Aufmerksamkeitsdefizit Reifeprüfung eines Chaosprinzen
Natascha Mahle, 08.02.2010 20:00 Uhr
Johannes Mertens mit Schulpsychologin Filka Kuszmierz und der Therapiehündin Paula. Foto: Horst Rudel
Johannes Mertens mit Schulpsychologin Filka Kuszmierz und der Therapiehündin Paula. Foto: Horst Rudel
Esslingen - Der schwarze Kapuzenpulli ist einige Nummern zu groß, die Wollmütze hat er tief ins Gesicht gezogen, "Schnaps" ist krakelig mit einem Eddingstift auf seine Turnschuhe gekritzelt. Abwesend lehnt Johannes Mertens, Schüler des Privaten Gymnasiums Esslingen, an der Wand vor seinem Klassenzimmer. Der 17-Jährige wirkt wie der personifizierte Lehrerschreck. Seine Lebensphilosophie: auffallen und provozieren.

Es ist 8.15 Uhr, 70 Schüler finden sich in dem tristen Gebäude in der Rotenackerstraße ein. Das Bild gleicht dem an Tausenden Schulen in Deutschland. Doch spätestens als der Schulleiter Thomas Dahm die Jugendlichen begrüßt, mit ihnen den Tagesablauf bespricht und dabei die hauseigene Therapiehündin Paula durch die Meute wuselt, wird klar, dass hier keine gewöhnlichen Pennäler die Schulbank drücken. Das Private Gymnasium Esslingen bietet Kindern und Jugendlichen, die unter der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, leiden, ein gymnasiales Bildungsangebot - als erste Schule im deutschsprachigen Raum.

"Extrem ablenkbar und unaufmerksam"


Die Flure leeren sich. Nach und nach verschwinden die Schüler mit ihren Lehrern in den Klassenräumen, begleitet von einer Psychologin und zwei Sozialarbeiterinnen. Nur Johannes Mertens steht noch da. "Was suchst du noch hier auf dem Gang?" fragt Psychologin Filka Kuszmierz, eine 31-jährige, zarte Frau mit hellbraunen Haaren. Johannes schaut kurz auf und schlendert dann in sein Klassenzimmer zu den insgesamt fünf Mitschülern, der wuschelige Tibetterrier Paula trottet hinterher.

Dass Johannes anders tickt als die meisten seiner Mitmenschen, zeigt sich schon im Kindergarten. Während andere seelenruhig Memory spielen, ist er immer auf Wanderschaft, hetzt von einem Spiel zum nächsten. Dennoch beruhigt die Erzieherin Johannes' verunsicherte Mutter: "Seien Sie froh, er ist zwar extrem ablenkbar und unaufmerksam, aber trotzdem ein liebes und beliebtes Kind."

Johannes' Mutter ist sich trotzdem sicher, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. Seine zwei Brüder sind ganz anders. Während Johannes unter Hochspannung steht, versucht die Mutter die Konzentration ihres Jüngsten zu fördern: Bilderbücher lesen, Mandalas malen. Sie sucht professionelle Hilfe beim Ergotherapeuten, liest Fachbücher. Nichts hilft. Der Sohn bleibt ein Chaosprinz mit nicht zu bremsendem Redeschwall. Die Mutter vergleicht ihn mit einem Radio: morgens angestellt läuft er bis abends durch.

Methylphenidat und Kindertherapeut


Die Situation verschärft sich in der Grundschule. Auch wenn die Klassenlehrerin außergewöhnlich bemüht ist um den Sechsjährigen, lassen sich die Auffälligkeiten im Schulalltag nicht kompensieren. Seine Eltern suchen ärztlichen Rat. Die Diagnose steht bald fest: Johannes Mertens ist hochgradig von ADHS betroffen. Bei ihm funktioniert die Auffassung von Informationen oder Sinneseindrücken anders, sein Gehirn kann Wesentliches nicht von Unwesentlichem unterscheiden. Dies wirkt sich vor allem im Klassenzimmer negativ aus. Während die Mitschüler den Erzählungen des Lehrers lauschen, hört zwar auch Johannes jemanden reden - aber gleichzeitig den Sitznachbarn schniefen, die Fliege summen und das Flugzeug am Himmel kreisen.

Der reizüberflutete Junge bekommt das Medikament Methylphenidat verschrieben, das aufgrund möglicher Nebenwirkungen umstritten ist. Johannes' Zustand verbessert sich nur leicht: Eine Therapie soll helfen. Der Grundschüler besucht vier Jahre lang wöchentlich einen Kindertherapeuten. Dieser erzählt den Anfang einer Geschichte, Johannes soll sie ergänzen. Seine Gedanken und Einfälle sollen sein Seelenleben widerspiegeln. "Genützt hat mir das gar nichts, das war absolut sinnlos", sagt Johannes heute. "Der Typ wollte immer etwas in mich hineininterpretieren, aber erreicht hat er mich nie."

Als Zehnjähriger "unbeschulbar"


Trotz seiner Verhaltensauffälligkeiten rutscht Johannes Mertens durch die Grundschule. Seine Intelligenz und sprachliche Gewandtheit sind herausragend. Ein Besuch des Gymnasiums ist dennoch unvorstellbar, da Johannes nicht einmal im Ansatz dazu fähig ist, seine schriftlichen Aufgaben zu erledigen. Der Zehnjährige wechselt auf die Realschule. Die heimelige kleine Grundschule weicht einem Riesengebäudekomplex, die vertrauten Mitschüler, die wissen, wie man ihn nehmen muss, fehlen.

Ein halbes Jahr später ist die Situation komplett verfahren. Johannes' Krankheit gepaart mit einem enorm freiheitsliebenden und unbeugsamen Charakter sind mit dem normalen Schulunterricht nicht vereinbar. Der Fünftklässler spielt gerne Spielchen, testet sein Gegenüber, sucht die Schwächen und nutzt diese gnadenlos aus. Wenn ihm jemand Paroli bieten kann, wird Johannes' Neugier geweckt: "Wie tickt diese Person, hat sie meinen Respekt und mein Ansehen überhaupt verdient?" Doch niemand erreicht ihn, nicht einmal die Eltern. Johannes gilt als Zehnjähriger bereits als unbeschulbar. Er landet in der ADHS-Mini-Notschule im Kindertherapeutischen Zentrum in Esslingen.

Kommentare (5)
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FEB
17
Miriam Fröschle, 20:28 Uhr

Chaosprinzen

Ich fand den Artikel sehr schön. Erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die sich so für Schüler einsetzen. Normalerweise fallen solche Kinder durch das Raster und es ist der Gesellschaft egal was aus ihnen wird. Mich interessieren auch nicht Rechtschreibfehler oder falsche Zeitformen. Mich interessiert immer die Geschichte und die Menschen die dahinter stecken. Großes Lob an Frau Kuszmierz und allen, die diesem Jungen und allen anderen an dieser Schule eine Chance geben. P.S. Wer Rechtschreibfehler findet...darf sie behalten

FEB
14
Thorbjörn Weireter, 04:40 Uhr

Herrn Hein

Korrekt, das Gras wächst manchmal sehr laut - auch wenn Sie in Ihrer Welt, die da eloquent, durchgängig sowohl geschichts-, als auch wissensfest, stets mit einem roten Faden versehen und somit durchaus strukturiert ist, gibt es, das große Ganze betrachtet, doch wesentliche Punkte, die mir leider in Ihrem, sprachlich absolut gelungenen Kommentar, fehlen. Ihre, sich wohlig zwischen den Zeilen orientierende, Intelligenz möchte ich keinesfalls mit einer banalen Aufzählung beleidigen. Ich würde mich persönlich allerdings sehr freuen, wenn sie, geehrter Herr Hein, diesem Artikel, genauso, wie es "zum Glück", frei nach Antoine de Saint-Exupéry - "herzensehende" Menschen mit Johannes getan haben, noch eine Chance geben könnten. Denn leider wird dieses ernste Thema noch immer von zu vielen querschießenden Interessen, deren fehlende Aufzählung sie mir bitte nachsehen mögen, in ein Milieu gedrängt, aus dem sich, zum Beispiel die Depression, Magersucht und der "Burnout", zu Lasten vieler Existenzen, sprich M E N S C H E N, zuletzt erst haben befreien können! Ich wünsche Johannes, stellvertretend für alle Chaosprinzessinnen und -prinzen - jedoch auch persönlich - von ganzem Herzen "alles Gute" und stets einen Sonnenstrahl, gleich woher, der Ihnen beim Kampf gegen jedwede Windmühle, jedes System, die Matrix, wie-auch-immer, den Weg zu einem, sie ganz persönlich erfüllendem Leben, weisen möge... Möge diese Kraft mit Euch und allen Menschen auf diesem Rotationsellipsoid sein - schöne Grüße an die Grammatik ;-) mfG Thorbjörn Weireter

FEB
12
Wolf Hein, 10:15 Uhr

MPH und Grammatik

Dank gebührt Frau Mahle für diesen sensiblen Artikel. Zwei Anmerkungen zu den Kommentaren: 1. Auch für MPH wie für alle anderen Medikamente einschließlich ASS gilt die unterschiedliche Wirkung bei unterschiedlichen Menschen. 2. Es ist interessant, wie jemand sehr Gescheites in wenigen Zeilen Kritik am Stilmittel des durchgehaltenen Präsens nicht weniger als sieben Rechtschreibfehler unterbringen kann (ihre [fälschlich groß geschrieben], sich zu Nutze machen [ein "sich" weggelassen und Nutzen geschrieben], Tempora [falscher Plural], das Präsens [männlichen Artikel benutzt], überzustrapazieren [das "zu" weggelassen], falsches Komma nach "Chaosprinz"). Das spricht für sich... (Duden?!?)

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