Krimikolumne

Andrea Camilleri, Carlo Lucarelli, Giancarlo De Cataldo: „Richter“ Gesetz ohne Chance

Italienische Richter haben einen gefährlichen und frustrierenden Beruf. Drei Krimiautoren des ersten Ranges erweisen ihnen im Erzählungsband „Richter“ dafür ihren Respekt.

In diesem Ausschnitt des Buchumschlags von „Richter“ scheint ein Mensch nicht in ein Justizgebäude, sondern ins Licht des Jenseits zu treten. Oder ist es bloß das weiße Nichts ergebnisloser Prozessketten? Foto: Klett-Cotta
In diesem Ausschnitt des Buchumschlags von „Richter“ scheint ein Mensch nicht in ein Justizgebäude, sondern ins Licht des Jenseits zu treten. Oder ist es bloß das weiße Nichts ergebnisloser Prozessketten?Foto: Klett-Cotta

Stuttgart - Hey, warum fliegt ihm denn da der Hut vom Kopf? Richter Surra, im 19. Jahrhundert frisch nach Sizilien versetzt, wundert sich zwar kurz, setzt seine Kopfbedeckung aber rasch wieder auf. Der lautere Naivling hat gar nicht bemerkt, dass sein Hut ihm nicht vom Wind davongetragen, sondern vom Kopf geschossen wurde, als letzte Warnung. Und so trägt er mit seiner gelassenen Reaktion zur Legende bei, „Eier aus Eisen“ zu besitzen und der rechte Kerl zu sein, der Mafia die Stirn zu bieten.

Andrea Camilleris Erzählung „Richter Surra“ ist eine von dreien in dem Band „Richter“, in dem italienische Krimiautoren des ersten Ranges jenen Vertretern des Rechtsstaats die Ehre erweisen, deren Gefährdung die Verwahrlosung der italienischen Sitten symbolisiert. Camilleris Geschichte über einen Unerschütterlichen ist nur oberflächlich optimistisch, zeigt sie doch, dass es einer ganz besonderen Art begnadeter, kluger Narren bedarf, um der Gerechtigkeit kleine Siege zu verschaffen.

Die Verhandlung als Alptraum

Giancarlo De Cataldo, selbst im Hauptberuf Richter, hat in Romanen wie „Romanzo Criminale“ die Mafiadurchseuchung der Gesellschaft erschütternd dargestellt. Seine Erzählung „Der dreifache Traum des Staatsanwalts“ ist eine kongeniale Miniatur, die Studie der verdrängten Ohnmachtsgefühle eines Staatsanwalts, der das Kämpfen noch nicht aufgeben will, aber weiß, dass er keine Chance hat.

Den korrupten Bürgermeister, gegen dessen Tricks er nie ankommt, hat er schon in gemeinsamen Schultagen als manipulativen Schurken erlebt, als einen, der zwar von allen als Schurke durchschaut wird, es aber trotzdem versteht, sich breite Unterstützung zu sichern.Nun steht eine neue Runde vor Gericht bevor, und der Anwalt träumt sich in einen surreale Szenerie der Niederlage hinein, erwacht, gerät wieder in eine Falle, merkt, dass auch dies nur die nächste nächtliche Vorahnung war – was Cataldo nutzt, um die Realität als Alptraum ohne Ende zu definieren.

Alle Optionen sind die falschen

Von der Geschichte einer scheinbar ungefährdeten jungen Richterin und ihres alten Personenschützers aus will Carlo Lucarelli in „Die Bambina“ die größte Anklage starten. Er nimmt sich im Bologna Anfang der 80er Jahre das Treiben der Geheimdienste vor und damit einen Sumpf aus Terror, Verbrechen und staatlichem Agieren.

Das führt zu einigen guten Szenen, in denen klar wird, dass alle Optionen der Figuren die falschen sind. Aber Lucarelli lässt eine Sehnsucht nach dem außergewöhnlichen Handeln spüren, nach jener Befreiung aus den Fesseln, die im Krimi so oft Thema und wider alle Wahrscheinlichkeit bewerkstelligt wird. Seine Figuren siegen zwar nicht, aber sie agieren kinoreif. Das widerspricht letztlich der Erkenntnis, die auch Lucarelli ausbreitet: dass die Richter am Ende mit jenen Gesetzen matt gesetzt werden, die ihre Waffen sein sollten.

Andrea Camilleri, Giancarlo De Cataldo, Carlo Lucarelli: Richter. Erzählungen. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Klett-Cotta, Stuttgart. 176 Seiten, 16,95 Euro.

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