Augsburger Puppenkiste Das Urmel ist noch immer lustig

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Die Augsburger Puppenkiste und ihr Chef Klaus Marschall sind im Rahmen der Stuttgarter Dragon Days ausgezeichnet worden. Nur: Können Urmel, Jim Knopf und Kater Mikesch heute überhaupt noch Kinder unterhalten? Ein Interview.

Klaus Marschall leitet die Augsburger Puppenkiste in der dritten Generation. Welche Puppe die Zuschauer am liebsten mögen? Marschall tippt auf Jim Knopf. Foto: Gottfried Stoppel
Klaus Marschall leitet die Augsburger Puppenkiste in der dritten Generation. Welche Puppe die Zuschauer am liebsten mögen? Marschall tippt auf Jim Knopf. Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - „Ramschassar!“, sagt Klaus Marschall laut und rollt vernehmlich das R. Am Tisch wenden sich ein paar überraschte Gesichter in seine Richtung. Der 53-Jährige sitzt im Restaurant Vinum im Literaturhaus. Er leitet die Augsburger Puppenkiste, die von seinem Großvater Walter Oehmichen 1948 gegründet wurde, seit mehr als zwanzig Jahren. Das Puppenspiel wurde am Donnerstag während des Stuttgarter Dragon Days Fantastikfestival im Literaturhaus mit dem „Schwäbischen Lindwurm für herausragenden Leistungen für die Fantastik“ ausgezeichnet.

Wir haben Klaus Marschall gefragt, ob Urmel, Jim Knopf und Kater Mikesch auch heute noch Kinder unterhalten können. Und wir haben die Gelegenheit genutzt, uns mit ihm an unsere liebsten Zitate aus der Puppenkiste zu erinnern. Welche Figur den Ausruf „Ramschassar!“ prägte? Nur die „Schlupp-Generation“ kennt die Antwort.

Herr Marschall, wie haben Sie reagiert, als Sie erfuhren, dass die Augsburger Puppenkiste den „Schwäbischen Lindwurm für herausragende Leistungen für die Fantastik“ verliehen bekommt?
Ehrlich gesagt kannte ich den Preis vorher gar nicht und war daher überrascht. Sobald ich die Begründung der Jury gelesen hatte, war ich aber ganz begeistert. Darin hebt sie nämlich genau das hervor, was aus unserer Sicht die Augsburger Puppenkiste so einzigartig macht: Die Fantasie, die hinter dem Figurentheater steckt.
Der Kinderkanal nahm die Augsburger Puppenkiste 2011 aus dem Programm – angeblich mit der Begründung, das Marionettentheater sei „nicht mehr zeitgemäß“. Was sagen sie zu dieser Einschätzung?
Also zunächst einmal haben wir definitiv die Information, dass eine Redakteurin des Kinderkanals das so begründet hat. Wir haben natürlich massiv widersprochen und die empörten öffentlichen Reaktionen haben uns Recht gegeben. Das Puppentheater befriedigt die Sinne eben ganz anders. Wir liefern ein unvollständiges Bild, das mit Fantasie ergänzt werden muss. Heutzutage gibt es immer perfektere Animationsfilme, die befriedigen die Fantasie aber nicht. Die Hutschnur geht mir endgültig hoch, wenn ich höre, die Kinder seien an diese neue Unterhaltung eben gewöhnt. Man kann sich an alles gewöhnen, wenn man genug davon vorgesetzt bekommt! Das sagt überhaupt nichts über die Qualität der Unterhaltung aus.
Der Hessische Rundfunk hat fast alle Fernsehsendungen der Puppenkiste produziert. Dessen Pressesprecher sagte in einem Interview, dass viele Eltern ihre eigene Fernsehsozialisation mit der Puppenkiste nostalgisch verklären würden. Zeigen viele Erwachsene ihren Kindern vor allem aus Nostalgie die Augsburger Puppenkiste?
Das kann durchaus sein und über diese Nostalgie freuen wir uns. Natürlich haben wir nicht mehr die Präsenz, die wir in den 70er Jahren hatte. Aber wenn Eltern aus nostalgischen Gründen ihre Kinder heute mit in eine Vorführung der Puppenkiste nehmen, dann gehen die Kinder trotzdem ganz begeistert raus. Und wir erleben es regelmäßig, das Eltern oder Großeltern bei uns im Shop eine DVD kaufen und bald darauf die nächste holen, weil die erste seither in Dauerschleife gelaufen ist.
Was macht denn aus Ihrer Sicht diese Nostalgie, diese fast lebenslange Begeisterung für die Puppenkiste aus?
Zunächst einmal muss man sagen, dass es früher nur drei Programme gab. Da gab es im Fernsehen noch richtige Straßenfeger. Heute ist Fernsehen ja ein Nebenbeimedium geworden. Aber heute kommen immer noch Leute auf mich zu, die sagen: „Wir sind mit dem Urmel groß geworden!“ Man muss sich das mal vorstellen – das Urmel hatte nur vier Folgen. Und diese vier Folgen haben damals eine ganze Kindheit geprägt! Das erreicht heute auch eine Serie mit 200 Folgen nicht mehr. Das liegt aber sicher auch daran, dass das Figurentheater ein viel intensiveres Erlebnis ist. In einem Kinofilm schauen Sie sich nur die Fantasien eines anderen Menschen an. Das Puppentheater geht nur den halben Weg. Im Endeffekt wackelt da einer mit einem Stück Holz – der Rest passiert im Kopf des Zuschauers und das prägt sich ein. Kein Kind hinterfragt, dass bei der Augsburger Puppenkiste das Meer mit Folie dargestellt wird. Das machen nur Erwachsene.
Welche Figur der Augsburger Puppenkiste ist Ihnen am liebsten?
Also mich verbindet viel mit dem Augsburger Kasper. Vielleicht, weil ich ihm schon seit zwanzig Jahren meine Stimme schenke. Der Kasper ist zwar immer naseweis, aber ohne damit unangenehm aufzufallen. Bei all seiner Frechheit bleibt er liebenswert.
Welche Figur ist Ihrer Meinung nach den Zuschauern am liebsten?
In erster Linie ist das wohl Jim Knopf. Die Filme wurden ja zwei Mal aufgezeichnet – erst in Schwarzweiß, später noch mal in Farbe. Daher hat Jim Knopf mehrere Generationen erreicht und ist wohl bekannter als das Urmel. Ansonsten teilt sich das ja in verschiedene Generationen: Es gibt etwa die Kater-Mikesch-Generation und die jüngere Schlupp-Generation.
Da würde ich mich dazuzählen, zur Schlupp-Generation.
Sehen Sie.