Anwohner der Stuttgart-21-Baustellen Leben mit dem Dauerlärm

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Jahrelang haben Politiker und Bahnmanager versichert, dass die Bürger durch die Stuttgart-21-Bauarbeiten kaum belästigt würden. Wie sieht die Realität aus?

Martha Katsaridou (links) mit ihrer Schwester Christina, ihrer Nichte Georgia, ihrer Tochter Panajiota und ihrem Vater Minas. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 5 Bilder
Martha Katsaridou (links) mit ihrer Schwester Christina, ihrer Nichte Georgia, ihrer Tochter Panajiota und ihrem Vater Minas.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - In der Nacht zum 29. August 2013 bemerkt die Familie Katsaridou, dass in Stuttgart ein neuer Hauptbahnhof gebaut wird. Es ist kurz nach Mitternacht, als ihr Haus vibriert und ein Wummern durch die geschlossenen Fenster dringt. Im Kinderzimmer fliegt eine Gardinenstange von der Wand, die fünfjährige Panajiota weint vor Schreck. Ihre Eltern eilen nach draußen und sehen auf dem Untertürkheimer Bahndamm eine riesige Maschine stehen, die Stangen in den Boden rammt. Niemand hatte sie darauf vorbereitet. Nachbarn aus der Benzstraße und der Gaggenauer Straße kommen hinzu und versuchen, die Gleise zu blockieren und so die Ruhestörung zu beenden. Die Polizei rückt mit mehreren Streifenwagen an. Erst gegen drei Uhr ist der Radau vorbei, eine Stunde später muss Panajiotas Papa zur Frühschicht.

Die Katsaridous leben seit drei Generationen in dem Arbeiterviertel am Rande von Untertürkheim. Großvater Vassilios kam einst aus seiner griechischen Heimat zum Daimler, vor 25 Jahren kaufte sein Sohn Minas für die Familie auf Pump ein altes Fachwerkhaus in der Gaggenauer Straße. Heute ist die Immobilie fast abgezahlt und wird von Minas Töchtern, ihren Ehemännern und ihren Kindern bewohnt.

Martha Katsaridou, 33, hat sich nie sonderlich für Stuttgart 21 interessiert. Sie war anderweitig beschäftigt: mit ihrer Ausbildung zur Zahnarzthelferin, mit den Vorbereitungen zu ihrer großen Hochzeitsfeier, mit ihrem Töchterchen Panajiota. Dann klopfte S 21 unüberhörbar an die Tür. Nun weiß sie, dass sich ihr Elternhaus am Planfeststellungsabschnitt 1.6a befindet – und dass trotz deutscher Behördengründlichkeit nichts so ist, wie es aus ihrer Sicht sein sollte.

Risse in den Mauern

Das Wohnhaus der Katsaridous liegt keine 50 Meter von der Stelle entfernt, an der die Bahn eine Rettungszufahrt für einen S-21-Tunnel baut. Trotzdem gehört das Gebäude – im Gegensatz zum benachbarten Mercedes-Werk – nicht zu der im Planfeststellungsbeschluss ausgewiesenen Beweissicherungszone. Erst als sich die Katsaridous über Risse in ihren Mauern beschwerten, schickte die Bahn Ingenieure, um die Schäden zu begutachten. Die Experten des Konzerns behaupten, dass die Risse nicht durch die Rammarbeiten verursacht wurden. Die Familie hat sich einen Anwalt genommen und ein eigenes Gutachten erstellen lassen. „Das kostet Zeit und Geld“, sagt Martha Katsaridou. „Ich kann bald nicht mehr.“

Am furchtbarsten ist der Höllenlärm, der Schallpegel überschreitet zeitweise 100 Dezibel (A). Das entspricht der Lautstärke eines militärischen Tiefflugs und liegt damit weit über der Belastung, die während des Genehmigungsverfahrens prognostiziert wurde. Die krasse Fehleinschätzung hat für den Bauherrn keine Konsequenzen.

Die Katsaridous wünschen sich, dass die Bahn sie während der schlimmsten Nächte in einem Hotel unterbringt – das Unternehmen lehnt das jedoch ab, um weitere Ausgaben für das inzwischen auf fünf bis sechseinhalb Milliarden Euro taxierte Projekt zu vermeiden. Es kümmert die Verantwortlichen offenbar nicht, dass Panajiota, die inzwischen die erste Klasse besucht, bereits viel Schlaf geraubt wurde oder dass ihr Vater Nikos müde zur Schicht fährt oder dass ihre Großmutter Georgia Despina nach fast anderthalb Jahren Beschallung unter hohem Blutdruck und Herz-Kreislauf-Beschwerden leidet.