Armut in Vancouver Im Schatten der Spiele
Gerd Braune, 12.02.2010 12:11 Uhr
Ein Obdachloser in Vancouver Foto: dpa
Ein Obdachloser in Vancouver Foto: dpa
Vancouver - Der Plastiksack mit den leeren Dosen und Flaschen über seiner Schulter weist Stephen als einen "binner" aus, wie in Vancouver die Menschen genannt werden, die die Mülltonnen durchwühlen. Stephen ist unterwegs zum Verein United We Can in Stadtteil Downtown Eastside, dem sozialen Brennpunkt Vancouvers, wo er für sein Sammelgut Pfand kassieren wird. "Ich mache das, um zu leben", sagt er. "Seit vielen Jahren." Sein zerfurchtes Gesicht wird von einem Vollbart bedeckt, er sei 55, sagt er und registriert den fragenden Blick seines Gegenüber. "Du glaubst mir nicht? Ja, ich sehe älter aus. Ich rauche viel", sagt er. Stephen sieht wie 70 aus. Pro Tag füllt er drei bis vier Säcke. 15 bis 20 Dollar kann ein Sack bringen, an guten Tagen macht er bis zu 60 Dollar. Wo er nachts schlafe? "Auf der Straße. Ich mag diese Unterkünfte nicht, wo viele in einem Raum schlafen.

"Vancouver, der Ort der Olympischen Winterspiele, ist eine wohlhabende Stadt. Aber vom Touristenzentrum Gastown oder den gläsernen Hochhäusern, in denen sich die Wolken spiegeln, ist es nicht weit nach Downtown Eastside. Dies ist "Kanadas nationaler Slum", der jetzt der Weltöffentlichkeit nicht verborgen bleiben wird. Hier sind Armut, Drogensucht und Prostitution allgegenwärtig. Hier artikuliert sich der Protest gegen die zweiwöchigen Olympischen Spiele.

Als Kontrast zum offiziellen Fackellauf organisierten Sozialverbände in British Columbia ihren "Armutsfackellauf" mit Maskottchen, die anders sind als die Olympiafiguren: Itchy, die Bettwanze, Creepy, die Kakerlake, und Chewy, die Ratte. "Wir wollen die Botschaft verbreiten, dass unsere Regierung die Armut stoppen könnte. Wir hoffen, dass die Besucher erschüttert sind über das, was sie hier sehen", sagt Wendy Pedersen, eine der Organisatoren.

Die Aids- und Hepatitis-C-Rate ist hoch


Einer Bestandaufnahme von 2008 zufolge leben 1600 Menschen im 600.000 Einwohner zählenden Vancouver auf der Straße. Die mit Habseligkeiten gefüllten Einkaufswagen, die sie mit sich ziehen, sind ihr ganzer Besitz und - wenn man eine Decke darüberlegt - ihr Haus. Seit 2008 wurden, wie die "Vancouver Sun" berichtet, 750 Dauerbetten geschaffen, ferner 500 Betten in vorübergehenden Unterkünften, die aber am 30. April, also einige Wochen nach den Spielen, möglicherweise wieder geschlossen werden.

Wegen des milden Klimas zieht Vancouver im Winter Obdachlose aus ganz Kanada an. Der für sozialen Wohnungsbau zuständige Provinzminister Rich Coleman sagt, man habe in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Aber die hochgesteckten Ziele, die das olympische Organisationskomitee Vanoc mit Sozialverbänden formulierte, werden nicht erfüllt. Zwar wurden heruntergekommene Mietshäuser von der Stadt aufgekauft und renoviert, ein direktes Vermächtnis der Spiele im sozialen Wohnungsbau ist jedoch nicht zu erwarten. "Wir haben eine Chance vergeben", sagt David Eby von der Bürgerrechtsvereinigung British Columbias.

East Hastings heißt die Straße, die durch Downtown Eastside führt. Es ist das Gebiet, dessen Postcode mit V6A beginnt. "Der Postcode steht für das ärmste Gebiet British Columbias", erklärt Eby. 5000 Drogenkonsumenten leben hier, die Aids- und Hepatitis-C-Rate ist hoch. Auf der Straßen sitzen oder laufen auffallend viele Menschen mit Behinderungen und Ureinwohner. "Needle Boxes" sind aufgestellt, wo Süchtige ihre Nadeln entsorgen können. Ein Paar geht vorbei, sie mit bunten Pumphosen und Pferdeschwanz. Im Gehen setzen sie sich Spritzen.

In der East Hastings, Hausnummer xx, steht das Insite, der einzige zugelassene Ort in Kanada und den USA, wo Drogenabhängige in einem hygienischen Umfeld und mit medizinischem Personal in der Nähe ihre Drogen spritzen können. Vor zwölf Jahren gab es noch bis zu 370 Drogentote jährlich in Vancouver, mit dem Insite ist die Todesrate drastisch gesenkt worden. Es wird von der Polizei Vancouvers, von der Stadt, der Provinz und dem kanadischen Ärztebund unterstützt, nicht aber von der konservativen Bundesregierung unter Stephen Harper. Die Konservativen wollen das Insite stilllegen. Als der Premier am Mittwoch in Vancouver eintraf, ist er mit Protestplakaten begrüßt worden: "Hunderte werden sterben, wenn Insite geschlossen wird!"
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