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Architektur: Vorbild Natur Das Wüstenkäferprinzip

Erik Raidt, vom 17.07.2010 10:38 Uhr
Modell aus Pasta: Boris Rüther und sein erster Entwurf Foto: Zweygarth
Modell aus Pasta: Boris Rüther und sein erster Entwurf Foto: Zweygarth
Stuttgart - Er balanciert mit seinen langen Beinen auf dem Dünenkamm wie ein Artist. Plötzlich reckt er sein Hinterteil gen Himmel, senkt seinen Kopf und wartet auf die Nebelschwaden, die vom Atlantik aus in die Namibwüste ziehen. An diesem Ort, an dem es niemals regnet, ist der schwarze Käfer ein Überlebenskünstler: Feine Tröpfchen verfangen sich in winzigen Furchen auf seinem Rücken, sie vereinigen sich zu immer größeren Wassertropfen, die schließlich hinabrinnen in seinen Mund. Der Käfer trinkt aus dem Nebel und gräbt sich in der Glut der Mittagsstunden in den Sand ein, um sich zu kühlen.

Ein Foto des Wüstenkäfers hängt am Arbeitsschrank von Ilyas Mehmet Ekizoglu in der Stuttgarter Kunstakademie. Der 27-Jährige studiert dort Architektur, so wie zuvor auch in Istanbul. Ekizoglu wuchs in Stuttgart auf, lebte dann in Antalya und in der türkischen Hauptstadt. "Ich weiß, wie sich extreme Hitze anfühlt." Eines Tages ist er auf den Käfer gekommen und hat sich die Frage gestellt: "Was kann ich als Architekt von ihm lernen?" Seine Antwort ist eine Jalousie, an deren Spitze Solarzellen eingebaut sind und deren elastischer Körper eine raue Oberfläche besitzt, die jener des Wüstenkäfers ähnelt. Die Lamellen leiten das gesammelte Wasser schließlich ins Gebäude und kühlen es auf diese Weise im Sommer auf eine angenehme Temperatur herab.

Ein Hotel wird zum Technokaktus


In Ekizoglus Computermodellen überziehen Tausende dieser stabförmigen Lamellen das Hotel am SI-Centrum in Möhringen, das er aufgrund seiner Lage jenseits des Kessels ausgesucht hat. Sie sind so beweglich wie menschliche Muskeln, sie folgen im Verlauf des Tages der Sonne, sie spenden Schatten und entziehen der Luft die Feuchtigkeit. Auf Ekizoglus Flachbildschirm im Arbeitsraum der Kunstakademie ist das Hotel kaum mehr als solches zu erkennen. Mit seinen vom Gebäude abstehenden Lamellen ähnelt es einem Technokaktus.

Ein Dutzend Studenten entwirft in diesem Sommersemester an der Kunstakademie ein Bild von Stuttgart, das dem heutigen Betrachter fremd und vertraut zugleich vorkommt. Im Jahr 2050 wölbt sich über die Gebäude rund um das Neckartor eine Art Fell, das den Feinstaub aus der Luft filtert und den Lärm schluckt. Die Fassade des Kaufhauses Breuninger ist von röhrenförmigen Algen ummantelt, die Energie liefern sollen. Auf der Frontseite des Filmhauses laufen nachts Videoclips. Die dafür nötige Menge an Strom hat es selbst tagsüber produziert. In Stuttgart glitzert ein kleiner Times Square.

Fantasie trifft auf Fakten


Von Donnerstag an können die Besucher in der Kunstakademie am Weißenhof die Architekturideen für übermorgen in einer Ausstellung besichtigen. In der Klasse für digitales Entwerfen von Professor Tobias Walliser trifft Fantasie auf Fakten, Wissenschaft auf wahnwitzig anmutende Einfälle. "Künftig müssen wir uns in den Städten der Frage stellen, wie wir mit unseren alten Gebäuden umgehen", sagt der Architekt. Sein Denkansatz: bestehende Gebäude könnten dereinst bis auf den Rohbau zurückgebaut und mit einer neuartigen "Biohülle" ummantelt werden. Intelligente Fassaden reagieren dabei auf die Umwelt, indem sie beispielsweise aus Wind und Sonne Energie gewinnen. So wie bei einem Gebäude an der Paulinenstraße, das Licht einfängt und dieses in das Untergeschoss einer zuvor düsteren Parkzone weiterleitet.

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