Armenien-Genozid „Das Kapitel gehört in die Geschichtsbücher“

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Vor 100 Jahren begann der Genozid in Armenien. Der Autor Martin von Arndt aus Markgröningen hat aus dem Stoff einen packenden Politthriller gemacht.

Martin von Arndt würzt in seinem Thriller Fakten mit Fiktion. Foto: factum/Granville
Martin von Arndt würzt in seinem Thriller Fakten mit Fiktion. Foto: factum/Granville
Womöglich sind beim Völkermord des Osmanischen Reiches an den Armeniern 1,5 Millionen Menschen ums Leben gekommen. In türkischen und deutschen Geschichtsbüchern fehlt dieses Kapitel oft. Der Markgröninger Schriftsteller Martin von Arndt erzählt die Geschichte mittels eines Politthrillers neu und wurde dafür kritisiert. Allerdings weniger von Türken, sondern vielmehr von Armeniern – und Deutschnationalen.
Herr von Arndt, wurden Sie wegen Ihres Romans „Tage der Nemesis“ schon von nationalistischen Türken angegangen?
Nein, zum Glück nicht.
In Ihrem Vorwort versichern Sie dem Leser, dass Ihr Politthriller kein antitürkisches Buch ist. Offenbar mit Erfolg.
In Heilbronn wurde einmal bei einer Lesung im Rahmen einer Reihe von Armenien-Genozid-Lesungen eine Gegendemo angekündigt. Das blieb aber harmlos. Es gab eher Kritik von liberalen Türken, die sagen, das damalige Regime sei zu gut weggekommen. Am meisten hat mich aber die Reaktion der Armenier überrascht.
Inwiefern?
Eine armenische Jugendzeitschrift hat den Vorwurf erhoben, das Buch sei nicht pro-armenisch genug. Ich wollte auf die Mails antworten, aber offenbar war man nicht an einem Dialog interessiert – mein Absender wurde geblockt. Es gab allerdings auch auch positive Reaktionen von Armeniern.
Und von Deutschen?
Nach einer Lesung wurde ich von einem älteren Herrn – ich würde sagen: ein Deutschnationaler – aufs Übelste beschimpft. So nach dem Motto: ihr von der jüngeren Generation müsst endlich auf­hören, euer Land mit Dreck zu bewerfen!
Beim Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren sind Hunderttausende oder gar weit mehr als eine Million Menschen getötet worden. Wie kamen Sie darauf, aus dem Stoff einen Roman zu machen?
Streng genommen war das ein Zufall. Ich habe mich bei einer Internetsuche vergoogelt. So stieß ich auf den Namen Soghomon Tehlerian. Er gehörte zu der Gruppe Nemesis, die Vergeltung für den Völkermord üben wollte. Kurz darauf habe ich zwei türkische Freunde getroffen, die haben mir den Stoff wärmstens empfohlen.
Und warum ein Politthriller?
Mich hat die Frage beschäftigt, ob es so etwas wie legitimen Terrorismus, im Sinne einer Reaktion auf Staatsterror, geben darf – so habe ich Nemesis, die armenische Untergrundorganisation, entdeckt. Der ideale Stoff für einen Politthriller.
Und wie lautet Ihre Antwort?
Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Aber ich denke schon: man weiß nicht, was passiert wäre, wenn die Verantwortlichen für den Völkermord damals wirklich zur Rechenschaft gezogen worden wären. Fakt ist: die damaligen politischen Machthaber wurden zwar zum Tode verurteilt, aber durchweg in Abwesenheit. Fast alle sind nach Deutschland geflohen.
In Ihrem Buch spielt das deutsche Auswärtige Amt eine alles andere als ruhmreiche Rolle. Die Beamten versuchen alles, die Ermittlungen Ihres Kommissars zu torpedieren. Wie viel daran ist Fiktion?
So gut wie nichts. Mein Verlag spricht bei meiner Methode gerne von „Doku-Fiction“. Große Teile des Buches basieren auf realem Material. Das Verhör des Atten­täters Soghomon Tehlerian zum Beispiel habe ich zum Teil wörtlich aus seinen Äußerungen zusammengesetzt, die er damals vor Gericht gemacht hat. Meine eigenen Dialoge hätte ich sonst anders geschrieben.
Woher hatten Sie Ihr Material?
Einer meiner türkischen Freunde hat mich mit Material eingedeckt. Zum Beispiel die Memoiren zweier Nemesis-Aktivisten. Dann gab es noch enorm viele Unterlagen im Berliner Kripo-Archiv.
Gerade in Deutschland weiß kaum jemand von den Geschehnissen damals. Würden Sie dem Thema mehr Öffentlichkeit wünschen?
Ich finde schon, dass das ein Kapitel oder einen Absatz in den Geschichtsbüchern wert wäre. Die Information, dass Deutschland für den größten Völkermord aller Zeiten verantwortlich ist und zugleich maßgeblich am womöglich zweitgrößten beteiligt war, halte ich für vermittelnswert. Es gab damals Meldungen deutscher Agenten in der Türkei, die Alarm schlugen. Und selbst Talaat, einer der damals führenden Köpfe in der Türkei, hat gesagt: wenn aus Deutschland ein Signal gekommen wäre, dass wir aufhören sollen, hätten wir auf­gehört. Aber es kam nichts.
Sie arbeiten gerade am Nachfolgebuch. Können Sie uns schon etwas verraten?
Vielleicht so viel: das Buch spielt direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Es geht um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen der Wehrmacht und die Jagd auf die Täter. Die drei Hauptprotagonisten aus „Tage der Nemesis“ tauchen, 30 Jahre später, wieder auf. Natürlich in veränderten Positionen.