Arbeiten im Salzbergwerk Eine Reise in die Unterwelt

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Als junger Mann kratzte Patrick Svab Kohle aus lothringischen Flözen. Heute arbeitet er als Steiger im Heilbronner Salzbergwerk. Eine Reise in die Tiefe.

Vorbereitung für die Sprengung im Nordwestfeld
Foto:Volker Hoschek Foto:  
Vorbereitung für die Sprengung im Nordwestfeld Foto:Volker Hoschek

Heilbronn - Akkulampe, Helm, Ohropax, der Kasten mit der Atemmaske: bereit für die Grube. Ein ewig langer Korridor führt zum Schacht, wo die Männer der Mittagsschicht gerade in den Aufzug steigen. Der gleicht eher einer Viehwaage: eine einfache Stahlplatte, ein Seil zum Festhalten. Glück auf! Ein scharfer Luftzug fährt mit hinab in den Stollen. Der Boden zittert, feuchtes Gestein zieht vorüber. Dazwischen klafft die schwarze Tiefe. Nach 20 Sekunden ist Endstation. 200 Meter unter der Erde.

Im Heilbronner Industriegebiet am Neckar, wo die Stadt im 19. Jahrhundert zum schwäbischen ­Liverpool heranwuchs, sind jetzt Logistikbetriebe, Entsorgungsfirmen, Autozulieferer. Doch unter dem Gewerbepark existiert eine Parallelwelt. Geschützt von mächtigen Anhydritschirmen, liegt hier Salz, das sich vor Abermillionen Jahren in Lagunen sammelte. Der Vorrat reicht noch für Generationen.


Schwerfällig schließt sich das Schleusentor. Ein zweites geht auf. Das Druckgefälle macht ein Knacken in den Ohren. Kirchenhoch liegt der nackte Salzstock frei. Die Sohle scheint dick mit Puderzucker bezogen. Doch der Zucker schmeckt salzig. Erste Schritte auf einem fremden Planeten: unter den Stahlkappenschuhen knirscht weißer Sand wie beim Strandspaziergang auf Usedom. Unterirdische Highways durchziehen die unwirkliche Landschaft. Ein Dutzend Geländewagen stehen bereit für die Safari. Suzukis im Salz. Das Klima tut der Elektronik nicht gut, von der Karosserie ganz zu schweigen. „Hier unten schützt sie die trockene Luft vor dem Rost, oben würden sie sofort zerfallen“, sagt Patrick Svab, der Steiger.

Der 53-Jährige ist unter der Erde zu Hause. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in Lothringen, wo die Männer Zechenschwärze im Gesicht trugen, war La Houve, die Grube, für ihn allgegenwärtig. Schon sein Vater kratzte Kohle aus dem Flöz. Ein Kämpfertyp. Boxer. 84-mal im Ring und nie ausgeknockt. Einer, der selbst mit gebrochener Hand weiter austeilte, auch wenn der Schmerz bei jeder Rechten wie ein Blitz im Hirn einschlug. Sein Junge wollte auch so werden. Ging unter Tage, 500 Meter tief. Bergmannsfamilien lebten gut: 14 Monatsgehälter, mietfreie Wohnung und Koks zum Heizen auf Lebenszeit. Lohn für Arbeit in der Knochenmühle. Er hat im Streb zwei Freunde verloren. Vielen Kollegen machte der Job die Lungen kaputt. „Raue Leute, aber gute Leute“, sagt Svab. An seinem ersten Tag bekam er einen braunen Klumpen in den Mund gedrückt. „Kautabak. Ein Teufelszeug. Ich fiel fast in Ohnmacht.“ Von da an gehörte er dazu.


Svab startet seine Kontrolltour. Erste Weggabelung rechts, dann links, wieder links. Ein 700 Kilometer langes Straßenlabyrinth erstreckt sich unter Heilbronn. Der Steiger steuert stur durch gespenstische Leere. Mehr als zwei Dutzend Mann sind selten unten. Rechts, links, vorbei an Nebenstollen, in denen Berge von Streusalz lagern. In der Kalahari würde man sich auch nicht weniger verloren fühlen. Fehlen nur noch ein paar Skelette am Wegesrand. Außer Menschen gibt es im Salz keine Lebewesen. Nach einer halben Stunde erreicht Svab eine hell ausgeleuchtete Oase. Hier sind, in Höhlen so geräumig wie Werfthallen, die Werkstätten der Elektriker, Schlosser, Automechaniker. Auch Svab hat hier sein Büro, ein Wellblechcontainer mit Computer und Kaffeemaschine.

„Heilbronn, das ist Salonbergbau“, sagt er. Anfangs machte ihm die Weitläufigkeit richtig Angst. Er war Enge gewohnt, Dunkelheit, Dreck. Im Salz bleibt Svabs weiße Steigerkluft makellos, in der Kohle war nur das Gebiss weiß. Und über ihm immer Gefahr: jeder Meter, der dem Berg abgetrotzt wurde, musste verbaut und gestützt werden. Er hat Hydraulikstempel aus Eisen gesehen, die wie Streich­hölzer einknickten. Solange die Mäuse und Ratten herumwuselten, machte er sich keine ­Sorgen. Aber wehe, die Viecher zogen sich zurück. Die hatten einen siebten Sinn.

Er hat schon einen Gesteinsbruch überlebt. Neben ihm regnete es Brocken, der aus den Spalten rieselnde Staub machte ihn blind. Als alles vorbei war, damals in La Houve, standen er und die anderen wie Kinder aneinandergeklammert auf einer kleinen Insel im Streb, um sie herum alles verschüttet. „Wir haben vor Glück gelacht, geweint und gesungen.“

Vor dem Salzberg hat Svab weniger Respekt. Zwischen den Abbaukammern bleiben zehn bis 20 Meter breite Stützpfeiler stehen. „Das trägt“, sagt er. An was er sich auch gewöhnen musste: im Salzbergwerk gibt es Klos.

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