Armut in Stuttgart Ein Fünftel der Stuttgarter armutsgefährdet

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Ein Fünftel der Stuttgarter ist armutsgefährdet – gemessen am gesellschaftlichen Umfeld. Bei den Langzeitarbeitslosen bewegt sich wenig. Ein wachsendes Problem ist außerdem die Armut im Alter.

Bei Evas Tisch gibt es das ganze Jahr über ein warmes Mittagessen. Auch wenn die Vesperkirche auf hat, bleibt das Angebot geöffnet. 
Archivfoto:Michael Steinert Foto:  
Bei Evas Tisch gibt es das ganze Jahr über ein warmes Mittagessen. Auch wenn die Vesperkirche auf hat, bleibt das Angebot geöffnet. Archivfoto:Michael SteinertFoto:  

Stuttgart - Die Wirtschaft in Stuttgart brummt. Doch es gibt in der Stadt viele tausend Menschen, an denen der Wohlstand vorbei geht. Am Sonntag startet die Vesperkirche in der Leonhardskirche, die den Fokus auf die Armen in Stuttgart richtet. Eines ist schon jetzt sicher: die Vesperkirche muss sich auch diesmal nicht über mangelnden Zuspruch sorgen.

„Ich habe das Gefühl, dass Armut in Stuttgart eher zu- als abnimmt“, sagt der Sozialdiakon der Evangelischen Gesellschaft, Peter Mayer. Als Leiter der Stadtmission ist er unter anderem für „Evas Tisch“ zuständig, einem ganzjährigen Mittagstisch für sozial Schwache. „Wir kommen an unsere Grenzen“, sagt Mayer. Die Besucherzahlen stiegen. Sie würden das Angebot – bis auf eine zweiwöchige Schließzeit – während der Vesperkirche auch nicht herunterfahren.

Die Schere geht auseinander

„Armut heute hat auch etwas mit dem Gefühl zu tun, nicht dazu zu gehören“, sagt der Sozialdiakon. Tatsächlich geht die soziale Schere in Stuttgart weit auseinander. Gemessen am Durchschnittseinkommen in der jeweiligen Großstadt ist die Armutsgefährdungsquote in keiner anderen Großstadt größer ist als in Stuttgart. Sie liegt laut Statistischem Landesamt bei 20,4 Prozent, in Dortmund nur bei 14 Prozent. Wobei der Wert in Stuttgart deshalb so hoch ist, weil es so vielen Menschen besonders gut geht. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Nimmt man das bundesweite Durchschnittseinkommen, schneidet Stuttgart besser ab, dann liegt die Armutsgefährdungsquote bei 15,2 Prozent, in Dortmund bei 25 Prozent. Die Frage ist nur, womit man sich eher vergleicht: mit dem eigenen Umfeld oder dem Bundesdurchschnitt.

Auch bei der Caritas weist man darauf hin, dass ein signifikanter Teil der Bevölkerung in Stuttgart inzwischen abgehängt ist. „Es gibt einen Sockel an Langzeitarbeitslosen – das sind Personen, die kommen da auch nicht mehr raus“, sagt der Bereichsleiter Arbeit bei der Caritas, Edgar Heimerdinger. Laut dem Stuttgarter Jobccenter ist die Zahl der sogenannten Bedarfsgemeinschaften, die von Hartz IV leben, tatsächlich im Jahresvergleich stabil. „Die Konjunkturlage kommt nicht unbedingt bei den SGB II-Leistungsberechtigten an“, so der Jobcenter-Sprecher Christopher Haag. Aktuell bezögen 39 497 Stuttgarter, die in 21 535 Bedarfsgemeinschaften leben, Hartz IV, darunter seien 10 552 Kinder unter 15 Jahren. Die Bonuscard haben noch weit mehr, nämlich 66 000 Stuttgarter.

Situation in der Notübernachtung ist angespannt

„Es gibt immer mehr Menschen in der Stadtgesellschaft, die man als arm bezeichnen muss“, sagt auch der Sozialamtsleiter Stefan Spatz. Ein Beispiel ist die Winternotübernachtung. Vor fünf Jahren reichten 59 Plätze, nun seien es 89 Plätze, aufgeteilt auf drei Unterkünfte. Für die nächste Wintersaison plane man, zusätzlich zur Hauptunterkunft in der Hauptstätter Straße eine weitere große Notübernachtung mit 50 Plätzen einzurichten. „Wir haben eine sehr angespannte Situation“, sagt Spatz.

Ein weiteres Beispiel: die Zahl der Fürsorgeunterkünfte sei im vergangenen Jahr gestiegen, aktuell lebten 1121 Personen nach einer Räumung in solch einer Unterkunft. „Es gibt mehr Menschen, denen gekündigt wird, weil sie in finanzieller Not sind“, sagt Spatz. Insgesamt gibt es 3501 Plätzen in der Wohnungsnotfallhilfe.

Die Altersarmut steigt

Drittes Beispiel: die Altersarmut. Immer mehr Menschen reicht ihre Rente nicht aus. Bei Menschen ab 65 Jahren sei die Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter und Hilfe zum Lebensunterhalt zwischen 2009 und 2013 um 15 Prozent angestiegen. Das Problem: oft schämten sich die Menschen. Spatz spricht von einer „Armut im Verborgenen“. Über die 34 Begegnungsstätten für Senioren versuche man, die Betroffenen zu erreichen.

Dazu passt eine Geschichte, die Peter Mayer erzählt. Vergangenes Jahr habe er eine gut gekleidete Dame angesprochen, sie könne gerne bei Evas Tisch essen, nur eben für den regulären Preis. Die Frau zeigte ihre Bonuscard und sagte, dass sie am Essen spare, um sich Kleidung zu leisten. Damit man ihr die Armut nicht ansieht.

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16 KommentareKommentar schreiben

Beschwerdebollen: Mich wundert bei solchen Kommentaren Ihrerseits nichts mehr! Sie machen sich über anders denkende Menschen die ihre Meinung kund tun lustig , warum motzen Sie unaufhörlich in jedem Artikel ? Sie sollten sich mal Gedanken über ein miteinander machen , mir kommt es manchmal so vor als würden Sie keine Richtung haben sondern nur eine geschwollene Meinung die nichts mit der Gegenwart gemein hat.

Ach so, wenn ich Partei für Alte und Kranke ergreife und polarisierend frage, ob man nicht auch mal mit gleicher Hingabe gegen Armut in unserer Mitte protestieren könnte, bin ich ein Beschwerdebollen, motze und mache mich lustig?? Wenn ich mich über was lustig mache, dann höchstens über Ihre komischen Kommentare. Aber selbst dazu ist mir die Zeit zu schade. Und noch was: meine Meinung hat vielleicht mehr mit Gegenwart und Realität zu tun als es Ihnen und manchen anderen recht ist. Denn ich gehe mit offenen Augen durchs Leben und träume nicht nur herum.

??????????: Herr Reichert wie kommen Sie darauf, dass ich Sie meine mit "Beschwerdebollen"?

Herr Moses, wen meinen Sie denn sonst, wenn nicht mich? Sie schreiben mit 3 Tage Abstand unmittelbar hinter meinem Beitrag wörtlich: "bei Kommentaren Ihrerseits", "Sie machen sich lustig", "warum motzen Sie", "Sie sollten sich mal" und "mir kommt es manchmal vor als würden Sie" ...! Ja wen meinen Sie denn dann, wenn nicht mich??? Das Thema Altersarmut ist viel zu ernst, um darüber zu streiten. Falls Sie aber wirklich nicht mich gemeint haben sollten, wäre es gut, Sie würden künftig klarer formulieren, wen Sie mit "Sie" und Ihren gezielten Vorwürfen meinen. Für diesen Fall möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen.

Wie sieht es eigentlich mit der WILLKOMMENSKULTUR für unsere Armen und Alten aus, die schon lange bei uns leben? Sind sie genauso willkommen wie andere, von denen Politiker so gerne reden? Oder sind sie inzwischen nur noch Randerscheinung unserer Gesellschaft, die man zur Kenntnis nimmt? Wo bleiben die Stimmen unserer Politiker zu diesem wichtigen sozialen Thema? Wo sind die ganzen Politiker, die es bis soeben noch so wichtig hatten, sich bei jeder bietenden Gelegenheit zu Willkommenskultur & Co. zu äußern und ganz vorne am Rednerpult große Reden zu schwingen? Oder ist das Thema "Arme und Alte" vielleicht doch nicht ganz so populär und geeignet, sich damit in Szene zu setzen? Wo sind die ganzen Berufsprotestierer, die gegen S21 und gegen Pegida jeden Tag auf der Straße stehen? Geht diese Klientel auch mal für unsere Armen, Alten und Kranken auf die Straße? Ich bin der StZ sehr dankbar, dass sie dieses Thema aufgreift, wenn es schon unsere Politiker nicht tun. Das Thema Arme, Alte und Kranke in unserer Mitte ist mindestens genauso wichtig wie viele andere Themen. Und es sollte nicht nur während der Vesperkirche mal kurz andiskutiert und wieder vergessen werden.

Es hindert Sie niemand: Wenn Sie es für wichtig halten, warum gehen Sie dann nicht selbst für die Armen und Alten auf die Strasse. Das macht doch die Demokratie aus - jeder engagiert sich dort, wo er es wichtig und richtig hält. Arm ist allerdings zuhause zu sitzen und den anderen vorwerfen Sie würden nichts tun.

Aus Ihrem Kommentar lese ich raus, dass Sie das wohl nicht für so wichtig halten. Und noch was: ich habe in meinem Leben schon sehr vieles aktiv ehrenamtlich für Randgruppen unserer Gesellschaft getan, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und zwar draußen vor Ort, nicht vom warmen zuhause aus. Da müssen Sie schon früher aufstehen, wenn Sie mir Vorwürfe machen wollen. Zuletzt: ich würde für Arme und Kranke auf die Straße gehen, sogar wenn es Politiker organisieren würden, denen ich sonst nichts glaube.

Unverschämter und frecher geht Antworten nicht mehr!: Frage: Warum gehen Sie liebe Frau Haensch nicht voran, anstatt hier dumme Reden zu schwingen und bissige Kommentare zu tippen? Gehört die Randbevölkerung nicht mehr zu uns? Kann und muss uns, angetrieben von einer krankhaften Ignoranz, alles egal sein? Outsourcing bei jenen, die keine Luft mehr zum Atmen haben! Finden Sie das tatsächlich gut? Es kann und darf uns nicht egal sein und ich schwöre Ihnen, das wird noch ein bitterböser Boomerang für uns alle. Glauben Sie mir. Trotzdem ganz offen, ehrlich und zwischenmenschlich gut gestrickt und anständig erzogen wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben ein geruhsames Wochenende. Ihr Motzkigele

Krude Logik: Mir tun die Armutsgefährdeten, lt. Statistik über 100 000, viel zu sehr leid, als dass ich mich auf ihre Kosten profilieren wollte, indem ich die S21-Gegner auffordere, auch gegen Armutsgefährdung zu protestieren, sintemal, wenn man es denn verstanden hat, die S21-Gegner gerade gegen die sinnlose Verschwendung von Geld durch das Milliardengrab S21 demonstrieren und somit auch mittelbar für die Ärmeren im Lande.

Sie glauben, bei Verzicht auf S21 würde auch nur 1 Euro bei den Armen landen?? Das Geld wäre schneller für Anderes verplant, als Sie kucken können. Das wirkliche Problem ist, dass Arme und Kranke keine Lobby haben und man sich als Politiker damit nicht profilieren kann.

Ich warte nur noch auf den Tag,: andem die Armen in der Bärenhöhle eingemauert werden, damit das reiche Klientel endlich tief durchatmen kann und das neue Schuttgart genießt. Junge, Junge, was für abgespeckte, gefühlslose Zeiten, in denen wir alle leben und viele sich sauwohl fühlen. Ist das abstoßend. Gruß vom Motzkigele

Die Würde des Menschen,...: ist in spät. 20 Jahren auf hohem Minuszins in der gesellschaftlichen Wohlstandsbeteiligung des Einzelnen nach dem Motto wer den größten Ellenbogen hat kommt noch ins Seniorenstift. Ich rufe die Jahrgänge 1955 bis 1965 auf sich einer Volksabstimmung zu Grundrente, Grundeinkommen und umlagefinanzierten Generationenvertrag (Rente) hinzuwenden und diese Abstimmung in Berlin einzufordern. Hier wurden in den letzten Jahre zig Milliarden durch die regierende Politik zweckentfremdet. Wir haben noch Jahre diese Anträge ausserparlamentarisch auszuformulieren. Wenn wir schon TTIP, TISA oder CETA nicht verhindern werden, wird uns der Weg zu dieser Abstimmung die Augen über unsere Demokratie weit öffnen.

Moment bitte!: Für TTIP, TISA und CETA ist es nicht zu spät! Sie haben recht mit umlagefinanzierter Rente etc. pp., aber vorher müssen TTIP und die anderen antidemokratischen Vorhaben verhindert werden, sonst, glaube ich, macht auch die beste Rente keinen Spaß mehr.

dieses Archivfoto: tut mir in der Seele weh. Aber für so einen bescheuerten Bahnhof sind Milliarden da. Das ist einfach bloss krank.

Ironie an: Sehen sie...: Frau Wohlfahrt, für Ohnmacht und Verzweiflung haben wir hier bei uns im Abendlande die christlichen Kirchen und die Leserspalte für Kommentare. Beides hat Beichtstuhlcharakter. Sie können sich erleichtern, bekommen zielgerichteten Trost bis Absolution aber sonst bleibt "draußen in der realen Welt" partout irgendwie alles beim alten. Ironie aus. Wenn Sie mit "bloss krank" unsere kapitalpolitisch gesteuerten "Eliten" meinen, komme ich nicht umhin, mir Applaus zu überlegen. Schönes Wochenende allen hier und bleiben Sie dran.

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