Architekturgeschichte in Stuttgart Requiem für einen Bahnhof
Amber Sayah, 15.01.2012 12:52 Uhr
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Stuttgart - Drei Schlüsselwerke der klassischen Architekturmoderne im deutschen Südwesten hat Stuttgart besessen: die 1927 unter Federführung von Ludwig Mies van der Rohe als Bauausstellung des Deutschen Werkbunds errichtete Weißenhofsiedlung , Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken aus dem Jahr 1928 und den bereits 1911 begonnenen, doch erst 1928 voll­endeten Hauptbahnhof von Paul Bonatz und Friedrich Scholer. Jedes dieser Bauwerke und Ensembles stand und steht exemplarisch für die verschiedenen Facetten des Neuen Bauens, mit dem Deutschland nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs ästhetisch und weltanschaulich zu neuen Ufern aufbrach.

Der Weißenhof ist gebautes Manifest einer „linken“ Avantgarde mit dem internationalen Aushängeschild Le Corbusier , die in dieser Mustersiedlung zum Ausdruck bringen wollte, wie sie sich die Zukunft vorstellte – des Wohnens, der Gesellschaft, des Menschen und überhaupt. Mendelsohns Kaufhaus für die Warenhauskette der jüdischen Unternehmer Salman und Simon Schocken brachte mit seinem gläsernen Treppenhaus­zylinder und den dynamisch geschwungenen Fassaden einen Hauch von Berliner Drive in die damals noch beschauliche Stuttgarter Altstadt. Der Bonatz-Bahnhof schließlich verkörpert die Moderne, die zwischen Traditionalismus und neuer Sachlichkeit zu vermitteln suchte: ein komplexes Raumgefüge mit langen Vertikalen, monumentalen Kuben und einem aus der Mittelachse gerückten Turm – „unschwäbisch heroisch“, befindet der Bauhistoriker Wolfgang Pehnt in seinem Buch über die „Deutsche Architektur seit 1900“, „aber auch malerisch in den Überschneidungen der asymmetrischen Teile“.

Kosmopolitisch und offen für verschiedene Stile

Zusammen prägten diese Bauwerke das Bild einer Stadt, die ihre Provinzialität ­abstreifte und, sich ihrer wachsenden industriellen und damit auch kulturellen Bedeutung bewusst, zu Großem nicht nur entschlossen war, sondern es für dieses eine Mal auch erreichte (und dann erst sechzig Jahre später wieder mit James Stirlings Staatsgalerie). Kosmopolitisch, undogmatisch, offen für verschiedene, zum Teil rivalisierende Einflüsse und Stilrichtungen, so war Stuttgart, als die Moderne losging.

Was ist von dieser Trias geblieben? Die Weißenhofsiedlung wurde im Krieg um die Hälfte dezimiert. Anstelle der zerstörten Häuser von Gropius, Poelzig, Döcker, Hilberseimer, der Taut-Brüder entstanden in den fünfziger Jahren und stehen bis heute banale Neubauten. Als hätte die Stadt im Bombenhagel ihr Gedächtnis verloren, vergaß sie diese einst von ihr selbst gegen starke Widerstände durchgesetzte Ikone des Neuen Bauens, und das gerade als Westdeutschland nach Nazibombast und Blut-und-Boden-Tümelei wieder an die Moderne der zwanziger Jahre anzuknüpfen versuchte. Schwacher Trost: im 2006 eröffneten Weißenhof-Museum im Corbusier-Haus kann man sich angucken, wie ­alles einmal war.

Kommentare (124)
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FEB
01
Hüttenkruscht, 11:50 Uhr

Die Beinahe-Abrissliste Stuttgarts ist leider länger...

Dazu zählt auch das Wilhelma-Theater in der Neckarvorstadt. Sollte eigentlich 1985 nach jahrezehntelangem Verfall abgerissen werden. Zum Glück wurde es in letzter Sekunde erhalten und ist heute der einzige Lichtblick in der ansonsten tristen Ecke. „Verschlimmbesserungen“ gibt’s auch noch. Das Eisenbahnviadukt der Schusterbahn in Münster, einstmals eine schöne Stahlfachwerk-Konstruktion, wurde ebenfalls 1985 gegen eine schnöde und hässliche Beton-Balkenbrücke ersetzt.

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JAN
29
Denkmalschützer, 10:08 Uhr

Vom Desinteresse der Bürger

Abriss als „Ultima Ratio“ hat in Stuttgart eine lange Tradition. Dem Technokraten-Wahn der Stadt ist schon manches herausragendes Bauwerk zum Opfer gefallen, wie sich später herausstellte umsonst: Das Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn wurde für eine schon wenige Jahre danach nicht mehr benötigte Straßenverbreiterung („Querspange“) geopfert, angeblich war der nachträgliche Einbau von Rolltreppen nicht möglich und rechtfertigte den Abriss 1960 zugunsten der breiteren Straße. Selbst der Protest namhafter Architekten aus aller Welt konnte die Stadt nicht davon abhalten. Das Alte Steinhaus, einstmals ältester erhaltener Profanbau der Stadt aus dem 13. Jahrhundert, musste 1953 ein paar Parkplätzen nahe der Stiftskirche weichen. Auch in der im Krieg teilweise beschädigten Weißenhofsiedlung wurde nach dem Krieg ebenfalls munter die Spitzhacke geschwungen, die beschädigten Häuser abgetragen und gegen altbackene Satteldachhäuser ersetzt. Das architektonische Juwel wurde damit nachhaltig entwertet. Den gründerzeitlichen Bürgerhäusern in der Willy-Brandt-Str. war um die Jahrtausendwende ebenfalls keine Zukunft gegönnt. Das Land benötigte den Platz für einen monotonen Verwaltungsbau, der gerade im entstehen ist. Über die Integration der denkmalgeschützten Häuser in den neuen Komplex wurde keine Minute nachgedacht und diese in einer denkwürdigen Nacht-und-Nebel-Aktion im Schutze der Dunkelheit überraschend abgetragen. Das klassizistische Kronprinzenpalais neben dem Königsbau fiel 1956 dem „Planiedurchbruch“, einem überdeckelten innerstädtischen Autobahnkreuz, zum Opfer, welches ebenfalls schon wenige Jahre später grotesk überdimensioniert erschien und für dessen halbwegs erträgliche Kaschierung die Stadt noch Jahrzehnte brauchte. Ebenfalls dem Konzept des sogenannten „Cityrings“ ist der Abbruch der Hohen Karlsschule 1959 geschuldet, einem Bau in der Dimension des Neuen Schlosses, welche mit diesem eine untrennbare Einheit, einen Gesamtkomplex bildete. Dem Fetisch Auto war zu dieser Zeit kein Baudenkmal zu schade und wir können uns heute am sogenannten „Akademiegarten“ erfreuen. Das Neue Schloss selbst sollte eigentlich ebenfalls abgerissen, oder zumindest seinen Seitenflügeln beraubt werden. Heute kaum vorstellbar... Nur die aufgebrachte Bürgerschaft konnte die Stadt stoppen. Wie auch der Jugendstilbau der Markthalle (1973), das Marienhospital (1984) und das Bosch-Areal in den 90er Jahren nur aus selbem Grund dem Abriss entkamen. Andere Bauwerke hatten dieses Glück nicht, wie z. B. die Ruine des Rathauses, die königlichen Gärten und Parks in Stuttgart oder die nach dem Krieg stattfindenden Zerstörungen der noch erhaltenen Stadtviertel. Jetzt ist also der Bonatz’sche Hauptbahnhof und mit ihm der spätwilhelminische Bau der Direktion der Reichsbahn („Bundesbahndirektion“) an der Reihe. Wieder steht ein architektonisches Schlüsselbauwerk zur Disposition, wieder protestieren namhafte Architekten und Denkmalschützer gegen dessen Verstümmelung und wieder zeigt die Stadt, dass sie aus der Geschichte nichts gelernt hat. Statt den neuen Bahnhof denkmalgerecht in den Bestandsbau zu integrieren, reißt man lieber Teile des Altbaus ab und entwertet diesen aus der Sicht des Denkmalschutzes. Neues Opfer gefällig? Nach der (Teil-)Zerstörung dieser Bauten wird es wohl mit dem Abriss des Hotels Silber im Zuge des „DaVinci“-Projekts am Karlsplatz weitergehen. Auch dort scheint es nicht möglich, den denkmalgeschützten Altbau in den Neubau zu integrieren. So verliert die Stadt Zug um Zug ihre Baudenkmale... Unter den Augen ihrer desinteressierten Bürger.

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JAN
22
Thomas Björn, 23:39 Uhr

Karlsruhe, ein mahnendes Beispiel...

Guten Tag! Die News sind in der Tat nicht mehr taufrisch, aber nach wie vor aktuell. In Karlsruhe schafft man es nicht einmal, den Kostenrahmen bei der Tieferlegung einer Straßenbahn einzuhalten, vom Zeitplan ganz zu schweigen. Ist das erst die Spitze des Eisberges? Wie soll das erst mit einem Hauptbahnhof enden? http://www.shortnews.de/id/911884/Karlsruhe-Unterirdische-Strassenbahn-wird-teurer-und-verzoegert-sich Sind bei den vorgesehenen 4,5 Milliarden für S21, auch die dringend angeratenen Verbesserungsvorschläge des Herrn Geißler eingerechnet? Mir ist nicht bekannt, daß diese überhaupt berücksichtigt werden? Ich höre, daß man sich im Schwabenländle immer mehr für das Projekt begeistert, da ja bereits viel Geld investiert wurde und man dann dafür im Baustoppfall "nichts" bekommen hätte… Wie kann man so oberflächlich denken? Nicht viel besser die Argumente von interviewten Stuttgartern im Fernsehem, der Bahnhof sei eben schon zu alt oder es wäre ganz cool, mal was anderes zu haben usw... Ja, solche Argumente sind wirklich cool! Da bleibt mir fast die Spucke weg... Jeder Schwabe weiß doch eigentlich, man soll schlechtem Geld kein gutes hinterherwerfen! Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende! Dieser Schrecken ist schon vorauszusehen, wie Herr Professor Dipl. Ing. Karl-Dieter Bodack anschaulich erklärt hat: http://www.interview-mit-bahnexperte-bodack-zu-stuttgart-21.de Nun ist es doch so gekommen, wie es durch gezielte Fehlinformation des Volkes kommen mußte: Stuttgart verliert einen attraktiven hellen und freundlichen, bestens funktionierenden Bahnhof, der zu Reichsbahnzeiten schon mehr Züge abgefertigt hat, als es der U-Bahnhof jemals schaffen wird, von Betriebsstörungen gar nicht erst zu reden. Streßtest hin oder her, jeder kann sich an einer halben Hand abzählen, was dort wie getestet wurde... Hier ist es sogar sehr ausführlich erklärt, die Bahn hat gegen ihre eigenen Richtlinien verstoßen und das Ergebnis bewußt verfälscht: http://www.wikireal.org/wiki/Stuttgart_21/Stresstest Die Deutsche Bundesbahn hatte dieses Projekt längst verworfen, da es für den Bahnbetrieb keine Vorteile bringt, vielmehr handelt es sich um einen genehmigungspflichtigen Rückbau an Eisenbahninfrastruktur! Inzwischen gibt es keinen Bundesbahnpräsidenten mehr, sondern Industriekapitäne leiten die Deutsche Bahn AG, was zu sehr bizarren Stilblüten führt… Stuttgart sieht in der Tat aus, wie aus zig „Parkhäusern“ wieder hergestellt. Sehr treffend las ich diese Formulierung in einem Zeitungsbericht. Nun werden auch noch die wenigen Überbleibsel einer architektonisch deutlich anspruchsvolleren Zeit vernichtet: Es ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, daß auch das ehemalige Reichsbahn Direktionsgebäude der neuen Verkehrsführung weichen wird! Ein stadtbildprägendes, sehr ansehnliches Gebäude! Aber das spielt keine Rolle, denn der Europareisende, auf der „ wichtigen Magistrale Paris-Budapest" (oder war es Bratislava?), wird gar nicht bemerken, daß er Stuttgart bereist denn –er sieht nämlich nichts mehr davon! Das ist wirklich ein Fortschritt! Alles in allem ist es eine Schande für Stuttgart! Es ließen sich noch Seiten füllen, mit diesem Thema, der anzuschließenden Neubaustrecke, den Zuschüssen für dieses „europäische Projekt“, entstehende Arbeitsplätze usw. Wenn man aber schlußendlich alles genau analysiert, kalkuliert, die dargebotenen Alternativen berücksichtigt und den gesunden Menschenverstand walten läßt , bleibt nicht ein einziges sinnvolles (hierauf liegt die Betonung) Argument für einen Umbau der Bahnanlagen in Stuttgart! Unter dem Strich wird uns eine unterdimensionierte U-Bahnstation aus Beton dort hingegossen, es bereichern sich die Industriellen und Lobbyisten an Steuergeldern und wir sollen das alles auch noch toll finden! Nicht zu vergessen der wunderbare neue Stadtteil, auf dem ehemaligen Gleisfeld: Der wird sehr warmherzig und einladend, eine Oase für die baustellengeplagten Bürger Stuttgarts! Ein Traum aus Beton! Oder habe ich das mit dem abzuholzenden Schloßgarten verwechselt?! Armes Deutschland!

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