Architektur Ausstellung in Stuttgart-Nord Der Wert der Baukunst

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„Kann den Bauen Sünde sein?“ Die Stuttgarter Weißenhof-Galerie diskutiert am Beispiel des Skandals um den ehemaligen Limburger Bischof Tebartz-van Elst und seinen Amtssitz die Rezeption von Architektur in der Mediengesellschaft.

Der Innenhof des Limburger Bischofssitzes erinnert mit seinen Doppelstützen an einen mittelalterlichen Kreuzgang. Foto: Christian Richters
Der Innenhof des Limburger Bischofssitzes erinnert mit seinen Doppelstützen an einen mittelalterlichen Kreuzgang.Foto: Christian Richters

Stuttgart - Die Bausünde ist hierzulande spätestens seit der Nachkriegszeit ein feststehender Begriff in der Architekturdiskussion. Gemeint sind die Verheerungen, die der Wiederaufbau in den meisten deutschen Städten anrichtete: Wo die Bomben praktischerweise tabula rasa hinterlassen hatten, wurden nach 1945 rücksichtslos Stadtautobahnen durch historische Stadtgrundrisse gefräst, maßstabs- und gesichtslose Neubauten in Altstädte und Schlafstädte auf die grüne Wiese geklotzt. Dass sich die Leute bis heute vor „seelenloser Betonarchitektur“ gruseln, geht zu einem Gutteil auf den rabiaten Funktionalismus dieser Nachkriegsmoderne zurück. Besser ist es seither nur leider nicht geworden – man muss sich bloß in einem x-beliebigen Gewerbegebiet oder Eigenheimrevier neueren Entstehungsdatums umsehen.

Wenn nun aber die Stuttgarter Architekturgalerie am Weißenhof in ihrer aktuellen Ausstellung kokett fragt „Kann denn Bauen Sünde sein?“, dann deutet schon die Gesangbuch-Typografie des Titels auf dem Plakat an, dass es um eine andere als die ganz normale, triste, alltägliche Bausünde geht, die wir alle gottergeben hinzunehmen gelernt haben. Verhandelt wird der Fall des unseligen Limburger Bischofs – vielmehr: des gewesenen Limburger Bischofs – Franz-Peter Tebartz-van Elst und seiner Kostenexplosionsresidenz, die in den vergangenen zwei Jahren die Medien und die Öffentlichkeit so ungemein in Rage brachte, dass man schon glaubte, der Teufel persönlich müsse an der Lahn der Katholischen Kirche diesen Image-Gau eingebrockt haben. Das ging so weit, dass ein Pfarrer nach einem Fernsehbericht des Hessischen Rundfunks über das neue Limburger Diözesanzentrum den Architekten kreuzigen wollte, wie er Journalisten gegenüber bekannte – in christlichster Näch­stenliebe, kein Zweifel.

Inzwischen ist das Mediengeschrei fast verstummt, die unentwegt empörungs­bereite Volksseele echauffiert sich über andere Skandale. Nur die „Süddeutsche Zeitung“ schaute vor ungefähr einem Monat, als das Bistum die Pforten seiner „Luxus­immobilie“ öffnete, in Limburg vorbei und war sich nicht zu blöd die legendäre Badewanne des Oberhirten großformatig abzubilden. Badewannen sind in der kleinbürgerlichen Fantasie ja zugleich unfehl­barer Grad­messer für Schöner-Wohnen-Träume und die haarsträubende Verschwendungssucht von Würdenträgern aller Art.

Die Badewanne als Inbild der Verschwendungssucht

Und so wurde auch über Limburg kolportiert, dass allein die bischöfliche Badewanne 15 000 Euro gekostet habe. Die stinknormale Wanne – Kostenpunkt 1500 Euro –, die die „SZ“- Reporterin dann tatsächlich vorfand, konnte sie von ihrem Entrüstungswillen über den „skandalös teuren Bischofssitz“ jedoch nicht abbringen, obgleich sie goldene Wasserhähne vermisste, denn immerhin gab es auch noch die „äußerst großzügige Wellness-Dusche und ein Bidet“. Die beleuchteten Treppenstufen wiederum brandmarkte ein Journalist vom „Spiegel“ als „obszön“.

Die Weißenhof-Galerie will mit der Schau nun nicht den „Prunk-Bischof“ rehabilitieren, sondern den Fall Limburg zum Anlass nehmen, „nach dem Umgang mit Architektur im öffentlichen Diskurs zu fragen“. Merkwürdig ist schon, so schrieb die „Süddeutsche“ an anderer Stelle, „welcher Thrill sich mittlerweile mit der sonst so spröden Thematik der Baukosten herstellen lässt“. Täglich explodieren irgendwo Baukosten, ob in Berlin, Hamburg oder Stuttgart, wo nicht nur die Kosten für S 21, sondern – unter anderem – fürs städtische Klinikum aus dem Ruder laufen. Die Ausstellung hält andere Beispiele parat, wie öffentliche Gelder verpulvert werden: Eine Fotoserie von Wilfried Dechau etwa zeigt die Itztal­brücke, die 2005 für 18 Millionen Euro auf der Bahnstrecke Nürnberg-Erfurt errichtet wurde und noch immer auf Anschluss wartet. Zwar nahm der Bund der Steuerzahler die nutzlos in der Gegend herum­stehende und die Landschaft verschandelnde Brücke 2006 in sein Schwarzbuch auf, doch niemand wurde deswegen zur Verantwortung gezogen. Verglichen mit dem Shitstorm, der über den Limburger Bischof niederging, reagiert die Öffentlichkeit auch auf die Fantastilliarden, die etwa der Berliner Flughafen an Mehrkosten verursacht, geradezu passiv.

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4 Kommentare Kommentar schreiben

Bemerkenswert: weil bei den Baukosten nicht nur gelogen, sondern völlig offensichtlich gelogen wurde, ist die steigende Bausumme keine Kostenerhöhung mehr, geschweige denn eine -explosion. Die Argumentationen dieser Branche werden auch immer dreister. - - - Dabei spricht es der Artikel schon an: man muss bei der Wahrheit bleiben. Eigentlich easy und selbstverständlich, doch die Baubranche schafft es einfach nicht mehr. Deswegen gibt es da auch dauernd Theater, nicht weil bauen an sich teuer geworden ist.

schon die . . . .: Römer hatten gut oder schlecht gebaut.

das ist ja alles recht schön und gut: und frau sayah hat auch recht. wir können uns nicht dauernd über die preise aufregen und verlangen, dass alles billiger wird um uns dann über die architektur aufregen. wenn man durch die städte geht und alles so schön hier ruft ist es meist ein gebäude das ein schweinegeld und einige menschenleben gekosten hat. münster, dom, schloss usw. heute werden gebäude schon aus einem grund teurer als vor jahren noch: vorschriften. da rufen alle nach dem brandschutz und die bürokraten in unseren amtsstuben kommen dem gerne nach und dann heult man weil es teurer wird. da schreit jeder nach barrierefreiheit und die bürokraten in unseren amtsstuben kommen dem gerne nach und dann heult man weil es teurer wird. da rufen alle nach der sicherheit und die bürokraten in unseren amtsstuben kommen dem gerne nach und dann heult man weil es teurer wird. ein anderer grund ist die dummheit der bauherren. da wird eine elbphilharmonie geplant und nachdem mit dem bau begonnen wird will man noch einen saal, noch ein paar stellplätzze mehr, noch dieses und noch jenes und hinterher wundert man sich warum es teurer wird. dass die am bau beteiligten sich über so was freuen und sich das teuer honorieren lassen ist klar. was mich aber wieder nervt ist der ewig gleiche hinweis auf die "stadtautobahnen" die rücksichtslos durch historische städte gefräst wurden. ich hoffe frau sayah fährt nie mit dem auto nach stuttgart. warum wurden denn die straßen gebaut? weil man sonst der autos nicht herr wurde. sie waren eine notwendigkeit. ob sie schön sind oder nicht. und die gesichtslose architektur gab es neben der guten architektur schon immer. das ist keine erfindung der neuzeit. und was heißt maßstabslos? wenn nicht irgendeiner begonnen hätte größere und höhere gebäude zu bauen gäbe es heute überall immer noch nur zwei oder dreigeschossige (fachwerks)bauten. wäre das besser als das was wir heute haben? anders ja, aber sicher nicht besser.

Seltsamer Beitrag: Versucht sich da jemand in einer bemühten Ehrenrettung des Borgia von Limburg? Jede Menge Empörungsvokabular zwischen 'woanders wird ja auch Geld verplempert' und 'die Badewanne war ja gar nicht so teuer'. Mich wundert nur, dass der 200.000-Euro-Koi-Teich und die Fußbodenheizung des im Freien liegenden Kreuzganges nicht deutlicher als architektonische Meisterleistung herausgestellt werden ...

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