Atomtests in Nordkorea Das Regime zündelt wieder

Von Finn Mayer-Kuckuk 

Das Regime in Pjöngjang behauptet, eine Wasserstoffbombe getestet zu haben. Experten bezweifeln, dass das Land die technischen Fähigkeiten dafür besitzt. Die verursachte Erschütterung zeichneten selbst Erdbebenwarten in Deutschland auf.

Kim Jong-un (oben) will das Drohpotenzial seines Landes erhöhen. Berichte über den Atomtest sorgten am Mittwoch für Sorge im  benachbarten Südkorea (Mitte). Im Zentrum für Erdbeben und Vulkane in Seoul wurde die Explosion aufgezeichnet (unten). Foto: KCNA
Kim Jong-un (oben) will das Drohpotenzial seines Landes erhöhen. Berichte über den Atomtest sorgten am Mittwoch für Sorge im benachbarten Südkorea (Mitte). Im Zentrum für Erdbeben und Vulkane in Seoul wurde die Explosion aufgezeichnet (unten).Foto: KCNA

Stuttgart - Die Stimme der Nachrichtensprecherin überschlägt sich fast vor Begeisterung, dann geht sie in Pathos über: „Unser Land hat eine miniaturisierte Wasserstoffbombe getestet und damit seine atomare Macht auf eine neue Stufe gehoben!“ Was Nordkorea mit so viel Stolz verkündet, versetzt seine Nachbarländer in Unruhe: Der junge Machthaber Kim Jong-un demonstriert, dass er die nukleare Aufrüstung fortsetzen will.

Dem totalitären Regime des Landes ist am Mittwoch offensichtlich zum vierten Mal ein Atomtest gelungen. Erdbebenwarten weltweit haben Erschütterungen aufgefangen, die auf die Detonation einer Atombombe hinweisen. Experten bezweifeln jedoch, dass es sich um eine Wasserstoffbombe gehandelt hat. Das Erdbeben war dafür nicht stark genug; außerdem sind die technische Fähigkeiten Nordkoreas vermutlich noch nicht weit genug entwickelt. Das Land testet seine Bomben unterirdisch – Fernsehbilder von der Explosion selbst gibt es nicht.

Selbst China reagiert verärgert

Sämtliche Nachbarländer und die Weltgemeinschaft reagierten entsetzt über den neuen Atomtest. Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye nannte das Verhalten des Nordens eine „Provokation und eine schwere Bedrohung für Frieden und Stabilität“ in Asien. „Nordkorea wird einen Preis dafür zahlen müssen.“ Auch Japan zeigte sich sehr besorgt.

Viel schwerer wiegt jedoch die Kritik aus China, dem letzten verbliebenen Verbündeten Nordkoreas. Peking hatte zuletzt darauf gedrängt, Abrüstungsverhandlungen zwischen Nordkorea sowie Russland, Südkorea, Japan und den USA wieder aufzunehmen. Die Chance für die Fortsetzung dieser Sechsparteiengespräche liegt nun bei Null. Pjöngjang hat Peking damit vor den Kopf gestoßen. „Die Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen beiden Ländern können ziemlich schlecht sein“, sagt Zhang Liangui, Nordkorea-Experte an der Zentralen Parteischule in Peking. „Es handelt sich dabei um einen Verstoß gegen das Vorhaben, die koreanische Halbinsel zu einer kernwaffenfreien Zone zu machen.“

Kim Jong-un tickt anders als sein Vater

Chinas Staatsmedien spielten den Test am Mittwoch herunter, um Kim den Propagandaerfolg zu nehmen. Der Machthaber meint es derweil bitter ernst mit dem Aufbau eines nuklearen Arsenals. „Seinem Vater, Kim Jong-il, ging es mit seinen Atomtests noch in erster Linie darum, Verhandlungsmasse zu gewinnen“, sagt Narushige Michishita, Nordkorea-Experte am National Graduate Institute for Policy Studies (Grips) in Tokio. Der ältere Kim habe sich regelmäßig durch Wirtschaftshilfe dazu bringen lassen, das Nuklearprogramm wieder auf Eis zu legen. Der Sohn wolle das Programm jedoch durchziehen, um das Ausland wirksam bedrohen zu können. Nur darin sieht er eine Möglichkeit, seine Macht im In- und Ausland zu behaupten.

Der wichtigste Aspekt ist laut Michishita die Verehrung, die das Volk seinem „respektierten Führer“ Kim Jong-un entgegenbringen soll. Die Propaganda stellt den Machthaber als Garant für die Freiheit des Landes dar: Er schütze die Bürger mit mächtigen Atomwaffen vor Eroberung, Demütigung und Sklaverei.

Trotz jahrzehntelanger Anstrengungen gelang Nordkorea erst 2006 der Test einer Plutonium-Bombe. Ein entscheidendes Element fehlt Nordkorea jedoch zur echten Atommacht: Eine Trägerrakete, die die Massenvernichtungswaffen an weit entfernte Ziele tragen kann. Das Land verfügt zwar über Raketen, die den Weltraum erreichen können. Für diese Systeme sind die Bomben jedoch zu groß – und es ist technisch aufwendig, sie zu verkleinern.

Die Erschütterung wurde weltweit aufgezeichnet

Noch aufwendiger ist die Entwicklung einer Wasserstoffbombe. Während eine Atombombe auf dem Prinzip der Kernspaltung basiert, verschmelzen bei der Explosion einer Wasserstoffbombe die beteiligten Atomkerne. Dabei wird wesentlich mehr Energie frei als bei der Kernspaltung. Die USA und Russland haben jahrelang mit gewaltigem Aufwand daran geforscht, solche Fusionsbomben zu bauen. Chinesische Analysten zweifeln denn auch am plötzlichen Entwicklungssprung der Nordkoreaner. „Das Muster der seismischen Aktivität weist allerhöchstens auf einen simpleren Typ hin, eine durch Fusion lediglich verstärkte Atombombe“, sagt Du Wenlong von Akademie für Militärwissenschaft der Volksbefreiungsarmee.

Erdbebenwarten weltweit, auch in Deutschland, haben Erschütterungen mit einer Magnitude zwischen 4,9 und 5,1 gemessen. Das ist genauso viel wie beim vorigen nordkoreanischen Test. „Eine vollwertige Wasserstoffbombe würde dagegen ein um Größenordnungen stärkeres Beben auslösen“, sagt Du.

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