Atomenergie Importe sind billiger als deutscher Strom

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Das Deutschland verstärkt Atomstrom aus dem Ausland bezieht, entfacht rege Diskussionen. Der Grund dafür ist keineswegs ein Strommangel.

Deutschland importiert seit der Stilllegung älterer Atomreaktoren mehr Strom – auch aus Frankreich, das weiter auf Atomkraft setzt. Im Bild: das Kernkraftwerk Cattenom Foto: dpa
Deutschland importiert seit der Stilllegung älterer Atomreaktoren mehr Strom – auch aus Frankreich, das weiter auf Atomkraft setzt. Im Bild: das Kernkraftwerk Cattenom Foto: dpa

Stuttgart - Die Ansage von Peter Altmaier ist deutlich: "Das Ziel ist, dass wir nicht den alten Atomstrom durch Atomstrom aus dem Ausland ersetzen wollen", ließ der Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag am Dienstag in Berlin verlauten. Der Politiker reagierte damit auf einen Bericht des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), wonach seit dem Abschalten der deutschen Atommeiler vermehrt Strom aus Frankreich und Tschechien eingeführt wurde. Da in Frankreich fast 80 Prozent des Stroms aus Kernkraft erzeugt wird, liegt die Vermutung nahe, dass deutscher Atomstrom durch ausländischen ersetzt wird.

Wegen eines drohenden Strommangels seien solche Importe allerdings keineswegs erforderlich, sagen einhellig mehrere Umweltschutzorganisationen. Kürzlich hat das Ökoinstitut im Auftrag der Umweltstiftung WWF eine Studie zu kurzfristigen Ersatzmöglichkeiten für abgeschaltete Atomkraftwerke vorgestellt. Daraus geht hervor, dass die überschüssige Leistung des deutschen Kraftwerkparks in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist. Diese ergibt sich, wenn man von der insgesamt im Land installierten Leistung aller Kraftwerke und Stromerzeugungsanlagen - also auch der Windräder und Fotovoltaikanlagen - diejenige Leistung abzieht, die aktuell nicht zur Verfügung steht. Dazu zählen etwa Windräder bei Flaute, Kraftwerke in Revision sowie Kapazitäten, die zur Regelung des Stromnetzes unerlässlich sind.

Aus den Zahlen, die das Ökoinstitut vom BDEW übernommen hat, ergibt sich, dass im Jahr 2008 in der Bundesrepublik zum Zeitpunkt der Höchstlast eine Leistung von 132,7 Gigawatt installiert war. Zieht man die erwähnten nicht zur Verfügung stehenden Kapazitäten ab, kommt man auf 90,5 Gigawatt. Als Last - also maximaler Stromverbrauch - wurden damals 76,8 Gigawatt angegeben. Mithin verbleibt, so die Bilanz des Ökoinstituts, eine verbleibende Überschussleistung von 13,7 Gigawatt.

Heimische Reserven bleiben ungenutzt

Davon ziehen die Experten des Instituts noch einmal etwa die Hälfte als Reserve für unvorhergesehene Engpässe ab. Damit kommen sie auf eine "Langfristreserve" von 6,6 Gigawatt. Das ist allerdings weniger als die 8,4 Gigawatt Leistung, die nach Angaben des Deutschen Atomforums durch die Abschaltung der vom Moratorium betroffenen Meiler derzeit entfallen. In der Studie des Ökoinstituts werden aber noch weitere Szenarien durchgerechnet. Werden unter anderem die starken Zuwächse in der installierten Leistung bei den regenerativen Energien seit 2008 berücksichtigt, kommt das Institut auf zusätzlich verfügbare Kapazitäten von mindestens 8,7 Gigawatt, die der derzeitige deutsche Kraftwerkspark liefern kann, und zwar "unter Berücksichtigung aller Nichtverfügbarkeiten und der notwendigen Reservekapazitäten", wie in der Studie betont wird.

Warum aber greifen die Energieversorger dann nicht auf die heimischen Kapazitäten zurück, anstatt Strom aus dem Ausland zu importieren? Technisch wäre die Nutzung der eigenen Kraftwerke kein Problem, heißt es beim Ökoinstitut, aber offensichtlich sei Atomstrom aus dem Ausland derzeit attraktiver. Und der Naturschutzbund Nabu hat erkannt, dass nun verstärkt dafür gesorgt werden müsse, die erneuerbaren Energien billiger zu machen - damit Atomstrom nicht mehr nur deshalb importiert werde, weil er billiger sei. Doch daran wird sich so schnell nichts ändern. Solange Atomstrom aus dem Ausland im Überfluss und damit preisgünstig zur Verfügung steht, werden die Energieversorger kaum ihre in die Jahre gekommenen einheimischen Kraftwerke mobilisieren. Und schon gar nicht werden sie ihre bereits eingemotteten Anlagen wieder anfahren. Diese sogenannte Kaltreserve hat nach Recherchen des Ökoinstituts eine Kapazität von etwa 2,5 Gigawatt: je etwa 400 Megawatt Leistung aus alten Braun- und Steinkohlekraftwerken sowie etwa 1700 Megawatt aus ruhenden Erdgas- und Heizölkraftwerken.

Derzeit ist der Betrieb solcher Anlagen wirtschaftlich zwar nicht rentabel, doch bei steigenden Strompreisen könnte die Kalkulation wieder anders aussehen. Dann allerdings dürften auch die regenerativen Energiequellen Sonne und Wind ökonomisch attraktiver werden.