Asylbewerber Schlimme Erinnerungen an die Essenspakete

Nicole Höfle, 22.01.2013 17:19 Uhr

Stuttgart - Asylbewerber sollen in Stuttgart Geld ausgezahlt bekommen und nicht mehr wie bisher mit Gutscheinen für Lebensmittel und Hygieneartikel versorgt werden. Das Sozialamt hatte dem Gemeinderat die Umstellung von Sach- auf Geldleistungen vorgeschlagen, die die grün-rote Landesregierung im zurückliegenden Jahr möglich gemacht hat; im vergangenen November hat der Gemeinderat dem zugestimmt. „Für uns ist die Umstellung ein folgerichtiger Schritt – und zwar im Sinne der Flüchtlinge, aber auch im Sinne der Stadt“, sagt der stellvertretende Sozialamtsleiter Stefan Spatz.

Wenn man nicht einmal festlegen kann, wie viel Sprudel man nehmen darf, dann ist das für die Menschen entwürdigend. Stefan Spatz,stellvertretender Sozialamtsleiter

Grüne, SPD und auch die CDU waren für die Umstellung. CDU-Stadtrat Philipp Hill sagte: „Wir sind froh, dass die Zeiten, in denen es Konflikte um die Sachleistungen gab, lange vorbei sind.“ Worauf Hill anspielt, sind die Auseinandersetzungen um die Essenspakete, die in den 1990er Jahren die Stadt bewegten. Nach Verabschiedung des Asylbewerberleistungsgesetzes im Jahr 1993 hatte die Stadt Stuttgart versuchsweise in den Stammheimer Flüchtlingsunterkünften Essenspakete ausgeteilt – das Experiment nach zwei Wochen aber wieder eingestellt. „Das war ein regelrechtes Fiasko“, erinnert sich Spatz. Für viele ethnische Gruppierungen habe die Zusammensetzung der wöchentlichen Lebensmittellieferungen nicht gepasst, die Flüchtlinge hätten sich bevormundet gefühlt. „Wenn man nicht einmal festlegen kann, wie viel Sprudel man nehmen darf, dann ist das für die Menschen entwürdigend“, so der stellvertretende Amtsleiter. Das Sozialamt kehrte schnell zu der vorherigen Praxis zurück und zahlte den Flüchtlingen in den kommunalen Unterkünften wieder Geld aus.

Asylbewerber wussten nichts mit den Paketen anzufangen

Fünf Jahre später sah sich die Stadt dennoch ein weiteres Mal gezwungen, den Asylbewerbern Essenspakete vorzusetzen. Damals übernahm die Stadt die Verwaltung der staatlichen Großunterkunft an der Leitzstraße in Feuerbach. „Wir waren für den Betrieb des Hauses verantwortlich, die Vorgaben aber machte das Land.“ Und die damalige CDU-Regierung bestand darauf, den Asylbewerbern nur Sachleistungen zu gewähren. Als der Lastwagen mit den portionierten Lebensmittelkartons an der Leitzstraße vorfuhr, verweigerten die Flüchtlinge die Annahme. Es kam zu regelrechten Tumulten und Protesten in dem Innenhof der Unterkunft. Die 77 Jahre alte Susanne Bischoff, die sich seit mehr als 20 Jahren in der Flüchtlingsarbeit engagiert, erinnert sich: „Die Menschen haben die Pakete zum Teil einfach weggeworfen.“

Essenspakete gab es damals auch in anderen staatlichen Unterkünften, beispielsweise an der Siemensstraße, dem heutigen Sitz des Theaterhauses, wo Bischoff ehrenamtlich mithalf. „In den Paketen waren Nahrungsmittel wie Karotten, mit denen die Flüchtlinge nichts anzufangen wussten.“ Die 77-Jährige erinnert sich an eine Familie, die irgendwann den Kühlschrank voller Karotten hatte, weil die Mutter nicht wusste, wie sie das Gemüse verwerten soll. Zwar sei kein Schweinefleisch in den Paketen gewesen, aber in einem Fall abgelaufenes Geflügel. „Wir haben damals sofort das Sozialamt verständigt, die Charge wurde daraufhin aus dem Verkehr gezogen.“ Vieles habe den Geschmack der Flüchtlinge einfach nicht getroffen, weshalb die Müllcontainer immer voll gewesen seien mit Lebensmitteln. „Es war für die Flüchtlinge entwürdigend, nicht selbst darüber entscheiden zu dürfen, was auf den Tisch kommt. Und dann noch diese Verschwendung“, urteilt Bischoff.