidaten von SPD und CDU ein Problem?
In einer Großstadt ist Politik vom Parteienwettbewerb geprägt. Persönlichkeiten aufzustellen, die das Programm überzeugend vertreten, ist wichtig. Das Aufstellen nicht parteigebundener Kandidaten ist auch ein Wegducken vor politischer Verantwortung.

Welche Rolle spielt Hannes Rockenbauch?
Die für ihn abgegebenen Stimmen zählen natürlich zum linken Lager. Das ist der verbliebene harte Kern der Stuttgart-21-Gegner.

Ist Bettina Wilhelms Ergebnis eine Grundlage, bei der Neuwahl in zwei Wochen anzutreten?
Es ist bekannt, dass das Verhältnis zwischen den Grünen und der SPD in Stuttgart nicht das allerbeste ist. Aber sie bilden zusammen die Landesregierung – wenn auch nicht reibungslos. Daher haben beide Parteien sicher das Anliegen, einen linken Kandidaten zum Stuttgarter Oberbürgermeister zu machen.

 

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25 KommentareKommentar schreiben

Christian Obst, 21:42 Uhr: Da kann ich Ihnen schon zustimmen. Ein Teil der Protestszene (vor allem aus der Halbhöhenlage) besteht schon aus ehemaligem CDU-Klientel und ist erzkonservativ und längst altersstarrsinnig. --- Tatsächlich bedienen ja sowohl Rockenbauch als auch Kuhn - wie vor allem auch Kretschmann teilweise erzkonservative Positionen und sind dort wesentlich konservativer, als die CDU. --- Der Slogan 'bewahren, gestalten, verändern' verwandte übrigens Rommel seinerzeit schon in seiner persönlichen Wahlempfehlung für Dr. Schuster. Kuhn fabuliert ebenso über die gute alte urbane Zeit der kleinen Krämer- und Buchläden, als die Tiere noch sprechen und die Sperlinge noch Schleppsäbel trugen. Das kommt bei diesem Klientel schon an. Zitat: 'Hannes Rockenbauch: Die für ihn abgegebenen Stimmen zählen natürlich zum linke

Erzkonservative Wählerschicht: Zitat: 'Hannes Rockenbauch: Die für ihn abgegebenen Stimmen zählen natürlich zum linken Lager. Das ist der verbliebene harte Kern der Stuttgart-21-Gegner.' Werter Hr. Gabriel, ich hoffe Sie lesen diese Zeilen. Mit einem wenig Recherche könnten Sie selbst feststellen, dass die CDU mit S21 hauptsächlich dem eigenen Stammwähler ins Gesicht tritt. Seit Beginn Umsetzung S21: 2009 Grüne Stärkste Fraktion im Gemeinderat, 2011 50% in Stuttgart bei der Landtagswahl, 2012 Grüner OB. Und das in der Gründungshauptstadt der CDU, der mit Abstand konservativsten Großstadt Deutschlands? Wo kommen diese Wähler her? Vielleicht schauen sie mal mich an. Bei uns hängt kein Kreuz überm Küchentisch, sondern Konrad Adenauer, Helmut Kohl und F.J. Strauss . Das CDU-Landtagswahlprogramm war zu 99% identisch mit meinen Vorstellungen. Und selbstverständlich wählte ich Rockenbauch und wähle jetzt Kuhn. Denn ich habe keinen Bock jeden Tag malochen zu gehen, damit Schulen nicht saniert werden und dass Theater und Museen geschlossen werden,damit sich ein paar wenige CDU-Größen hemmungslos bereichern können (siehe Aufsichtsratsmandate bei x S-21 Baufirmen). Was erzkonservative Wählerschichten anspricht: Mit Kuhn als OB ist sichergestellt, dass nicht der Stuttgarter Steuerzahler die Millarden Mehrkosten trägt, sondern der Bauherr. (@ex-CDU Mitglied: 100% Zustimmung)

@Helo, Goldi aber auch Realist: Danke für die Antworten. Es ist natürlich schwer zu beweisen ob man ein Exot ist oder doch nicht ganz alleine. Ich kann nur meinen Bekannten- und Freundeskreis beobachten wie dort die alten und neuen Präferenzen sind. Viele sind dort aus dem Bestand CDU, FDP und etwas SPD. In allen Bereichen sehe ich Bewegung zu den Grünen. Das beweist auch jede Wahlanalyse. Die meisten haben aber gleich den Sprung zu Kuhn ohne Umweg über Rockenbauch im ersten Wahlgang gemacht. Das hat verschieden Gründe wie 'hat der überhaupt echte Chancen?' oder 'was ist denn SÖS?' 'Ist der nicht etwas jung?' und denn bei weitem kleinsten Wahletat. Wäre er aber nur ein linker Spinner, der nur dagegen ist, und hätte er nicht in vielen Debatten gezeigt, dass er was drauf hat, so wären diese 10% nicht zusammengekommen. Das ist ja eine Zahl von der die FDP oder die Freien Wähler nur träumen können. Wir Wähler wären besser dran, wenn wir von solchen Kandidaten mehr hätten und nicht so blasse Nummern wie der Turner. Für mich sind auch die Hintergründe der Personen wichtig. Den Turner hab ich vor kurzem noch nicht gekannt. Dass er ein Millionär ist hab ich eher durch Zufall erfahren. Das ist ja kein Makel und ich gönne jedem sein Geld. Dann frag ich mich natürlich schon: Warum will der so einen (aus Seiner Sicht) schlecht bezahlten Job wie den OB Sessel? Ist dem langweilig oder sucht er ein Sprungbrett? Wenn ja für was? Nun bin ich etwas abgeschweift, aber das kommt halt auch mal vor. Einen schönen Abend noch.

Zerrieben oder Zerschmiedelt ?: Das 'S' und das 'D' machen das 'P' zu Staub ! Solange das 'S' für Schmiedel steht und das 'D' für dumm, stirbt das 'P' !

@ex CDU Stammwähler, 12:06 Uhr: Hervorragender Kommentar, dem absolut nichts hinzuzufügen ist! Herzlichen Dank dafür!

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