Stuttgart-Nord - Die Gefühle sind vergleichbar mit dem Besuch der Verwandtschaft. Sie ist willkommen, aber wenn sie wieder abreist, mag sie niemand aufhalten.
Etwa so beurteilen die Bezirksbeiräte des Nordens das Vorhaben, an der Nordbahnhofstraße für mindestens zwei Jahre ein Wohnheim für Flüchtlinge zu eröffnen. Am deutlichsten formuliert die Bezirksvorsteherin Andrea Krueger die Bedenken gegen den Plan des Sozialamts: „In größeren Bezirken haben sie Unterbringungsmöglichkeiten für bis zu 30 Menschen gefunden, da wundert es, dass der Norden mit bis zu 150 bedacht werden soll.“ Und zwar in einem Haus, nicht verteilt auf mehrere.
Diese Meinung teilen, wenn auch eher schweigend, sämtliche Lokalpolitiker. Sie stimmen zu, trotz Einwänden, nach dem Grundsatz: Irgendwo müssen auch Flüchtlinge leben. Stefan Spatz, der stellvertretende Leiter des Sozialamts, bedankt sich „für die faire Diskussion, die ist bei dem Thema nicht selbstverständlich“.
Die Stadt hat jahrelang Unterkünfte geschlossen
Die Zahl der Flüchtlinge steigt wieder, damit auch die Zahl derjenigen, die Stuttgart von Gesetzes wegen aufnehmen muss. Und dafür fehlen die Unterkünfte. Viele Jahre lang war die Entwicklung gegenläufig. Mitte der Neunziger lebten in Stuttgart rund zehnmal mehr Asylanten, als in naher Zukunft zu erwarten sind. Danach kam der Knick. Die Stadt schloss eine Unterkunft nach der anderen und verteilte die Bewohner auf andere Standorte, teilweise gegen massiven Protest der Nachbarschaft, wie in Weilimdorf. Dort wurden sogar Unterschriften dafür gesammelt, dass die Flüchtlinge in ihrer gewohnten Umgebung bleiben dürfen. Geholfen hat es nichts.
Zuletzt schloss die Stadt eine Großunterkunft am Rande von Degerloch. In den Einfachbauten unterrichten inzwischen Lehrer der „Freien Aktiven Schule“ Kinder von Eltern, die dem staatlichen Schulsystem misstrauen. Die Flüchtlinge wurden nach Sillenbuch umquartiert, in die letzte verbleibende Unterkunft von nennenswerter Größe. 170 Asylanten oder Asylbewerber leben dort. Spatz sieht das als Beleg, dass die Betreuer der Stadt auch größere Unterkünfte als die im Norden geplante reibungslos betreiben können. Weder das Haus an der Kirchheimer Straße noch seine Bewohner fallen in irgendeiner Weise in Sillenbuch auf.
Kein Bezirksbeirat fürchtet die Flüchtlinge
Daran zweifelt kein Bezirksbeirat. Niemand fürchtet die Flüchtlinge. Die Achse, um die alle Bedenken kreisen, ist eine andere als Furcht: Die Asylanten werden nicht irgendwo im Norden Stuttgarts leben, sondern im Viertel rund um den Nordbahnhof, dort, wo so gut wie jede Nationalität des Globus vertreten ist, wo das monatliche Einkommen deutlich unter dem Schnitt in Stuttgart liegt, wo es eine Moschee gibt und ein Männerwohnheim, wo die Lasten mit dem Bau von Stuttgart 21 so nah an Wohnhäuser heranrücken, dass die letzten wegziehen werden, die es sich leisten können.
Geht es darum, eine Sozialeinrichtung zu platzieren, „kommt die Stadt immer auf die Nordbahnhofstraße“, argwöhnt der Sozialdemokrat Sebastian Sage. So ist es nicht, sagt Spatz. Vielmehr sei das Haus an der Nordbahnhofstraße ein Glücks- und Idealfall. Es gehört der Stadt, gemietet hat es das Studentenwerk. Es ist schon ein Wohnheim, eines für Studenten. Eigentlich endet der Mietvertrag erst mit dem Ablauf dieses Jahres, aber das Studentenwerk hat auf die letzten neun Monate der Laufzeit verzichtet. Der Zuschnitt der 62 Zimmer passt für Alleinstehende genauso wie für Familien. Kaum etwas muss umgebaut werden. Schon Ende Oktober können die Bewohner einziehen. Und überhaupt: es gebe keine Alternative, sagt Spatz, die Stadt besitzt kaum noch ein anderes geeignetes Haus, und „der Immobilienmarkt ist leer“.
Wäre der Standort am Killesberg, „müssten wir im Großen Sitzungssaal des Rathauses tagen“, sagt der Liberale Armin Serwani – um Platz für protestierende Nachbarn zu haben. Unausgesprochen bleibt, dass auch ihm sein Ja dann ungleich schwerer fallen würde.


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Die sagen doch zu allem Ja, wenn es gegen das eigene Volk geht. Und die Probleme werden noch größer! Ich glaube, das hat System!