Aufmerksamkeitsdefizit
Reifeprüfung eines Chaosprinzen
Natascha Mahle,
08.02.2010 20:00 Uhr
Johannes Mertens mit Schulpsychologin Filka Kuszmierz und der Therapiehündin Paula. Foto: Horst Rudel
Ein Knautschball gegen die Unruhe
Im Februar 2003 begegnet Filka Kuszmierz in der Mini-Notschule Johannes zum ersten Mal. "Er war ein kleiner, schmächtiger Kerl mit furchtbar abgebissenen Fingernägeln und einem Mund so schnell, wie das Gehirn funktioniert", erinnert sie sich. Die junge Psychologin nimmt sich seiner an, lässt ihn gewähren, erteilt keine Ratschläge. Wenn er etwas will, soll er kommen, sie drängt sich nicht auf. Johannes summt, redet, zappelt. Filka Kuszmierz kontert mit dem Welpen Paula. Instinktiv rollt sich das Tier neben den Füßen des unruhigsten Kindes zusammen - bei Johannes. Der Junge legt die Hand auf Paulas kleinen Körper. Das macht Johannes noch heute so, wenn er die Therapiehündin trifft.
Im Gegensatz zu manchen Mitschülern, die die Mini-Notschule nach einigen Monaten wieder verlassen, ist Johannes dort fünf Jahre lang. Für andere Menschen selbstverständliche Dinge erlernt er mühsam - Vertrauen aufbauen, jemanden akzeptieren, auch wenn man ihn nicht leiden kann. Er macht Fortschritte: In den wöchentlichen Therapiesitzungen bei seiner Vertrauten Filka lässt er all das heraus, was er normalerweise versteckt. Doch es bleibt das Problem, dass die 30 Radiosender in seinem Kopf weiterhin parallel laufen. Die Pädagogen bringen ihm mühsam Strategien bei, um die Unruhe auszubremsen. Kneten und Quetschen eines Knautschballs oder gezieltes Kritzeln während des Unterrichts sollen helfen, die Unruhe gezielt zu steuern.
Wir-Gefühl an neuer Schule
Mittlerweile ist Johannes zum Teenager gereift, er entdeckt die Straße und den Böblinger See, der Treffpunkt verschiedenster Randgruppen ist: Junkies, Obdachlose, Alkoholiker. Filka Kuszmierz ist enttäuscht: "Darauf habe ich nicht jahrelang hingearbeitet, damit du letztendlich im Knast landest." Sie zieht die Reißleine - und sich zurück. Johannes kommt ins Grübeln.
Im Januar 2009 entsteht in Esslingen eine neue Schule, finanziert über einen Trägerverein mit Geld von Eltern, die nicht akzeptieren wollen, dass ADHS-krank mit Verlierer gleichgesetzt wird. Ein Gymnasium, speziell ausgerichtet auf die Bedürfnisse dieser Schüler, wo das bewährte pädagogische Konzept der Mini-Notschule angewendet wird. "Unsere Schule ist ein Sammelbecken", sagt der Rektor Thomas Dahm. "Die meisten unserer Schüler könnten an einer Regelschule den Unterricht komplett sprengen."
Das Konzept ist simpel: Konsequenz und Transparenz. Die Schüler können sich im Unterricht Punkte verdienen. Nicht erledigte Hausaufgaben, fehlendes Material oder Unaufmerksamkeit während der Schulstunde ergeben keine Punkte. Die logische Konsequenz von ungenügend viel verdienten Punkten: das Verpasste nachholen - auch frühmorgens vor Unterrichtsbeginn.
Die Eltern sind dank des wöchentlichen Berichtes immer auf dem aktuellen Wissensstand. Zudem sollen Lehrer und Schüler ein Wir-Gefühl entwickeln. Gemeinsames Mittagessen steht ebenso auf dem Plan wie tägliche außerschulische Projekte. Den Schüler als Mensch wahrzunehmen und ihn kennenzulernen soll hierbei die Basis sein für eine gelungene Beziehungsarbeit.
Chaosprinz wird Schülersprecher
Filka Kuszmierz übernimmt die psychologische Leitung am Privaten Gymnasium, einige Schüler der Mini-Notschule wechseln. Johannes bleibt. Er macht den Hauptschulabschluss, ein Zivildienstleistender hilft ihm bei den Prüfungsvorbereitungen. Einmal wöchentlich sieht er Filka zur Therapiestunde am Privaten Gymnasium. Als er während einer Sitzung fragt, was Filka in den Ferien so gemacht habe, antwortet sie: "Ich habe geheiratet."
Johannes ist platt. Ein Running Gag zwischen beiden war Johannes' Frage, wann Filka ihrem langjährigen Freund endlich das Jawort gibt. "Ich heirate, wenn du mal das Abi machst", hatte sie stets geantwortet. Johannes zieht die Konsequenz: er will sein Abitur machen.
Der damalige Schulleiter des Privaten Gymnasiums, das Lehrerkollegium und Filka Kuszmierz sind sich in einer Sache allerdings einig: nicht an dieser Schule! "Ich lasse mir meine Schule nicht von dir kaputt machen", sagt der damalige Rektor zu Johannes, der gerade inmitten seiner tiefsten Pubertät steckt - aggressiv, pöbelnd, Alkohol und Zigaretten nicht abgeneigt.
Doch der Chaosprinz von einst fordert eine Chance und bekommt sie: Man gewährt ihm eine Probezeit. Heute ist Johannes Mertens stellvertretender Schülersprecher des Privaten Gymnasiums Esslingen.
Mehr Informationen unter http://www.privates-gymnasium.de »
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Chaosprinzen
Ich fand den Artikel sehr schön. Erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die sich so für Schüler einsetzen. Normalerweise fallen solche Kinder durch das Raster und es ist der Gesellschaft egal was aus ihnen wird. Mich interessieren auch nicht Rechtschreibfehler oder falsche Zeitformen. Mich interessiert immer die Geschichte und die Menschen die dahinter stecken. Großes Lob an Frau Kuszmierz und allen, die diesem Jungen und allen anderen an dieser Schule eine Chance geben. P.S. Wer Rechtschreibfehler findet...darf sie behalten
Herrn Hein
Korrekt, das Gras wächst manchmal sehr laut - auch wenn Sie in Ihrer Welt, die da eloquent, durchgängig sowohl geschichts-, als auch wissensfest, stets mit einem roten Faden versehen und somit durchaus strukturiert ist, gibt es, das große Ganze betrachtet, doch wesentliche Punkte, die mir leider in Ihrem, sprachlich absolut gelungenen Kommentar, fehlen. Ihre, sich wohlig zwischen den Zeilen orientierende, Intelligenz möchte ich keinesfalls mit einer banalen Aufzählung beleidigen. Ich würde mich persönlich allerdings sehr freuen, wenn sie, geehrter Herr Hein, diesem Artikel, genauso, wie es "zum Glück", frei nach Antoine de Saint-Exupéry - "herzensehende" Menschen mit Johannes getan haben, noch eine Chance geben könnten. Denn leider wird dieses ernste Thema noch immer von zu vielen querschießenden Interessen, deren fehlende Aufzählung sie mir bitte nachsehen mögen, in ein Milieu gedrängt, aus dem sich, zum Beispiel die Depression, Magersucht und der "Burnout", zu Lasten vieler Existenzen, sprich M E N S C H E N, zuletzt erst haben befreien können! Ich wünsche Johannes, stellvertretend für alle Chaosprinzessinnen und -prinzen - jedoch auch persönlich - von ganzem Herzen "alles Gute" und stets einen Sonnenstrahl, gleich woher, der Ihnen beim Kampf gegen jedwede Windmühle, jedes System, die Matrix, wie-auch-immer, den Weg zu einem, sie ganz persönlich erfüllendem Leben, weisen möge... Möge diese Kraft mit Euch und allen Menschen auf diesem Rotationsellipsoid sein - schöne Grüße an die Grammatik ;-) mfG Thorbjörn Weireter
MPH und Grammatik
Dank gebührt Frau Mahle für diesen sensiblen Artikel. Zwei Anmerkungen zu den Kommentaren: 1. Auch für MPH wie für alle anderen Medikamente einschließlich ASS gilt die unterschiedliche Wirkung bei unterschiedlichen Menschen. 2. Es ist interessant, wie jemand sehr Gescheites in wenigen Zeilen Kritik am Stilmittel des durchgehaltenen Präsens nicht weniger als sieben Rechtschreibfehler unterbringen kann (ihre [fälschlich groß geschrieben], sich zu Nutze machen [ein "sich" weggelassen und Nutzen geschrieben], Tempora [falscher Plural], das Präsens [männlichen Artikel benutzt], überzustrapazieren [das "zu" weggelassen], falsches Komma nach "Chaosprinz"). Das spricht für sich... (Duden?!?)