Antiwindkraft-Demo in Schorndorf Buhrufe für den Minister

Von Annette Clauß 

Minister Alexander Bonde hat einer Unternehmenskooperation mehrerer Stadtwerke die Erlaubnis überreicht, ein Areal bei Schorndorf-Unterberken auf seine Tauglichkeit für Windräder zu überprüfen. Die Anwohner protestieren lautstark – auch gegen Boris Palmer.

Der grüne Tübinger OB Boris Palmer diskutiert mit Demonstranten. Foto: Gottfried Stoppel
Der grüne Tübinger OB Boris Palmer diskutiert mit Demonstranten.Foto: Gottfried Stoppel

Schorndorf - Wir sind die Opfer, und ihr seid die Täter“ – mit diesem Satz hat ein Windkraftgegner am Dienstagnachmittag lautstark seinen Unmut gegenüber Stadtwerke-Vertretern sowie Politikern kundgetan. Rund 70 Aktivisten unterschiedlicher Bürgerinitiativen aus dem Rems-Murr-Kreis, aber auch aus den Landkreisen Esslingen, Göppingen und sogar aus der Gegend von Schwäbisch Hall waren mit Plakaten und Trillerpfeifen erschienen, um mitten im Wald bei Schorndorf-Unterberken zu demonstrieren. Auf dem rund 645 Hektar großen Gelände eines ehemaligen Bundeswehrdepots plant eine Unternehmenskooperation der Stadtwerke Schorndorf, Fellbach, Tübingen und der Energieversorgung Filstal den Bau von bis zu sechs Windrädern mit einer Höhe von je knapp 200 Metern.

Seit Ende Januar wird die Windstärke gemessen

Das stößt bei manchen Bewohnern der umliegenden Gemeinden, die teils im Rems-Murr-Kreis, teils im Landkreis Göppingen liegen, auf wenig Gegenliebe. Und so ist Alexander Bonde mit Buhrufen und einem Pfeifkonzert empfangen worden. Angereist war der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, um im Namen der Landesregierung als Eigentümerin des Waldstücks einen Gestattungsvertrag zu überreichen. Dieser räume der Unternehmenskooperation das Recht ein, zwei Jahre intensiv zu prüfen, ob sich das Areal überhaupt als Standort für Windkraftanlagen eigne, erklärte Timo Schlotz von den Stadtwerken Schorndorf: „Wir messen mit einem lasergestützten mobilen Messsystem in 20-Meter-Abständen auf eine Höhe von bis zu 200 Metern.“

Angesichts der aufgeheizten Stimmung werde er sich kurzfassen, sagte der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer in Richtung der Schar der erbosten Demonstranten. Was folgte, erinnerte ein wenig an eine Theateraufführung in der Antike. Der Chor der Aktivisten kommentierte jeden Satz des Rathauschefs und des Ministers. Matthias Klopfer sprach von einem einstimmigen Beschluss des Gemeinderats für Windkraftanlagen, bezifferte das Investitionsvolumen mit rund 25 Millionen Euro und erwähnte die seiner Ansicht nach „vorbildliche Bürgerbeteiligung“ der Stadtverwaltung – was die Aktivisten mit „Volksverdummung“ und „Stadtwerke boykottieren“ kommentierten.

So ging es munter weiter. Klopfer: „Im Frühjahr 2015 wird es eine Entscheidung geben, die Energiewende dauert“ – der Chor: „Gott sei Dank.“ Bei der Vergabe des Standorts Holzberg habe ein privater Investor aus dem Ostalbkreis vor den Stadtwerken das Rennen gemacht, so Klopfer weiter. Der Kommentar aus der Reihe der Demonstranten: „Bande.“ Alexander Bonde erging es nicht besser. Naturschutz sei vereinbar mit dem Ausbau der Windkraft, argumentierte der Minister, diese sei ökologisch und regionalwirtschaftlich der richtige Weg. „Grüne weg, nie mehr grün, raus aus dem Wald“, lautete die Antwort.

Angst um den Wert der Immobilien

„Wo sollen wir eine Windanlage bauen, wenn nicht hier auf einem ehemaligen Militärgebiet?“, argumentierte der gebürtige Remstäler und Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer in der teils heftigen Debatte, die nach dem offiziellen Teil losging. Das Argument, die Windstärke sei an diesem Platz zu gering, wollte er so nicht gelten lassen: „Wenn es hier zu wenig Wind gibt, dann braucht ihr gar nicht zu demonstrieren, denn dann gibt es auch keine Windkraftanlage.“ Jedes Auto, das durch die Ortsdurchfahrt von Oberberken oder anderswo fahre, verursache mehr Lärm, als ein Windrad, war Palmers Antwort auf die Bedenken eines Mitglieds einer Bürgerinitiative, das im nächsten Satz befürchtete, der Wert der Immobilien werde sinken.

„Mein Vater hätte jetzt Grasdackel gesagt“, war schließlich Boris Palmers entnervte Reaktion. Auch darauf hatte die Gegenseite eine Antwort parat: „Du grasgrüner Grasdackel.“