Armin Petras inszeniert Kroetz’ „Bauern Sterben“ in München Hänsel und Gretel in der Großstadt

Roland Müller, 06.05.2013 10:27 Uhr

Stuttgart - Großmutter ist tot. Nackt liegt sie auf dem Küchentisch und wird von der Mutter gewaschen, rasiert und gekämmt. Die Tochter hilft ihr beim Herrichten der schönen Leiche, zuckt dabei aber mal kurz zusammen und greift sich zwischen die Beine. „Sie hat einen schnellen Abortus“, heißt es dazu lapidar in der Szenenanweisung, ruckzuck verliert die Tochter also ihr Kind und stopft es hinter dem Rücken der Mutter in den von „Würmern geöffneten Bauch der Großmutter“. Und weg ist das Menschlein, ohne dass die Tochter deshalb ein schlechtes Gewissen hätte. Im Gegenteil: „Von einem Bauch in den andern, das ist schön“, sagt sie zärtlich, „du brauchst gar nicht auf die Welt. Der Umweg bleibt dir erspart“ – eben dank der toten, von Parasiten schon angenagten Oma, die das aus dem Mutterleib gestürzte Kind definitiv vor der Erdenhölle bewahrt.

Das ist Kroetz. Franz Xaver Kroetz, wie er leibt und lebt und in den siebziger, achtziger Jahren mit Provokationen durch die Theater gefegt ist. Sein kruder Naturalismus hat ihn damals national und international zu einem der wichtigsten und produktivsten Dramatiker gemacht. Weltweit jagte der bayrische Kraftkerl eine Schockwelle nach der anderen über die Bühne, er war ein Berserker von Gottes Gnaden und blies dem Kapitalismus mit sozialkritischem Volkstheater den Marsch. Und heute? Heute ist der 1946 in München geborene Autor mit seinen wuchtig rohen Stücken noch immer in den Theatern vertreten. Und das ist gut so, ohne Zweifel, denn auf ein Kaliber wie ihn können wir nicht verzichten. Trotzdem sollte ein Regisseur, der in diesen Tagen etwas von Kroetz inszenieren will, zuvor schon prüfen, welchem Abenteuer er sich da im Einzelnen ausliefern wird.

Katholisch, kommunistisch, schwer verdaulich

Armin Petras hat diese eingehende Prüfung nun grob vernachlässigt. In den Münchner Kammerspielen bringt der designierte Stuttgarter Schauspielintendant „Bauern Sterben“ auf die Bühne, das Stück mit der wurmstichigen Oma, das aus der mittleren, nur schwer verdaulichen katholisch-kommunistischen Schaffensphase des Dramatikers stammt. Kroetz selbst war es, der das „dramatische Fragment“ 1985 uraufgeführt hat, just am gleichen Ort wie jetzt Petras. Doch was dem Autor & Regisseur vor fast dreißig Jahren noch halbwegs glückte, nämlich die symbolische Erhöhung von Einzelschicksalen, die er umweglos in mythisch christliche Höhen katapultiert, das missglückt seinem Nachfolger auf dem Regiestuhl heute in aller Gründlichkeit. Im Werkraum der Kammerspiele gewinnt man den Eindruck, dass Petras mit Stück und Stoff nicht viel anfangen kann – und dass ihm diese so bittere wie traurige Erkenntnis leider erst kam, als er schon mitten in den Proben steckte. Dann aber war es für eine Umkehr zu spät. Aus dem „Bauern Sterben“ wird in München deshalb auch ein grelles Stückesterben.

Von Kroetz jedenfalls bleibt bei Petras nicht viel mehr übrig als die schlichte Grundidee: Weil der Vater nach dem Tod der Großmutter den Hof nicht an die Kinder weitergeben will, verlassen sie erbost das Dorf. Wie Hänsel und Gretel ziehen Bruder und Schwester in die weite Welt, wobei sie sich nicht im nachtfinsteren Wald, sondern in der neonhellen Stadt verirren. Aber auch diese Stadt entpuppt sich als böse Hexe, als gefährliches Ungeheuer und menschenfressender Moloch, der Brüderlein und Schwesterlein am Ende heillos verwüstet wieder ausspuckt. „Bauern Sterben“ ist mithin ein grimmiges Märchen, welches das „Schicksal von Flüchtlingen darstellen“ will, wie Kroetz in seiner Vorrede schreibt – und dankbar greift man diesen Hinweis auf, denn die rätselhafte Inszenierung selbst lässt ein Ausdrucksziel nur schwerlich erkennen. Das „dramatische Fragment“ des Autors, es wird vom Regisseur im Schummerlicht noch weiter fragmentiert zu einem Haufen postdramatischer Bruchstücke.

Da aber, in postdramatischen Methoden der Dramenzerlegung, kennt sich Armin Petras bestens aus. Sein Handwerk versteht er wie kaum ein zweiter, weshalb es in diesem Kroetz auch Szenen gibt, die nicht in die Grütze gehen. Große Dienste erweist ihm dabei das einfache, aber starke Effekte ermöglichende Bühnenbild von Olaf Altmann. Im Werkraum ragen nichts als Metallstangen in die Höhe, ein Wald aus Eisen, durch den sich Brüderlein und Schwesterlein schwingen, als wären sie Tarzan und Jane. Und wenn sie sich in die Großstadt geschwungen haben, verwandelt sich der Stangendschungel tatsächlich auch in das Gerüst eines Rohbaus, in dem die Dorfkinder vegetieren – und zwar derart erbärmlich, dass sich die Schwester als Hure und der Bruder als Zuhälter verdingen muss. Vor diesem Schicksal rettet sie auch Jesus nicht, den die beiden Flüchtlinge ständig mit sich führen: bei Kroetz noch als kleines Holzkreuz, bei Petras indes als mächtig fleischgewordener, sehr agiler und nur mit einem Lendenschurz bekleideter Erlöser.

Blasphemisches Spiel

Erlöser? Petras lässt den von Lasse Myhr gespielten Messias wie einen Kobold durch den Stangenwald turnen, gerade so, als wäre er Shakespeares Puck, der mit den Liebenden im Athener Wald flinken Schabernack treibt. Und weil auch der kroetzsche Heiland jene narrt, die an ihn glauben, gehört das blasphemische Spiel mit dem „Sommernachtstraum“ zu den gelungenen Einfällen des Regisseurs, der ansonsten ganz auf seine Routine setzt. Wie so oft lässt er die Darsteller auch jetzt wieder unvermittelt aus ihren Rollen fallen, um das leibhaftige Spiel mit erzählten Spielberichten zu unterbrechen. Und wie so oft arbeitet er auch wieder mit einem live beigesteuerten Soundtrack, einer im Hintergrund flimmernden Videowand und einem exzellenten, hier nun sechsköpfigen Ensemble. Neben Lasse Myhr sind das Ursula Werner, Michael Tregor, Thomas Schmauser, André Jung und – vor allem – dessen Tochter Marie Jung: Hellwach und neugierig geht sie als Bauernmädchen in die Welt, mit einer strahlenden Präsenz auch dann, wenn sie selbst gar nicht mehr im Spiel sein darf, sondern ihren Mitspielern nur noch zuhören muss. Und wenn sich ihre Naivität dann in goldglitzernde Laszivität wandelt, liegt das Wunder der Verwandlung darin, dass sie auch als Prostituierte ihre schöne Unschuld nicht verliert.

Die tolle Marie Jung ist die Entdeckung des Abends. Sie ist eine Reise in die Kammerspiele wert – und nicht Armin Petras, der sich mit bewährten Tricks irgendwie durch das düster verzettelte Flüchtlingsdrama von den sterbenden Bauern wurschtelt. Die unvollendete Regie des bekennenden Workaholics wirkt so, als wäre sie noch in der Werkstatt – und man kann nur hoffen, dass sich der Eindruck von halb fertigen Inszenierungen nicht fortsetzt, wenn er im Herbst sein Amt in Stuttgart antritt. Als Intendant und Regisseur am Eckensee muss Petras schon ganze Arbeit leisten, um das Publikum für sich zu gewinnen. Mit den Proben für seine erste Saison beginnt er Anfang September. Die Saison selbst soll Ende Oktober im dann – hoffentlich – funktionsfähigen Schauspielhaus eröffnet werden. Bleiben also acht Wochen, um ein mit Bedacht gewähltes Stück von A bis Z mit Sorgfalt zu inszenieren . . .