Anonymous Daten zu Kundus ins Netz gestellt
dapd, 08.02.2012 17:08 Uhr
Der Gruppe Anonymous ist es gelungen, über das Computersystem des Deutschen Bundestags auf bislang geheime Dokumente zur Kundus-Affäre zuzugreifen. Foto: dapd
Der Gruppe Anonymous ist es gelungen, über das Computersystem des Deutschen Bundestags auf bislang geheime Dokumente zur Kundus-Affäre zuzugreifen. Foto: dapd
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Berlin - Ein vermeintlicher Hacker-Angriff sorgt für Öffentlichkeit und wird nur wenig später entdramatisiert: Anonymous hat in der Nacht zu Mittwoch auf einst geheime Dokumente zur sogenannten Kundus-Affäre hingewiesen - darunter das Funkprotokoll des Luftangriffs auf von Taliban entführte Tanklaster im September 2009 in der Nähe des deutschen Feldlagers Kundus. Doch anders als die Aktivisten angaben, standen die Dateien bereits seit dem vergangenen Herbst frei im Netz. Sie waren nur kein Thema.

Anonymous wies auf knapp zehn Dokumente hin und bewarb diese in einer Mitteilung als „Leaks“. Die Hacker, die mit ihren Attacken auf Behörden- und Konzernsystemen gemeinhin auf Sicherheitslücken aufmerksam machen, mahnten: „Wenn der Deutsche Bundestag schon so mit eigenen Daten und Dokumenten umgeht, was passiert mit den Daten der Bürger?“ Der Bundestag widersprach dieser Darstellung umgehend.

Brisante Dokumente über Fußnoten erreichbar

„Meldungen, dass Seiten des Bundestages gehackt wurden, treffen nicht zu“, hieß es in einer Erklärung der Verwaltung. Die Dokumente, die in Gänze in der breiten Öffentlichkeit bisher unbekannt waren, hätten hingegen schon seit Oktober 2011 frei im Netz gestanden - ganz regulär. Sie wurden in den Fußnoten des 550 Seiten umfassenden Abschlussberichts des Kundus-Untersuchungsausschusses verlinkt, „im Dokumentenverzeichnis ab Seite 460“, wie der Bundestag mitteilte.

Damit lagen die vermeintlichen Enthüllungen schon länger bewusst auf den Seiten des Bundestags. Ein Sprecher erklärte zudem, die einst als „geheim“ oder „Verschlusssache“ markierten Papiere seien in Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium teilweise geschwärzt worden. Sowohl Hinweise auf Sicherheitslücken als auch auf Mängel in der Zugangskontrolle, die Anonymous streute, bestätigten sich nicht.

Anonymous verteidigte unterdessen seine Hinweise. Zwar seien die Papiere nicht geheim. Sie seien jedoch von der Öffentlichkeit bisher nicht entdeckt worden. „Wenn alle Dokumente wirklich schon seit Oktober 2011 offen liegen, warum hat man hinterher in Nachrichten und Reporten nie diese Zahlen gehört und gelesen?“, fragte Anonymous.

Geheimnistuerei der Regierung in der Kritik

Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour, nahm den Vorfall zum Anlass, die Geheimnistuerei der Bundesregierung zu kritisieren. Diese habe sich die Aufregung selbst zuzuschreiben. Sie neige dazu, jedes Dokument erst einmal als „geheim“ zu stempeln.

Dem Wirbel etwa um das Funkprotokoll des vom deutschen Oberst Georg Klein befohlenen Angriffs, bei dem bis zu 100 Zivilisten starben, konnte Nouripour allerdings auch etwas Positives abgewinnen. „Jetzt wird der Öffentlichkeit deutlich, wie sehr die Piloten gemahnt haben“, sagte der Grünen-Politiker der dapd.

In den Funkprotokollen kann nun jeder nachlesen, wie groß die Bedenken der Besatzungen der US-Jagdflugzeuge F-15 gegen einen Luftschlag waren. Mehrfach plädierten sie für einen sogenannten Show-of-Force, einen Überflug in geringer Höhe, um „sie auseinanderzutreiben“ und die Lastwagen erst anschließend zu zerstören. Zudem geht aus den Cockpitgesprächen hervor, dass die Piloten die Regeln für einen Bombeneinsatz nicht gegeben sahen.

„Wir versuchen die Personen auszuschalten“

Wie der Untersuchungsausschuss des Bundestages im vergangenen Oktober feststellte, ging der Oberst von einer unmittelbaren Gefahr aus - durch die Taliban am Ort und die Tanklaster, die als Bombe hätten genutzt werden können.

Die Opposition kritisierte seine Entscheidung, weil die nötigen Informationen für eine Gefährdung durch die Laster gefehlt haben. Außerdem wäre eine Tötung von Aufständischen nur bei gleichzeitiger Vermeidung unverhältnismäßig vieler ziviler Opfer legitim gewesen.

Der Einsatz diente aber eindeutig der Tötung von Kämpfern. In dem Protokoll taucht die Frage auf: „Versucht ihr, die Lastwagen oder die Personen auszuschalten?“ Die Antwort lautet: „Wir versuchen die Personen auszuschalten.“

Auch Guttenberg Thema der Dokumente

In der Anlage des Berichts zum Untersuchungsausschuss finden sich auch militärische Originaldokumente, die kurz nach dem Luftangriff zu dessen Einschätzung erstellt wurden. Der Vorwurf, Informationen daraus seien angeblich dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vorenthalten worden, hatte Ende November 2009 bei der Entlassung von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert eine Rolle gespielt.

Der sogenannte Feldjägerbericht, der die Affäre ins Rollen brachte und der noch immer als Verschlusssache gestempelt ist, wie auch die erste Stellungnahme Oberst Kleins sind per Verlinkung einsehbar. Darunter ist auch ein handschriftlicher Vermerk des Ex-Ministers.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare (4)
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FEB
09
Datenkl, 12:17 Uhr

Anonym Unsinn verbreiten

Langsam wirds abenteuerlich. Jetzt sind wir sogar selbst schuld, weil wir öffentlich zugängliche Dokumente nicht lesen. Das ist vielleicht gar ein Angiff auf die freie Presse, weil auch die Redakteure der Stuttgarter Zeitung diese Textstellen nicht gefunden haben. Unter dem Namen Anonymous kann man offenbar den letzten Sch... verbreiten. Habt ihr eigentlich nicht bessere Ziele? Ermittelt doch mal die Hintermänner vieler krimineller Internetaktionen, welche sich vornehmlich östlich der Elbe tummeln.

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FEB
08
Husky, 18:43 Uhr

Hallo Anonymus - wendet euer Pseudo Knowhow..

...doch mal bei richtig wichtigen Dingen an. Knackt doch mal die Finanzkonten der Diktatoren und Despoten wie Assad und diversen anderen...und legt diese auf Eis. Oder hackt euch doch mal in die Taliban Struktur ein und legt deren Finanzsystem lahm. Den eines haben alle gemeinsam - wird der Geldhahn zugedreht, egal wie - rührt sich was. Egal ob Afghanistan, Iran, Irak .... nicht militärisch ist hier beizukommen, nur über die monetäre Schiene kriegt man Sie an den Eiern..

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FEB
08
Andy Bellum , 15:37 Uhr

Kunduzskandal bleibt schwärende Wunde im Ansehen der Bundeswehr.

Jetzt wird deutlich: Eine Afghanische Zeugin wurde ignoriert, indem ihre Aussagen durch Simulatanübersetzung verkürzt und nicht in Originalton gespeichert wurde. ////Die Opfer hatten Wahlausweise, die sie als Feinde der Taliban auswiesen, trotzdem wurden sie als "feindliche Kämpfer" angeführt. /////Eine einzige Maschinenpistole - irgendwo gefunden - wurde zur Fotoshow an einem zerbombten Tanklaster drapiert. So primitive Verfälschungen durch die BW hätte ich nie angenommen, obwohl ich dort auch eigene Erfahrungen beim Beobachten von Vertuschungen machen durfte. Mein Vater sagte immer, Junge du musst genau solche blöden Ausreden gebrauchen, dass sie auch der dümmste Feldwebel begreift. Es ist leider so, auch beim Untersuchungsausschuss. Der Kunduz-Skandal und dieser persilscheingeschmückte Oberst Klein bleiben schwärende Wunden im öffentlichen Ansehen der Bundeswehr.

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