Artenschutz Teurer Blick in den Nistkasten

Für den Schutz von Fledermäusen und Vögeln kalkuliert die Bahn beim Projekt Stuttgart 21 mit einer halben Million Euro. In einem Interview denkt derweil Staatssekretär Klaus-Peter Murawski (Grüne) über den Stellenwert von Artenschutz nach.

Als Ausgleichsmaßnahme für S21 hat die Bahn Nistkästen aufhängen lassen müssen. Foto: Deutsche Bahn
Als Ausgleichsmaßnahme für S21 hat die Bahn Nistkästen aufhängen lassen müssen.Foto: Deutsche Bahn

Stuttgart - Dank der Auseinandersetzung über den neuen Durchgangsbahnhof bei Stuttgart 21 kennt die Republik nicht nur die Beharrlichkeit der Stuttgarter. Auch der Juchtenkäfer ist wegen der leidenschaftlich geführten Diskussion aus dem insektenkundlichen Dunkel ans Licht der Öffentlichkeit gekrabbelt. Zuletzt hat sich Klaus-Peter Murawski (Grüne) zu dem Tier geäußert. Der vormalige Stuttgarter Verwaltungsbürgermeister und heutige Staatssekretär im Staatsministerium hat dem S-21-Projektmagazin „Bezug“ ein Interview gegeben, in dem es auch um den Artenschutz ging. Den gelte es zu beachten, sagt Murawski. Aber der Grüne sagt auch: „Dennoch sind wir gut beraten, den Artenschutz nicht über alles zu stellen.“

Lebensqualität contra Tierschutz

Als Beispiel nennt Murawski etwa eine Population an Mauereidechsen. Das Vorkommen verhindere, dass in Wangen bei den Arbeiten anfallender Abraum auf der Schiene statt mit dem Lastwagen transportiert wird. Murawski: „Ich frage mich bei solchen Zielkonflikten, ob die Lebensqualität der Menschen in der Umgebung, an deren Häusern viele Lastwagen vorbeifahren müssen, im Zweifel einen geringeren Stellenwert hat als jene der Mauereidechsen.“

An anderen Stellen des Projekts wiederum musste die Bahn ganze Populationen der Zauneidechse einsammeln lassen, deren Rückkehr ins angestammte Habitat mit sogenannten Vergrämfolien verhindert werden soll.

600 000 Euro für regelmäßige Kontrollen von Nistkästen

Was sich skurril liest, ist aber dem ernsthaften Anliegen des Artenschutzes geschuldet – und eine nicht ganz billige Angelegenheit. Anfang des Jahres hat die Projektgesellschaft einem Karlsruher Sachverständigenbüro einen mit 600 000 Euro dotierten Auftrag erteilt. Unfachmännisch gesprochen haben die Experten eine Aufgabe: Nistkastenkontrolle.

In einigen Abschnitten des Projekts Stuttgart 21 muss die Bahn als Ausgleichsmaßnahme für die Eingriffe in die Natur Nistkästen aufhängen, um Vögeln und Fledermäusen ein Ausweichquartier zu bieten. So hängen im Bereich des neuen Bahnhofs, im Filderabschnitt bis Wendlingen (Kreis Esslingen), rund um die geplanten Tunnels nach Feuerbach, Bad Cannstatt sowie Ober- und Untertürkheim bereits 106 Nisthilfen. 41 weitere Standorte sind bereits ausgesucht. Die nun beauftragten Experten sollen überprüfen, ob die Kästen auch angenommen werden. Dabei gilt es, sehr genau hinzusehen. „Die Funktionsfähigkeit ist gegeben, wenn der Großteil der Kästen besiedelt wird. Bei Vögeln kann die Besiedelung leicht durch ein Nest im Kasten nachgewiesen werden. Bei Fledermäusen ist der Nachweis schwieriger. Hier weisen Kot und andere Hinterlassenschaften der Tiere auf eine Besiedelung hin“, heißt es in einer Stellungnahme des Kommunikationsbüros.

Auch Kulturschaffende haben zu kämpfen

Drei Jahre lang werden die Vogelhäuschen nun inspiziert. Nach Ablauf dieser Frist entscheidet sich, ob das Verfahren um zwei weitere Jahre verlängert wird. Ursprünglich hatte die Bahn in ihrer Ausschreibung 500 000 Euro für die Nistkastenbeschau kalkuliert. Das Karlsruher Unternehmen Mailänder Geo Consult hat sich den Zuschlag für 600 000 Euro gesichert. Damit kann die Bahn acht Jahre lang auf die Expertise des Unternehmens zurückgreifen. „Ob dieser Vertragswert innerhalb der acht Jahre tatsächlich abgerufen wird, ist noch offen“, heißt es beim Kommunikationsbüro. Sprich: ob tatsächlich die volle Summe fällig wird, ist unklar. Auch die Zahl der Nistkästen könnte sich nochmals erhöhen. Eventuelle Planänderungen könnten dies erforderlich machen, erklärt das Kommunikationsbüro.

Lurchi und Co. machen nicht nur Bahnhofsbauern das Leben schwer. Der ­Kulturzusammenschluss Contain’t steht auch deshalb an seiner bisherigen Stelle am Cannstatter Güterbahnhof auf der Kippe, weil sich auf dem Gebiet eine bestimmte Ei­dechsenart besonders heimisch fühlt.