Arbeiterwaldheime in Gaisburg Die Heime der feindlichen Brüder

Von Ulrich Gohl 

Vor 80 Jahren ist der Waldheimverein Raichberg gegründet worden, obwohl zuvor das Waldheim Gaisburg entstanden war. Die Abspaltung hatte politische Gründe.

Zeit für ein Erinnerungsfoto: Arbeitersportler beim Bau des Sportplatzes am Waldheim Raichberg im Juni 1932. Foto: Waldheim Raichberg
Zeit für ein Erinnerungsfoto: Arbeitersportler beim Bau des Sportplatzes am Waldheim Raichberg im Juni 1932. Foto: Waldheim Raichberg

Stuttgart-Gaisburg - Nur ein Sträßchen trennt die beiden Waldheime Gaisburg und Raichberg, und doch lagen einst Welten zwischen ihnen. Warum sind überhaupt im Abstand von wenigen Metern gleich zwei Arbeiterwaldheime entstanden?

Die Idee, dass sich die Arbeiter ihre Erholungsstätten in Eigenverantwortung selbst schaffen sollten, stammt aus Stuttgart. Propagiert hat sie vor allem der Landtagsabgeordnete und Journalist Friedrich Westmeyer (1873-1917). Den Anfang machte 1908 das Waldheim Heslach, 1909 folgte das Waldheim in Sillenbuch, das heutige Clara-Zetkin-Haus.

1910 fiel die Idee auch in Gaisburg auf fruchtbaren Boden, die Initiative scheint von Mitgliedern des Arbeitergesangvereins Aurora ausgegangen zu sein. Im März 1911 jedenfalls gründeten die Arbeitersänger zusammen mit den Arbeitersportlern und den Mitgliedern des Sozialdemokratischen Vereins, in jener Zeit der einzige politische Arm der Arbeiterbewegung, einen Waldheimverein. Schnell war ein passendes Gelände ausgesucht und erworben, und schon im Mai jenes Jahres feierte man Eröffnung. Matthias Grötzinger, der erste Vorsitzende des Waldheimvereins, war gleichzeitig Vorsitzender der örtlichen Sozialdemokraten.

Im Laufe der Zeit erlangten die Kommunisten die Oberhand

Nun gab es wie im Rest des Reiches auch in der Stuttgarter SPD damals schwere Auseinandersetzungen zwischen einem reformerischen und einem radikalen Flügel. Vertreter des letzteren schlossen sich 1917 der neugegründeten USPD an, den Unabhängigen Sozialdemokraten“. Diese Partei zerfiel schon bald wieder: Die Ultraradikalen gingen 1920 zur kommunistischen Partei KPD, der Rest kehrte 1922 zur SPD zurück. So standen sich in der Mitte der 1920er Jahre Sozialdemokraten und Kommunisten auf der Straße, in Versammlungen und Parlamenten unversöhnlich gegenüber. In den Arbeitergesangvereinen aber musizierten sie gemeinsam, in den Arbeiterturnvereinen trieben sie zusammen Sport – und in den Waldheimen, auch in Gaisburg, organisierten sie ihre Freizeit.

Das konnte nicht auf Dauer gut gehen. Dass sich die Parteiführungen einmischten, lässt sich vermuten, aber nicht beweisen. Jedenfalls spaltete sich in den Jahren 1928 bis 1932 die Arbeitersportbewegung in eine „rote“, der KPD nahestehende, und eine „blaue“, zur SPD neigende Richtung.

Auch im Waldheim Gaisburg gab es Auseinandersetzungen zwischen den Parteigängern der beiden Richtungen. Man suchte sie dadurch zu entschärfen, dass vor wichtigen Vereinssitzungen SPD- und KPD-Vertreter zusammensaßen, um Einvernehmen herzustellen. Im Laufe der Zeit erlangten aber die Kommunisten die Oberhand, bei Wahlen setzten sie sich nun vermehrt durch, die Sozialdemokraten fühlten sich hinausgedrängt. Das führte dazu, dass die Mitglieder der SPD-Bezirke Ostheim, Gaisburg und Gablenberg nach einer Alternative suchten.

Lange konnten sich die Genossen nicht am neuen Gelände freuen

Sie fanden sie in einem aufgelassenen Sandbruch, nur wenige Meter vom Waldheim Gaisburg entfernt. Die SPD-nahe Freie Sportvereinigung Stuttgart-Ost hatte 1931 die Einöde von der Stadt Stuttgart für den Bau einer Sportanlage zugewiesen be-kommen. Die kräftigen Kerle der Reichsbannerjugend, vor allem die arbeitslosen Mitglieder – und davon gab es in jener Krisenzeit viele – packten an. Sie planierten eine große Fläche, legten einen Sportplatz an und errichteten ein Vereinsheim. Berechnungen haben ergeben, dass die Arbeitersportler mit einfachsten Mitteln rund 25 000 Kubikmeter Erde bewegten.

Noch hatte der Verbund aus Arbeitersportlern, SPD-Mitgliedern und Reichsbannerleuten keinen organisatorischen Rahmen. Dieser entstand erst mit der Gründung des Vereins Waldheim Raichberg am 20. Mai 1932, also vor fast genau 80 Jahren. Den Vorsitz übernahm der Betriebsratsvorsitzende des Gaisburger Gaswerks und SPD-Gemeinderat Gotthilf Bayh aus der Hackstraße 98. Mitte 1932 eröffneten die Arbeitersportler ihren Platz mit einem Sportfest, im Juni 1932 fand hier ein großes Sommerfest statt. Doch lange konnten sich die Genossen nicht an ihrem neuen Gelände freuen.

Nachdem die Nazis die Macht an sich gerissen hatten, lösten sie im März 1933 auch die Waldheimvereine Gaisburg und Raichberg auf und zogen deren Vermögen ein. Dabei ging es vor allem um die Waldheime. Viele Funktionäre landeten in Gefängnissen oder Konzentrationslagern. So erging es etwa dem Raichberg-Vorsitzenden Bayh, der auf den Heuberg verschleppt wurde. Ins „Gaisburg“ zog im Juli 1933 die „Gauführerinnenschule“ des Bundes Deutscher Mädel (BDM), 1936 abgelöst von der Hitler-Jugend. Das „Raichberg“ fiel im Frühjahr 1934 an den Bezirk Osten der NSDAP. Die gleichgeschaltete Presse streute ein Gerücht, das noch heute zu hören ist: Die Nazis hätten den Sportplatz vollendet, „marxistische Hände“ seien dazu nicht fähig gewesen. Tatsächlich war er, wie erwähnt, 1932 eingeweiht worden. In den Jahren 1943 und 1944 wurden beide Heime durch Fliegerangriffe völlig zerstört.

Seit den 90er Jahren werden die Gräben aber zugeschüttet

Gleich nach dem Kriege bekamen die Waldheimler ihre Gelände zurück und bauten ihre Häuser wieder auf. Die Vereine blieben ihrer politischen Ausrichtung treu: bergan betrachtet saßen links die Kommunisten und rechts die Sozialdemokraten. Das „Raichberg“ schottete sich auch durch seine Satzung ab: Noch heute kann man dem Waldheimverein nicht einfach beitreten, sondern man wird vom SPD-Ortsverein Ost zum Waldheimmitglied gewählt. Von Ausnahmen abgesehen wäre es noch in den 1970er Jahren keinem Sozialdemokraten eingefallen, bei den Kommunisten einzukehren – und umgekehrt.

Seit den 90er Jahren werden die Gräben aber nach und nach zugeschüttet, die Verantwortlichen der beiden Vereine pflegen heute ein nachbarschaftliches Miteinander. Und den meisten Gästen auf den Terrassen sind leckeres Essen und gute Getränke sowieso wichtiger als ideologische Auseinandersetzungen.

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